Kalte Füße bekommen?
Auszug aus „Die Kumpstonne“ vom Januar 1964
Die letzte Ratssitzung des vergangenen Jahres setzte einen neuen Markstein in der Geschichte der Bergstadt. Der Rat beschloß, das bisherige Pro-gymnasium mit Wirkung vom 1. April 1964 zur Vollanstalt auszubauen, über das Wie und Warum dieses bedeutsamen Schrittes ist in den Tageszeitungen ausreichend berichtet worden, so daß hierauf nicht näher eingegangen zu werden braucht. Jedoch sollten die Umstände, unter denen dieser Beschluß gefaßt wurde, hier noch einmal betrachtet werden.
Bekanntlich war nur die SPD an der Beschlußfassung über den Gymnasiumausbau beteiligt - dazu lediglich ein FDP- und ein fraktionsloser Abgeordneter. Es gab auch zwei Gegenstimmen und eine Stimmenthaltung bei der SPD, was nur beweist, daß der von wenig Wohlmeinenden gern zitierte Fraktionszwang der SPD weiter nichts als ein Märchen ist. In jedem Falle hatten die sich ablehnend verhaltenen SPD-Ratsmitglieder ihren Standpunkt offen vertreten.
Die dreiköpfige CDU-Fraktion und der FDP-Fraktionsvorsitzende zogen es dahingegen anscheinend vor, der Entscheidung auszuweichen. Sie hatten die Ratssitzung vorher verlassen.
In der Tat mutet es befremdlich an, wenn vier Ratsmitglieder Enthaltsamkeit üben bei der Beratung und Beschlußfassung einer Sache, die ihnen nach eigener Bekundung eine Herzensangelegenheit sein sollte. Haben sie etwa kalte Füße bekommen? Haben sie plötzlich entdecken müssen, welcher Zwiespalt sich auftat zu der bisher von ihnen vertretenen kommunalpolitischen Linie, in der in stereotypen Diskussionsbeiträgen der Eindruck erweckt wurde, als bewege sich die Stadt immer am Abgrund des Bankrotts? (Natürlich haben die im Oerlinghauser Rat Verantwortung tragenden Kräfte immer dafür Sorge getragen, daß sich der Aufbau im Rahmen des finanziell Möglichen bewegte. Und das wird auch in Zukunft so bleiben!)
Was letzten Endes auch immer der tiefere Grund gewesen sein mag für den Auszug von vier oppositionellen Ratsmitgliedern - der zum Vorwand genommene Anlaß hätte nicht mehr an den Haaren herbeigezogen werden können, als es am 19. Dezember geschah. Unter absoluter - hoffentlich nicht bewußter - Verkennung und Verdrehung parlamentarischer Gepflogenheiten sowie der durch die Geschäftsordnung gesetzten Möglichkeiten wurde ein Tatbestand konstruiert, mit dem die Schuld an den unerquicklichen Vorkommnissen jener Sitzung der Ratsmehrheit zugeschoben werden sollte. Angeblich sei der Opposition das Recht auf Diskussion beschnitten worden, hieß es. Das wurde durch so ausfällige Kommentare der oppositionellen Fraktionsvorsitzenden zum Ausdruck gebracht wie „Hier wird die Diskussion abgewürgt" und „Das Maß der Rechtsbrüche reicht uns".
Was war nun wirklich geschehen? Die Bevölkerung Oerlinghausens hat ein Recht, darüber klar ins Bild gesetzt zu werden!
Als vor über einem Jahr sich der Rat eine neue Geschäftsordnung gab, wurde auf Antrag der SPD beschlossen, daß die Tagesordnung der Ratssitzungen einen Punkt „Anfragen" enthalten solle. Hierdurch sollten alle Ratsmitglieder die Möglichkeit erhalten, Fragen zu stellen, die im normalen Gang der Sitzung nicht anzubringen waren. Die Beantwortung hatte dann - schriftlich oder mündlich - durch den Bürgermeister oder den Stadtdirektor zu erfolgen. Es liegt in der Natur der „Anfrage", daß sie nicht Gegenstand ausholender Diskussion sein kann, zu der die Ratssitzung bei sämtlichen anderen Punkten, besonders bei Anträgen, ausreichend Gelegenheit bietet.
Jeder, der in politischen Dingen einigermaßen Bescheid weiß, kennt den Ablauf der sogenannten „Fragestunde" im Bundestag. Dort sind Diskussionen im Zusammenhang mit Fragen der Abgeordneten geradezu ausgeschlossen. Nur Zusatzfragen sind erlaubt. Und wenn es ein Abgeordneter einmal versäumen sollte, solch eine Zusatzfrage als Frage zu formulieren, muß er mit einer Zurechtweisung durch den Bundestagspräsidenten rechnen. Im Landtag von Nordrhein-Westfalen gar werden kleine Anfragen ausschließlich schriftlich beantwortet.
Aber man muß nicht unbedingt das Verfahren größerer Parlamente zum Vergleich heranziehen, auch wenn es manchmal nichts schadet. Schon die Geschäftsordnung des Oerlinghauser Rates bietet keine, wir wiederholen, keine Handhabe für das Verhalten der vier auszugsfreudigen Ratsmitglieder. Umgekehrt brauchen sich der Ratsvorsitzende und die Fraktion der SPD nicht den geringsten Vorwurf gefallen zu lassen, als hätten sie gegen Buchstaben und Geist der Geschäftsordnung oder den parlamentarischen Brauch verstoßen.
Der Fraktionsvorsitzende der CDU hatte vor der Beantwortung seiner Anfrage über die Turnhallenbenutzung stillschweigend auf das ihm zustehende Recht der näheren Begründung verzichtet. Er hat ebenso nach der Beantwortung auf die ihm entgegenkommenderweise - und zwar wiederholt - vom Ratsvorsitzenden, Bürgermeister Kramer, angetragene Begründung verzichtet. Ebenfalls hat der Fraktionsführer der FDP die Aufforderung, seine Anfragen zu begründen, abgelehnt.
Das war zu den Umständen, unter denen sich der spektakuläre Auszug von vier Ratsmitgliedern in der letzten Ratssitzung vollzog, nachzutragen. Jeder Bürger kann sich jetzt selbst ein Urteil bilden, was es mit den starken Worten von der „abgewürgten Diskussion" und den „Rechtsbrüchen" auf sich hat.
Niemand wird uns nunmehr den Verdacht verargen können, daß nicht so sehr die Sorge um den parlamentarischen Geist, als vielmehr handfeste parteipolitische Interessen dieses Zwischenspiel auslösten. Dazu muß ausdrücklich gesagt werden, daß auch die Vertretung von Parteiinteressen etwas höchst Ehrenwertes ist. Sicherlich jedoch dann nicht mehr, wenn damit die Diffamierung des politisch Andersdenkenden verbunden ist. Oder wie soll man einen Ausspruch auffassen, in dem der CDU-Sprecher kundtat, daß „ihm das Maß der Rechtsbrüche jetzt reiche"?
Auf jeden Fall hat solches Verhalten den Jungen und Mädchen einer holländischen Oberrealschule, die der Sitzung beiwohnten, bestimmt nicht als Musterbeispiel der in Oerlinghausen praktizierten Kommunalpolitik gedient.
Ihre Meinung zum Gymnasium, Herr Bürgermeister?
Wir haben Bürgermeister Kramer zum Ratsbeschluß über die Aufstockung des Gymnasiums einige Fragen gestellt.
Frage: Herr Bürgermeister, was hat Ihrer Meinung nach den Rat bewogen, der Aufstockung zuzustimmen?
Bürgermeister Kramer: Von der Schulleitung wurden allein von dem Ostern abgehenden Jahrgang des Progymnasiums 22 Kinder benannt, die das Abitur machen möchten. Wir sollten diesen Kindern die Möglichkeit geben, das hier in Oerlinghausen zu tun. Sonst müßten sie die Schule wechseln und alle Erschwernisse des Fahrschülerdaseins auf sich nehmen. Hinzu kommt folgendes: Wenn wir auch die Schulgeldfreiheit haben, so wird die Belastung der Eltern durch Fahrgeld und eine Menge weiterer Nebenkosten doch zu hoch werden. Manche würden ihr Kind- von der Schule nehmen. Es würde zweifellos die Kinder weniger begüterter Eltern treffen, denen die Chancen für Beruf und Fortkommen verbaut würden. Das sind einige der Gründe, die den Rat bewogen haben, der Aufstockung zuzustimmen.
Frage: Wie steht es um die finanzielle Seite?
Bürgermeister Kramer: Ich bin der Meinung, daß die Stadt die Mehrkosten für die drei Klassen (zunächst eine in diesem Jahr) tragen kann. Es wird ja auch höhere Zuweisungen des Landes und meiner Ansicht nach auch des Kreises geben. Der Kreis kann sich schließlich nicht den schulischen Bedürfnissen der Kinder umliegender Gemeinden verschließen. Auch sie haben ein Recht, das Oerlinghausener Gymnasiums zu besuchen.
Frage: Es wurde von einem Neubau gesprochen. Was ist Ihre Ansicht dazu, Herr Bürgermeister?
Bürgermeister Kramer: Der Neubau eines Gymnasiums ist sicher eine wünschenswerte Sache, wird aber nur dann in Frage kommen, wenn die finanziellen Verhältnisse der Stadt das erlauben. Wie schon in der Ratssitzung gesagt wurde, will das Land 70 Prozent der Neubaukosten übernehmen. Doch auch die verbleibenden 30 Prozent sind für die Stadt eine Menge Geld.
Frage: Halten Sie, Herr Bürgermeister, die Aufstockung des Gymnasiums für notwendig und unumgänglich?
Bürgermeister Kramer: Die Stadt ist bei ihrem Aufbau an einen Punkt gekommen, der den Ausbau unseres Gymnasiums geradezu zwingend macht. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn ich erkläre, daß sich ein ablehnender Beschluß als Hindernis für den weiteren Aufbau der Stadt dargestellt hätte. Ohne Zweifel wird der Gymnasiumausbau auch den umliegenden Gemeinden zugutekommen, was gleichzeitig eine festere Bindung der Bevölkerung unserer Nachbarorte an das Leben - auch das Wirtschaftsleben - der Bergstadt bedeutet.
Ein Irrtum
Was steckt eigentlich hinter der Anfrage der CDU über die „Turnhallenbenutzung"?
Es geht dabei um nichts anderes, als daß die CDU-Ratsfraktion seit längerem und auf Biegen und Brechen den Nachweis zu führen versucht, es sei ihr Verdienst, wenn der CVJM-Handballabteilung eine Übungszeit in der Turnhalle zugestanden wurde. In diesem Zusammenhang sprach ein CDU-Ratsmitglied in einer zurückliegenden Ratssitzung Pastor Albrecht die Legitimation ab, für die CVJM-Sportler im Sportring zu sprechen.
Bei der Beantwortung der Anfrage in der letzten Ratssitzung gab Stadtdirektor Witt einen ausführlichen Überblick, beginnend bei der Stellung des Antrages auf eine eigene Übungsstunde in der Turnhalle durch Pastor Albrecht. Unter anderem verlas er dann ein Schreiben des CVJM an die Stadt, in dem der CVJM erklärt, daß Pastor Albrecht 2. Vorsitzender des örtlichen CVJM und in einer Mitgliederversammlung einstimmig als Vertreter des CVJM für den Sportring gewählt worden sei.
Abschließend verlas der Stadtdirektor eine Erklärung von Sportlehrer Könemann, der im Auftrage des Jugend- und Sportringes den Turnhallenbenutzungsplan aufstellte. Lehrer Könemann erklärte, daß er schon am 21. Mai vorigen Jahres (anläßlich einer Besichtigung des Sportplatzes durch den Ausschuß) eine eigene Hallentrainingszeit für den CVJM vorgeschlagen habe. Es heißt weiter: „Somit ist der von mir im September an die Stadtverwaltung eingereichte Turnhallenverteilungsplan für das Winterhalbjahr 1963/64 einzig und allein ein Produkt meiner Überlegungen. Ich erkläre mit allem Nachdruck, daß mir weder eine Aufforderung der Stadtverwaltung noch eine Forderung des CVJM, des TSV oder einer Partei vorgelegen hat oder bekannt gewesen ist. Ich erkläre außerdem, daß mir bis zum Zeitpunkt der Einreichung des neuen Planes von einer diesbezüglichen Anfrage der CDU bzw. von einer Eingabe an den Regierungspräsidenten nichts bekannt gewesen ist.
Ich möchte daher abschließend feststellen, daß die Behauptung des Herrn Heinrichs in seinem Brief an die FP-Lokalredaktion. Es handelt sich offenbar um das Ergebnis unserer Bemühungen, so daß der Herr Stadtdirektor nicht behaupten kann, unsere Demarche sei nicht vonnöten gewesen, auf einem Irrtum beruht.
Werner Könemann."
[Bild: Der Auszug der Gladiatoren]
Die Schulen der Bergstadt
Ein Blick zurück:
Ursprünglich hatte in den Kirchengemeinden der Küster den niederen Kirchendienst zu versehen; dazu gehörte auch das Orgelspielen, so daß man musikalische Kenntnisse und Fertigkeiten schon in früher Zeit bei ihnen voraussetzen muß. Wo keine Orgel in der Kirche war, gab der Küster den Ton an durch Geigen- oder Flötenspiel. Zum Schuldienst scheinen die Oerlinghauser Küster damals aber noch nicht herangezogen worden zu sein; das geschah erst im 18. Jahrhundert. Vorher hat man, wie überall, auch hier nicht viel von der Schule gehalten.
Der erste in Oerlinghausen angestellte Schulmeister war Franziskus Gallus, der um 1600 hier kurze Zeit unterrichtete, und zwar nur die wenigen Kinder der hiesigen beamteten Personen. Mehrfach diente diese Stellung jungen Theologen als Übergang zum Pfarramt. So stand z. B. Johann Henrich Tack, auch Tackius, der von 1634-1638 Pastor in Elbrinxen war, als Schulmeister in Oerlinghausen. Jodokus Krücke, später Küster in Brake, der Stammvater einer Familie, aus der eine lange Reihe lippischer Lehrer und Pastoren hervorgegangen ist, war seit 1678 Lehrer in Oerlinghausen. Weiter finden wir in Oerlinghausen mehrere Angehörige der ausgebreiteten Lehrerfamlie Dubbert.
Es wurde häufig darüber Klage geführt, daß manche Eltern ihre Kinder nicht zur Schule schickten. Zwischen den Lehrern und den Eltern hat nicht immer ein friedliches Verhältnis geherrscht. Unter vielen anderen Klagen erfahren wir z. B. aus dem Jahre 1734, daß Jakob Wittenborns Frau den Lehrer Dubbert arg gescholten und geflucht habe, „der Donner, Hagel und Blitz sollten in das verdammte Kinderhauen fahren". Der Bakel wurde also damals häufiger angewandt als heute.
Das Schulhaus stand auf dem Kirchhof oder doch in unmittelbarer Nähe der Kirche. Im Jahre 1750 war es so baufällig, daß man es abbrechen mußte. Für die abgerissene Schule wurde ein auf Pfarrgrund stehendes Haus 1750 angekauft. Es war die noch in unseren Tagen so benannte Küsterschule, die laut Vertrag von 1932 wieder an die Kirche zurückgefallen und 1954 zum ev. Gemeindehaus gänzlich umgebaut worden ist. Von 1739 an treffen wir in Oerlinghausen auf die Lehrerfamilie Voß, die über hundert Jahre hier ansässig war. Im Jahre 1788 baute Kantor Hans Henrich Voß sich ein Haus auf Wehmegrund, Pfarrstraße 3. Hier wurde auch Unterricht erteilt. Das schöne Fachwerkhaus wurde leider in den Ostertagen des Jahres 1945 durch amerikanische Artillerie in Brand geschossen.
Einen geregelten Schulbetrieb haben wir in Lippe erst seit Gründung des Seminars durch den Grafen Simon August im Jahre 1781, das von seiner Nachfolgerin, der Fürstin Pauline, und ihrem Generalsuperintendenten, Ferdinand Weerth, noch weiter ausgebaut wurde. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde, als die Schülerzahl auch in Oerlinghausen erheblich angestiegen war, die alte Schule getrennt in eine Küsterschule und eine Kantorschule; d. h., der Küster, gleichzeitig Kirchenbeamter, unterrichtete die Mädchen, und der Kantor (der Vorsänger) unterrichtete die Knaben. Im Jahre 1887 wurde die Kantorschule in den Neubau an der Schulstraße verlegt. Dieser „Neubau" ist inzwischen alt und viel zu klein geworden, obwohl er 1949 einen Anbau erhielt. Dies machte den Neubau der Volksschule an der Bielefelder Straße notwendig.
Die Gründung der Rektorschule im Jahre 1857 verdanken wir Pastor Wilhelm Weerth. Er fand sehr schnell die Zustimmung der hiesigen Bürger, vor allem auch die der Gutsbesitzer der Umgegend. Anfänglich wurde die Rektorschule vorzugsweise von Söhnen und Töchtern der umliegenden Höfe besucht. Sie bildeten damals das sichere Element, auf Grund dessen diese Privatschule jahrzehntelang ohne staatliche oder kommunale Zuschüsse leben konnte. Ihre ersten Lehrer waren die Theologen Gerstung, Stamm, Bröffel und Kronemeiet; Dr. Deppe und Zeiß waren Lipper. Später wechselten die Lehrer sehr häufig.
Die höhere Privatschule, wie die Rektorschule amtlich genannt wurde, ist am 1. 4. 1939 in den Besitz der Stadt übergegangen und hieß von diesem Tage an Oberschule.
Seit dem 1. 7. 1952 heißt sie Gymnasium.