So erlebten Bielefelder Kinder Not und Schrecken des Krieges

Wie war das damals? Ursula Bembenek, Jahrgang 1930, erinnert sich

 

Bielefeld. „Wie war das damals?", fragte die NW-Lokal-redaktion vor einigen Wochen die Bielefelder Leser. Viele meldeten sich, teils telefonisch, teils mit eigenen kleinen Erlebnisberichten. Eine dieser Schilderungen fällt aus dem Rahmen, weil sie bis ins einzelne jene schreckliche Not wieder in Erinnerung ruft, die der Krieg über die Zivilbevölkerung gebracht hatte. Es war ein Leben voller Entbehrungen, mit immer neuem Entsetzen und Kummer. Viele Mütter leisteten damals Unvorstellbares für ihre Kinder. Heute sieht die Welt völlig anders aus. Kinder von heute werden gar nicht begreifen, daß es so etwas einmal gab. Gerade deshalb drucken wir diese Geschichte der heute 55 Jahre alten Ursula Bembenek vom Palmenweg 7a in Senne ab. Mancher Bielefelder wird in ihrer Schilderung sein eigenes Schicksal wiedererkennen:

Meine Familie bestand aus meiner Mutter, zwei Brüdern (Jahrgang 1933 und 1934) und mir (Jahrgang 1930). Vati war als Soldat eingezogen worden. Meine Mutter hatte also allein für uns zu sorgen, und das war in dieser Zeit wahrlich nicht einfach. Sie war zum Kriegsdienst verpflichtet worden und nähte in der sogenannten „Luftwaffe“ Uniformen für unsere Soldaten. Wir Kinder mußten uns quasi allein versorgen. Wir gingen zur Schule, besorgten die Säuberung der Wohnung und mußten auch noch für zusätzliches Essen sorgen. Die Marken reichten nicht immer aus, und wir hatten keine Möglichkeiten, Tauschgeschäfte mit den Bauern zu machen, um dadurch Lebensmittel zu bekommen. Wir halfen dann bei der Ernte; d. h. wir suchten Kartoffeln nach, und wenn wir bei der Getreideernte stundenlang geschwitzt hatten, weil die Arbeit ja für uns ungewohnt war, fiel schon mal ein Getreidebündel ab. In einer alten Kaffeemühle wurden die Körner dann zu „Mehl“ gemahlen.

Einmal hatten wir ein Feld entdeckt, auf dem sogenanntes „Schweinefutter“ wuchs. Das waren verschiedene Kornsorten und braune Bohnen (Schweinebohnen). Wir nahmen uns vor, von diesen Bohnen einige für uns nach Hause zu holen, ohne jemand etwas davon zu sagen. Wir Kinder schlichen uns also in der Dämmerung in das Feld und ernteten die Schweinebohnen, und zwar voller Angst, denn wir taten je etwas Ungesetzliches. Zu allem Überfluß gab es dann noch ein Gewitter. Unsere Angst verstärkte sich dadurch ins Unermeßliche, und wir rasten in panischer Angst durch Blitz und Donner nach Hause. Seitdem habe ich bei Gewitter sehr große Angst, und ich habe den Vorfall im Kornfeld nie vergessen können.

[Dieser Bericht von Ursula Bembenek ist der erste aus einer Serie von Berichten, die die Lokalredaktion aus Anlaß der vierzigsten Wiederkehr jener Tage veröffentlicht, in denen für die Bielefelder der Krieg zu Ende ging. Weitere Berichte folgen.]

Schuhe im Morast

An ein anderes Ereignis in dieser Zeit erinnere ich mich auch noch mit Schrecken. Ich durfte mir ein Paar Schuhe kaufen zu meiner Konfirmation, und zwar gab es welche bei einem Schuster in der Siekerstraße. Ich ging also mit meinem ältesten Bruder zu Fuß die Detmolder Straße entlang bis nach Sieker, und der Einkauf der Schuhe erfolgte auch problemlos. Nur als wir wieder auf dem Nachhauseweg waren, gab es Fliegeralarm - Vollalarm, und wir sind dann in Sieker nicht die Detmolder Straße entlanggegangen, sondern eine Straße höher, in der Hoffnung, Bombenangriffen dadurch aus dem Weg zu gehen. Es gab auch einige Bombeneinschläge in Bielefeld und in Stieghorst, wo es ja einige Kasernen gab, und wir beiden Kinder rasten von Angst geschüttelt in Richtung Stieghorst, um dort den Bunker aufsuchen zu können, wo wir unseren kleinen Bruder wußten, der mit Hausnachbarn mitgegangen sein würde. Es hatte geregnet, und der Weg war voller Pfützen. Ich verlor meine Schuhe, sie blieben im Morast stecken, und auf bloßen Füßen ging es weiter. Mein Bruder hat mir später die Schuhe wiedergeholt. Das Herzklopfen, das ich (und sicherlich auch mein Bruder) auf diesem Weg hatte, kann ich auch bis heute nicht vergessen. Unser Bunker war auch von einer' Bombe getroffen worden, es war aber nichts weiter passiert. Nur unser kleiner Bruder hatte wohl so einen großen Schrecken bekommen, daß er stundenlang schrie und wimmerte und kaum zu beruhigen war.

Dann gibt es noch einen Vorfall, den ich nie vergessen werden, und der auch von großer Angst begleitet war. Meine Mutter hatte von einer Bekannten Eier- und Milchkarten bekommen. Woher diese stammten, war mir nicht bekannt. Meine Mutter hat mir später erzählt, daß diese Frau einen Freund bei dem Amt in Sieker (Bezugscheinamt) hatte und er ihr wohl zusätzliche Karten besorgt hat. Die Bekannte war in Bielefeld ausgebombt worden, und wir hatten ihr unsere Mansarde zur' Verfügung gestellt. Als Dank hat sie uns dann wohl diese Marken gegeben. Jedenfalls kam eines Tages ein Mann an unsere Tür und verlangte die Mutti zu sprechen. Da sie ja tagsüber Uniformen nähen mußte, verlangte der Mann, der sich als Kriminalbeamter auswies, unsere Lebensmittelkarten zu sehen. Mir zitterten buchstäblich die Knie, da ich ja wußte, daß wir Eier- und Milchkarten zuviel hatten. Aber was sollte ich machen, ich gab ihm unsere Mappe, in der wir die Marken aufbewahrten, und er hat sie nachgezählt. Das war ja leicht zu machen, denn für uns vier Personen gab es nur eine bestimmte Anzahl von Marken. Der Mann hat bestimmt richtig gezählt, aber er hat nichts gesagt. Er sah mich nur ganz groß an und merkte wohl, daß ich vor Angst zitterte. Dann gab er mit die Mappe zurück und meinte, die Anzahl stimmt. Ich konnte nicht einmal „danke“ sagen, aber in Gedanken habe ich diesem Mann danach noch einige Male gedankt. Meine Mutter war auch sehr froh, als ich ihr am Abend von der Begebenheit erzählte, und sie hat dann die überzähligen Marken zurückgegeben.

Hunger und Milchsuppe

Einmal hatte meine Mutter, die auch noch abends und bis in die Nächte hinein für Bekannte nähte, um etwas zu essen zu besorgen, einen großen Beutel Fertigmilchsuppe bekommen, die man nur mit Wasser (wenn man hatte, auch Milch) verrühren mußte, um einen wohlschmeckenden Brei zu erhalten. Dieser Beutel wurde dann in einem Schrank untergebracht, den meine Mutter morgens abschloß, ehe sie zur Arbeit fuhr. Wir Kinder haben dann wohl schon mal probiert, durch irgendwelche Tricks an den Beutel zu kommen, aber mit anderen Schlüsseln klappte es nicht. Einer meiner Brüder kam eines Tages auf die Idee, den Schrank näher zu untersuchen, und siehe da, man konnte den oberen Teil des Schrankes abnehmen und auch wieder aufsetzen, ohne daß man von außen etwas merkte. Wir waren selig, und mancher Löffel von der Trockenmilchsuppe wanderte zusätzlich in, unsere fast immer leeren Mägen. Nur meine Mutter merkte nach einer gewissen Zeit, daß der Beutel wohl die Schwindsucht hatte. Da gab es ein großes Donnerwetter.

Das Hungern war für meine Begriffe aber nicht das Schlimmste. Am schlimmsten waren die Bombenangriffe; dieses fürchterliche Sirenengeheul hat unser Leben zur Hölle gemacht. Tagsüber war es noch einigermaßen auszuhalten, aber nachts kam man kaum zum Schlafen. Im nachhinein kann man sich gar nicht mehr so richtig vorstellen, wie man das verkraftet hat, besonders unsere Mutter, die ja für uns die Verantwortung und außerdem noch die Sorgen um den Vater hatte. Ich war die Größte und mußte helfen, die Jungen anzuziehen.

Schlaftrunken, wie sie waren, ließ sich das nicht gut bewerkstelligen. Und wenn wir einen gerade angezogen hatten und uns dem zweiten zuwandten, war der erste schon wieder im Bett. Er wollte schlafen und nicht bei Wind und Wetter in den Bunker rasen. Wir hatten alle vier einen Rucksack, in dem die wichtigsten Sachen (Papiere, Schmuck etc.) untergebracht waren, und den mußte man dann auch noch mit in den Bunker schleppen. Im Bunker haben Mutti und ich immer gestrickt. Wolle gab es ja nicht mehr, aber aus Zucker- und Mehlsäcken machten wir auch schöne Pullover. Es war zwar mühselig, so einen Sack in einzelne Fäden zu zerlegen, aber wir haben es geschafft.

[Bild: Ursula Bembenek als Vierzehnjährige im Jahr 1944, zusammen mit Ihrer Mutter, die damals, weil der Vater eingezogen war, die ganze Verantwortung für die Familie tragen mußte.]

[Bild: Ursula Bembenek: „Es war eine schreckliche Zeit.“       Foto: Blank]

Ungewohnte Ruhe

Und dann hieß es eines Tages: Der Krieg ist zu Ende, es gibt keine Bombenangriffe mehr. Wir konnten das erst gar nicht begreifen. Diese Ruhe ohne Sirenengeheul war zu ungewohnt. Aber wir genossen diese Ruhe doch sehr, nur innerlich war man doch noch nicht zur Ruhe gekommen, dafür brauchte man doch mehr Zeit. Wir hatten unsere Rucksäcke geleert und alles wieder an seinen angestammten Platz gebracht, als wir an einem sonnigen Tag Panzergeräusche hörten. Wir gingen an die Fenster und konnten dann mit ansehen, wie die Siegermächte einmarschierten bzw. mit den Panzern die Detmolder Straße entlangfuhren.

Großer Schock

Es waren Amerikaner, zumindest trugen die meisten amerikanische Uniformen. Die Panzer waren voll von den amerikanischen Soldaten, die gröhlten und schrien und mit Gewehren und Maschinenpistolen herumfuchtelten. Und dann mußte ich etwas sehen, was mir einen großen Schock versetzte; einige der Amerikaner hatten ihren Penis in der Hand und zeigten sich damit nach allen Seiten. Dieser Anblick war für mich als kleines Mädchen ganz furchtbar, denn so etwas hatte ich ja noch nie gesehen. Vor lauter Angst habe ich mit niemand darüber gesprochen. Ich weiß nicht, ob meine Brüder das auch gesehen haben. Mir war jedenfalls ganz fürchterlich zumute, und es hat sehr lange Zeit gedauert, bis ich das Geschehen verdaut hatte.

Am nächsten Tag polterte es an der Tür. Angstvoll öffneten wir und sahen einen baumlangen amerikanischen Soldaten vor uns, die Maschinenpistole im Anschlag. Er schob uns von der Tür weg und ging in die Wohnung. Hinter jede Tür hielt er zuerst die Pistole, bevor er sie öffnete. Dann wollte er wissen, ob deutsche Soldaten da seien. Er radebrechte in Deutsch und Englisch, und dann, eröffnete er uns, daß wir die Wohnung zu räumen hätten, amerikanische Offiziere wollten bei uns wohnen, und zwar für drei Tage. Wir haben dann gefragt, wo wir denn hinsollten, und erhielten die Antwort: Drei Häuser weiter. Wenn die Euch nicht aufnehmen, sagt Bescheid, dann müssen die aus ihrer Wohnung raus!!

Das war vielleicht ein Schlag für uns. Die Frauen und Kinder des Hauses kamen zusammen und beratschlagten, was zu tun sei. Einige konnten zu Verwandten in Stieghorst gehen, und wir haben mit einer Nachbarin, die zwei Kinder hatte und deren Mann auch Soldat war, dann in einer Polstererwerkstatt, die dieser Nachbarin gehörte, Unterkunft gefunden. Wir durften aber nichts mitnehmen aus unserer Wohnung, und wir haben bei Bekannten das Notdürftigste leihen müssen, um wenigstens etwas essen zu können. Nach drei Tagen war das Haus wirklich von den Amerikanern wieder verlassen worden, aber wie sah es darin jetzt aus! Es ist nicht zu beschreiben, so etwas muß man wirklich selbst erlebt haben.

Es war alles benutzt worden, aber wie! Die Schränke waren geleert worden, alles war herumgestreut worden. In den Ehebetten lag ein Revolver, Wein war im Bett ausgegossen worden, die leeren Flaschen lagen überall herum. Im Keller fanden wir einen langen Säbel. Es war jedenfalls für uns unbeschreiblich. Wir gingen dann gleich daran, wieder etwas Ordnung zu schaffen, was uns nur mit viel Mühe gelang.

Die „Befreiung“

Am nächsten Tag kam dann ein neuer Schlag: Der Amerikaner, der uns das erste Mal aus unserer Wohnung geschickt hatte, kam wieder, um uns zu sagen, daß wir erneut die Wohnungen zu verlassen hätten, da die Offiziere der befreundeten Nationen bei uns wohnen wollten. Was wir tragen konnten, durften wir mitnehmen. Das war aber beileibe nicht viel, und wir erlebten in den nächsten 8 Wochen die schlimmste Zeit des Krieges!!!

Für mich war es eine besonders schlimme Zeit, denn Mutti ließ mich in diesen ersten Wochen unserer „Befreiung“ nicht auf die Straße. Ich habe also wochenlang in der Polstererwerkstatt verbracht. Es war fürchterlich. Meine Brüder aber durften herumstreifen und konnten dann beobachten, wie es in unserem Haus zuging, das von Offizieren (Holländer, Belgier, Franzosen, Polen) bewohnt wurde. Es muß chaotisch gewesen sein. Alles, was sie nicht gebrauchen konnten, wurde aus dem Fenster geworfen, Möbel wurden zum Teil verheizt, zum Teil wurden sie an „willige" Damen abgegeben für ein paar Liebesstunden.

Als Deutsche war man ohnmächtig und konnte sich nicht dagegen wehren. Meine Mutter und die Bekannte, in deren Werkstatt wir wohnten (also 2 Frauen und 5 Kinder), versuchten dann eines Tages, einen der Offiziere zu sprechen, um wenigstens Betten für uns zu bekommen und unsere Nähmaschine, ohne die Mutti ja nicht für Essen nähen konnte. Die beiden hatten dann auch Glück und trafen einen Polen, der wohl Kinder gern hatte. Er hat dafür gesorgt, daß wir einige Betten bekamen, und in diesen Betten war dann die Nähmaschine versteckt. Der heimliche Transport hat dann auch Gott sei Dank geklappt, und Mutti hatte wieder die Möglichkeit, mit ihrer Näherei für Lebensmittel zu sorgen.