Die Germanen, und wie sie wirklich waren
Fotos für Buch: "Die wahre Geschichte der Germanen" - Karl Banghard, Propyläen/Ullstein
[Bild: Darstellung aus „Die wahre Geschichte der Germanen“. Holzstelen, die Wege säumten, fand man in Dänemark. Quelle: Jonas Radtke/Ullstein-Verlag/huv]
Die Germanen waren nicht die Haudegen, zu denen die Nationalsozialisten sie gemacht haben. Karl Banghard, Leiter des Museums Oerlinghausen, erklärt, wie die moderne Archäologie mit den alten Klischees aufräumt - und warum die Fachwelt das Thema so lange gemieden hat.
Unser Bild der Germanen ist geprägt von den Schilderungen der römischen Geschichtsschreiber – und von den Überhöhungen der Nationalsozialisten, die in den Germanen Vorbilder für ihre Ideologie sahen. Doch neue Funde und moderne Analysemethoden bringen uns die Menschen näher, die vor zweitausend Jahren in unseren Regionen gelebt haben. Karl Banghard, Leiter des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen, fasst den Stand der Forschung in seinem neuen Buch zusammen.
WELT: Warum braucht es ein neues Buch über die Germanen?
Karl Banghard: Wir Fachleute haben den Leuten lange Zeit nur ein Vakuum geboten. So nach dem Motto: Weil wir nichts Genaues wissen, können wir euch auch nichts sagen. Anders als bei anderen Epochen haben wir uns nach 1945 zurückgehalten mit der Produktion von Lebensbildern, die die Zeit der Germanen hätten anschaulich machen können. Doch das hatte zur Folge, dass die Germanen-Klischees von den alten Schulwandbildern und Jugendbuch-Illustrationen aus der Zeit vor 1945 weiterhin präsent blieben.
[Bild: Museumsleiter Karl Banghard neben einem Fachwerkhaus. Direkt daneben ein Stall für Ziegen und im Hintergrund ist die Stadt Oerlinghausen zu sehen. Das Freilichtmuseum Oerlinghausen geht auf Pläne aus der NS-Zeit zurück. Der Leiter Karl Banghard thematisiert dort, wie die Nationalsozialisten die Germanen instrumentalisierten. Quelle: Max Slobodda/Freilichtmuseum Oerlinghausen]
WELT: Die Archäologie hielt sich nach 1945 mit Auskünften über die Germanen zurück, weil sie sich davor allzu bereitwillig in den Dienst des Nationalsozialismus gestellt und eifrig an einem ideologischen Germanenbild mitgewirkt hatte?
Banghard: Genau. Die meisten in der Forschungsgemeinde hatten ja zuvor steile Karrieren im Nationalsozialismus hingelegt. Und die vergaß man am besten, indem man das G-Wort nicht mehr in den Mund nahm.
WELT: Sie sprechen und schreiben ganz unverhohlen über die Germanen, während viele ihrer Kollegen gerne darauf hinweisen, dass es „die Germanen“ ja gar nicht gebe, sondern nur einzelne Stämme wie Chauken, Teutonen oder Cherusker.
Banghard: Das ist ja prinzipiell auch richtig. Nicht umsonst heißt der Held der Varusschlacht „Hermann der Cherusker“ und nicht „Hermann der Germane“. Aber die antiken Geschichtsschreiber haben uns dieses Wort nun einmal hinterlassen, und es hat sich in den letzten zweitausend Jahren munter vermehrt. Deswegen lasse ich die verschämten Gänsefüßchen weg, wenn ich von Germanen spreche. Nicht weil ich eine großgermanische Einheitskultur beschwören will, sondern weil sich mit diesen Gänsefüßchen keine ungelösten Forschungsprobleme erledigen lassen.
[Bild: Rinder, die kaum größer waren als eine Deutsche Dogge und deutlich kleiner als diese Highland-Kühe, wurden in lichten Wäldern gehalten. Quelle: Jonas Radtke / Ullstein]
WELT: Sie schreiben, die moderne Archäologie könne unser Germanenbild vom Muff der vergangenen Jahrzehnte befreien. Welchen Muff meinen Sie?
Banghard: Zum Beispiel die ewige Wiederholung von den Germanen als Widerstandskämpfer, die moritatenhaft vorgetragene Geschichte der Varusschlacht. Das Klischee von den saufenden, prügelnden Haudegen. Fast wöchentlich machen Archäologen neue Funde, die unser Bild ständig verändern. Und dieses Bild zeigt eben keine ewig ortskonstanten Urahnen, die an ihrer Scholle kleben, sondern eine sehr mobile Gesellschaft. Ich habe nach der Veröffentlichung meines Buchs Zuschriften von älteren Leuten bekommen, die sagen, zum ersten Mal hätten sie die Germanen sympathisch gefunden.
WELT: Die Schilderungen in den Schriften der Antike sind nicht ganz unschuldig an den Klischeebildern, die wir uns von den Germanen machen.
Banghard: Wenn die Römer von Germanen sprechen, ist das natürlich eine Pauschalisierung. Die antiken Schreiber haben vereinfacht, weil sie klare Analysen dieses neuen Landes im Norden liefern wollten. Aber dennoch: Irgendeinen gemeinsamen Nenner muss es gegeben haben.
[Bild: Dieser Rennfeuerofen zur Eisenerzeugung wurde im dänischen Freilichtmuseum Vingsted Jernalder aufgebaut. Quelle: Jonas Radtke / Ullstein]
WELT: Und worin besteht dieser gemeinsame Nenner?
Banghard: Die Gemeinsamkeit ist höchstwahrscheinlich weniger im Ethnischen zu sehen als vielmehr in der wirtschaftlichen und sozialen Organisation. Wenn wir nur Kriterien wie Kleidung, Haartracht oder Religion betrachten, dann verschwimmen die Grenzen zwischen Germanen und Nichtgermanen immer mehr. Verschiedene Funde etwa aus Dänemark zeigen, dass die Frauen eine Art paneuropäische Alltagsmode getragen haben, mit der sie genauso gut in Gallien oder in Italien hätten rumlaufen können.
WELT: Was weiß man über die Siedlungen der Germanen?
Banghard: Sie haben Einzelhöfe entlang der Fließgewässer gebaut. Es gab kaum zusammenhängende Siedlungen. Auch die Art und Weise, wie sie die Natur in ihre Ernährung einbezogen haben, unterscheidet sich stark von den Römern. Gartenfrüchte und Obstbau haben die Germanen nicht übernommen, das scheint ihnen zu umständlich gewesen zu sein. Stattdessen hatte man Waldweideflächen - und nutzte das, was der Wald als riesige Biomaschine hergab. Wir können archäologisch belegen, dass Eicheln einen wichtigen Bestandteil der Ernährung bildeten.
[Bild: Der Fischer und seine Frau. Das Angelwerkzeug kennt man aus Funden, die sich im Wasser erhalten haben. Gräber im dänischen Hammerum brachten bahnbrechende Erkenntnisse zur Kleidung. Quelle: Jonas Radtke / Ullstein]
WELT: Sie leiten das Freilichtmuseum in Oerlinghausen, die Pläne für das dort ausgestellte Germanengehöft gehen auf die Nationalsozialisten zurück. Und unter Ihren Besuchern sind regelmäßig Angehörige der extremen Rechten, mit denen Sie sich auseinandersetzen müssen. Hat Ihr Buch auch etwas damit zu tun?
Banghard: In der Diskussion mit Leuten mit völkischem Gedankengut nehme ich wahr, dass sie ein überzeitliches Geschichtsbild pflegen, das sich um keinen Millimeter bewegt. Darin sitzen die immer gleichen Germanen über die Jahrhunderte in ihren Dörfchen oder Städtchen - Mobilität, Bewegung, Veränderung kommt da nicht vor. In dieser Vorstellung gibt es eine Idee und ein Genmaterial, das schon vor zweitausend Jahren da war und möglichst in die Zukunft geführt werden muss. Die Archäologie kann zeigen, dass das nicht stimmt. Nehmen wir noch einmal die vorhin erwähnten Siedlungsstrukturen: Das waren eben keine Dörfer, wie es sie im Mittelalter und bis ins 20. Jahrhundert in unserer Region gab.
WELT: Sie schreiben ein ganzes Kapitel über die Gepflogenheit der Germanen, ihre Toten zu verbrennen. Was ist daran so wichtig?
[Bild: Langhäuser (hier eine neue Rekonstruktion im Freilichtmuseum Oerlinghausen) wurden in einer Art Einheitsbauweise entlang von Flüssen errichtet. Dörfer gab es nicht. Quelle: Jonas Radtke / Ullstein]
Banghard: Nehmen wir nur einmal den technischen Vorgang. Man muss viel tun, damit so eine Brandbestattung gut funktioniert. Dazu ist ein riesiger Scheiterhaufen nötig, man braucht mehrere Kubikmeter gutes Feuerholz, das kann man experimentell belegen. Mit Scheiterhaufen, wie man sie in Serien wie „Games of Thrones“ oder „Barbaren“ sieht, hätte man niemals eine Leiche kremieren können. Es dauerte vermutlich eine ganze Nacht, bis das letzte Teil verglüht war, Knochen mussten mehrmals umgeschichtet werden. Das ist eine ganz andere Form des Abschiednehmens als heute. Die Erkenntnisse darüber, wie das Verbrennen der Toten funktionierte, haben aber auch dazu geführt, dass wir Grabfunde mittlerweile ganz anders interpretieren als noch vor wenigen Jahrzehnten.
WELT: Das müssen Sie erklären.
Banghard: Nehmen wir als Beispiel das Gold. Wenn man als Archäologe Gold ausgräbt, dann glänzt einem das sofort entgegen. Normalerweise. Aber in einem Brandgrab granuliert das Gold zu kleinen grauen Kügelchen, die man nur mit feinsten Untersuchungen detektieren kann. Wir feiern heute die reich ausgestatteten Grabkammern der Keltenfürsten von Hochdorf oder vom Glauberg - das waren alles Körperbestattungen. Hätten die Kelten ihre Toten verbrannt wie die Germanen, gäbe es diese Funde nicht. Das bringt auch unsere gängigen Vorstellungen von sozialem Status durcheinander.