Die Germanenhäuser und der Nazi-Kult
NS-ERBE
[Bild: Im Olympiajahr 1936 wurde das Freilichtmuseum zum Aushängeschild der NS-Kulturpolitik erklärt, aus Berlin wurden Besuchergruppen angekarrt. Quelle: Archäologisches Freilichtmuseum Oerlinghausen]
Im Freilichtmuseum Oerlinghausen wird gezeigt, wie unsere Vorfahren lebten. Doch weil die Idee und die Baupläne für die Anlage aus der NS-Zeit stammen, werden regelmäßig Neonazis angelockt. Genau das macht der Museumschef nun zum Thema.
Die Zukunft liegt aufgestapelt am Waldrand: Dutzende Baumstämme, sortiert nach Länge und Dicke. Löcher und Zapfen lassen erkennen, dass die Hölzer ineinandergefügt und miteinander verbunden werden zu etwas Großem. Sie sollen als tragende Teile eines 40 Meter langen Holzhauses im Archäologischen Freilichtmuseum Oerlinghausen dienen. „195 Eichen sind für das Projekt gefällt worden“, sagt Museumsleiter Karl Banghard. Viele Stämme werden derzeit mit Axt und Dechsel zu Tausenden Dachlatten und -sparten gespalten. Ende des Jahres soll alles fertig sein.
Es ist nicht überraschend, dass ein Freilichtmuseum, in dem gezeigt wird, wie die Menschen von der Steinzeit bis zum Mittelalter gelebt und gewohnt haben, ein neues Gebäude bekommt. Doch dieses Haus, das aus windschiefen und roh gezimmerten Balken bestehen wird, hat eine besondere Aufgabe. Es soll dabei mithelfen, ein falsches Bild von unseren Vorfahren zu korrigieren: das Bild vom Blut-und-Boden-Bauern auf heimischer Scholle, das die Nazis gerne benutzt haben, um die angebliche Überlegenheit der Germanen zu illustrieren. Das neue Haus soll vermitteln, wie man sich das Leben vor rund 2000 Jahren tatsächlich vorzustellen hat. Und es soll in der Gegenüberstellung mit Haus-Rekonstruktionen der 30er-Jahre zeigen, wie die NS-Propaganda funktionierte.
Verklärung im Geist des Nationalsozialismus
Um zu erklären, was ein hölzernes Langhaus mit dem völkischen Denken der Nazis zu tun hat, führt Museumschef Banghard zum sogenannten „Germanengehöft“ der Anlage. Die Balkenkonstruktionen der Häuser sind hier wie mit dem Lineal gezogen, die Verfüllungen des Fachwerks weiß verputzt, die Böden mit besenreinem Estrich ausgegossen. „Hier ist alles klar, sauber, rein“, sagt Banghard. Authentisch an diesem Gehöft sind allenfalls die Grundrisse, alles andere ist Verklärung im Geist des Nationalsozialismus. Denn zwar wurden diese Museumshäuser erst 1961 errichtet - doch die damaligen Macher verwendeten Pläne von 1938. „Sie setzten eins zu eins um, was den NS-Ideologen in Oerlinghausen vorgeschwebt hatte“, sagt Banghard. Das ist nicht verwunderlich: Es waren teilweise dieselben Wissenschaftler am Werk.
[Bild: Museumschef Karl Banghard im sogenannten Germanengehöft. Es wurde in den 60er-Jahren nach Plänen aus der NS-Zeit gebaut. Quelle: Ralf Meier (2)]
Bis heute ist das Oerlinghauser Freilichtmuseum nicht nur ein beliebtes Ausflugsziel für Schulklassen und Familien. Auch Anhänger der Neonazi-Szene kommen gerne vorbei, um ihr Bedürfnis nach Germanenfeeling zu befriedigen. Und dem setzt Museumsleiter Banghard beharrliche Aufklärungsarbeit und wissenschaftliche Genauigkeit entgegen. Doch leicht ist dieser Kampf gegen die Vereinnahmung durch die Rechten nicht. Denn das Oerlinghauser Museum ist von Anfang an eng mit dem Germanenkult der Nazis verbunden.
1926 hatte man auf dem heutigen Museumsgelände Gräber und Hinweise auf Hausbauten aus vorrömischer Zeit gefunden. Doch die Ideen eines Oerlinghauser Volksschullehrers, die archäologischen Befunde zur Grundlage eines Freilichtmuseums zu machen, wurden erst umgesetzt, als sich der NS-Archäologe Hans Reinerth einschaltete, Chef des „Reichsbundes für Deutsche Vorgeschichte“. Das Museum wurde nun zum Aushängeschild der deutschen Kulturpolitik erklärt. Nach der Eröffnung im Olympiajahr 1936 wurden Besuchergruppen herangekarrt und pseudo-germanische Theaterstücke aufgeführt.
Nach dem Krieg wollten die Oerlinghauser zunächst nichts mehr mit den Germanen zu tun haben, per Ratsbeschluss wurde die Anlage abgebaut. Doch schon wenige Jahre später regten sich Bestrebungen für den Wiederaufbau. Erneut als Netzwerker und Ratgeber dabei: Hans Reinerth, jener „Reichsbund“-Chefarchäologe, der in der Nachkriegszeit als Leiter des Pfahlbaumuseums in Unteruhldingen am Bodensee Unterschlupf gefunden hatte. In Oerlinghausen wurde ein rein privater Trägerverein gegründet, der 1961 das Museum wiedereröffnete.
[Bild: 1926 fand man in Oerlinghausen Gräber aus vorrömischer Zeit. Deshalb ließ NS-Archäologe Hans Reinerth, Chef des „Reichsbundes für Deutsche Vorgeschichte", ein Museum bauen. Quelle: Archäologisches Freilichtmuseum Oerlinghausen]
„Für einen Forscher meiner Generation galt es lange Zeit als anstößig, sich mit Unteruhldingen oder Oerlinghausen zu beschäftigen“, sagt der 56 Jahre alte Banghard. So wollten sich die akademischen Archäologen die bösen Geister der NS-Zeit vom Leib halten. Banghard ließ sich nicht abschrecken, er ging in den 90er-Jahren zum Pfahlbaumuseum an den Bodensee und 2003 nach Oerlinghausen, um an einer Aufarbeitung der Museumsgeschichte mitzuwirken.
Den Makel, der diesen beiden Institutionen nach dem Krieg anhaftete, begreift er als Chance: „In anderen Museen zur Ur- und Frühgeschichte wie etwa dem 1938 gegründeten Neanderthal-Museum hat man die Spuren der NS-Vergangenheit einfach getilgt“, sagt Banghard. „Wir hingegen können uns wissenschaftlich mit der Vergangenheit unseres Museums auseinandersetzen.“ Und den Besuchern zeigen, wie die Nationalsozialisten die Geschichte dazu benutzten, um ihre politische Ideologie zu untermauern.
So blieb das „Germanengehöft“ stehen, obwohl schon die Bezeichnung „Germanen“ nicht haltbar ist. „Die Menschen hier hätten sich um die Zeitenwende wohl als Cherusker bezeichnet“, sagt Banghard. Auch die Vorstellung, dass in solchen Gehöften über Generationen Angehörige ein und desselben Kulturkreises lebten, ist falsch. Das zeigt die Fundstelle des jetzt rekonstruierten Langhauses im Paderborner Saatental: Dort, an der Kreuzung uralter Handelsrouten, fand man Einflüsse aus der im heutigen Polen verorteten Przeworsk-Kultur genauso wie der böhmischen Eisenzeit. Dem „ewig Germanischen“ der Nazis kann die heutige Forschung also ein Bild ständiger Veränderung und Mobilität gegenüberstellen.
[Bild: Modell des Langhauses, das derzeit in Oerlinghausen gebaut wird: eine Rekonstruktion eines archäologischen Fundes aus dem Saatental bei Paderborn. Quelle: Archäologisches Museum Oerlinghausen]
Wenn das Langhaus-Projekt, für das es Geld von der NRW-Stiftung und vom Heimatministerium gab, abgeschlossen ist, will Banghard das nächste angehen: Ein zweigeteiltes Haus soll entstehen, das zur einen Hälfte das NS-Inventar aus der Zeit der Museumsgründung im Jahr 1936 enthält - und in der anderen Hälfte, abgetrennt durch eine Scheibe, eine Ausstattung, die dem aktuellen Wissensstand entspricht.
Ostwestfalen und der Kreis Lippe, zu dem Oerlinghausen gehört, ist besonders reich an Orten, die den NS-Ideologen als germanisch aufgeladene Identifikationsorte dienten. Im Teutoburger Wald hat man lange Zeit den Ort der Varusschlacht vermutet, wo Hermann der Cherusker als Prototyp des wehrhaften Deutschen über die Eindringlinge aus Rom siegte. Die Externsteine bei Detmold sollen der Sage nach in vorchristlicher Zeit als germanische Kultstätte gedient haben - weswegen dort die SS-Forschungseinrichtung „Ahnenerbe“ jahrelang archäologische Grabungen durchführte. In Enger bei Herford soll der Sachsenherzog Widukind, ein erbitterter Kämpfer gegen den Franken Karl den Großen, begraben sein. 1939 wurde deshalb in Enger eine Widukind-Gedächtnisstätte eröffnet, die Stadt sollte zu einem Zentrum nationalsozialistischer Weltanschauung ausgebaut werden.
So lässt sich auch erklären, warum Heinrich Himmler, „Reichsführer SS“, ausgerechnet in dieser Region nach einer geeigneten Immobilie als Schulungsstätte für die SS suchte - und sie schließlich auf der Wewelsburg im Kreis Paderborn fand. Wewelsburg, Hermannsdenkmal, Externsteine, Oerlinghausen, Enger: Das sind die Destinationen, die bis heute von Neonazi-Kameradschaften bei Ostwestfalen-Touren angesteuert werden.
[Bild: In den 30er-Jahren wurden im Museum pseudogermanische Theaterstücke aufgeführt. Heute ist regelmäßig die Reenactment-Szene zu Gast. Quelle: Archäologisches Freilichtmuseum Oerlinghausen]
„Die extreme Rechte hat sich hier schon in den 60er-Jahren eingefunden“, sagt Museumschef Banghard. Gruppen wie die inzwischen verbotene Wiking-Jugend seien regelmäßig gekommen. In den 70er- und 8oer-Jahren sei es ruhiger geworden. Doch im Fahrwasser des sogenannten Reenactment, bei dem kostümierte Laien historische Szenerien nachspielen, steige auch die Zahl der Besucher aus der Neonazi-Szene wieder. Das ist die Krux dieses Museums: Man ist auf die politisch Unverdächtigen unter den Reenactment-Fans angewiesen, weil sie bei Veranstaltungen wie den Wikingertagen ehrenamtlich für Stimmung sorgen.
Banghard bleibt an solchen Tagen nichts anderes übrig, als persönlich zu kontrollieren, wer ins Museum kommt. Verbotene Abzeichen und Tätowierungen einschlägiger Besucher klebt er dann kurzerhand mit Kreppband ab. Banghard sagt, sie ließen das meist stillschweigend über sich ergehen.