Die Rache polnischer „Fremdarbeiter“
Er ist Jahrgang 28. Im Wehrertüchtigungslager wurde er mit den Waffen bekannt gemacht, um gegen Großdeutschlands Feinde zu ziehen. Aber dazu kam es nicht. Hitlers Drittes Reich kapitulierte. Anton Hoppe ging nach Hause, zurück ins Elternhaus nach Fürstenau im Kreis Höxter. Der Zweite Weltkrieg war zwar aus, jedoch die ersehnte Ruhe kehrte nicht ein. Die Menschen - besonders auf dem weiten Land - lebten weiter in Angst. Raub und Mord waren an der Tagesordnung.
Tausende von „Fremdarbeitern“ und Kriegsgefangenen waren durch die alliierten Besatzungstruppen befreit worden. Sie warteten auf den Rücktransport in die Heimatländer. Wie in Höxter so waren in zahlreichen Orten Ostwestfalen-Lippes Menschen in besonderen Sammelunterkünften zusammengezogen worden, die man jahrelang durch Verordnungen und Kennzeichnungen wie „P", „OST“ und „SU" demütigte und die auch jahrelang gehungert hatten. Es waren vielfach Menschen, „deren Erscheinungsbild dem rassischen Bild des deutschen Volkes nicht nahekam“. Entsprechend waren sie behandelt worden. In den Sterberegistern der Zwangsarbeiterlager für Polen und Russen in Lahde und Bierde im nördlichen Kreisgebiet Minden finden sich als Todesursachen: „Innere Vergiftung“, „Allgemeine Schwäche", „durch die Geheime Staatspolizei Hannover exekutiert", „Tuberkulose“, „hat sich erhängt".
Ausgehungert, mißhandelt, ihrer Menschenwürde beraubt, wurden diese Zwangsarbeiter in den Monaten des Wartens auf eine Rückkehr in ihre Heimat zu einer gefährlichen Masse Mensch, die oft blindwütig Rache nahm: Am Sonntag, dem 8. April 1945, holen in Stahle (Kreis Höxter) ausländische Arbeitskräfte den 51-jährigen NSDAP-Zellenleiter Wilhelm Schwache aus seiner Wohnung und töten ihn durch vier Pistolenschüsse. „In den Fremdarbeiterlagern befinden sich 15.128 Ausländer, in der Hauptsache Polen“, heißt es in Polizeiberichten des Kreises Minden vom Herbst 1945, und: „Von den Lagerinsassen wurden in der letzten Zeit laufend strafbare Handlungen wie Totschlag, Raub, Plünderungen, Diebstähle, insbesondere Viehdiebstähle, verübt." „Die Zustände, die sich allmählich zu einer Katastrophe auswirken", lesen sich so: „Abgesehen davon, daß Weidenpfähle, Holzzäune, Türen usw. bereits verbrannt sind, wird jetzt von den Ausländern mit dem Abbruch von Scheunen und Stallungen begonnen, um das daraus gewonnene Holz- als Brennmaterial zu verwenden ... Die Bevölkerung ist in dieser Hinsicht ihrem Schicksal überlassen.“
[Bild: Rache: befreite russische Zwangsarbeiter verprügeln einen Deutschen.]
Höxters Kaserne war einer der Sammelpunkte. Die Stadt hatte 4.768 Ausländer zu beherbergen. In einer Niederschrift heißt es: “Die Stadt sah wüst aus. Die Schaufenster der Innenstadt waren fast alle zertrümmert. Viel Raubgesindel strömte in die Stadt, plünderte und raubte bei Tag und Nacht",
Wochen und Monate war die deutsche Bevölkerung Bedrohungen und Plünderungen ausgesetzt. Nach Berichten schritten die Besatzungstruppen bei den Ausschreitungen „nur halbherzig ein“. Zu einer Leidensstätte sollte die Gemeinde Fürstenau werden. Hier spielte sich im Sommer 1945 etwas ab, das bezeichnend für die Zeit der Unsicherheit war.
Anton Hoppe, von Beruf Maurerpolier, war Augenzeuge. Heute verwaltet er Fürstenaus Chronik. Auf drei Seiten in der Dorfaufzeichnung - alles ist fein säuberlich handgeschrieben festgehalten - kann verfolgt werden, „was damals geschah". Es ist zu lesen, daß sich Räuberbanden bildeten und raubend durch die Gegend zogen, tagsüber und nachts: „Sie raubten alles, was sie mitnehmen konnten".
Am 2. Juni 1945 war es zwischen der Dorfwache - dazu hatten sich beherzte Männer zusammengeschlossen - und marodierenden Polen zu einem Händel gekommen. Dabei wurde ein Pole getötet. Vorher hatten die Polen zwei Fürstenauer durch Schuß- und Stichwaffen erheblich verletzt. Nach dem Zwischenfall verdichtete sich im Dorf das Gerücht: „Die Polen wollen Rache für ihren getöteten Landsmann nehmen".
Es blieb nicht bei einem Gerücht. Am 29. Juli 1945 - es war ein Sonntag um 9 Uhr abends - standen die Polen, die Rache nehmen wollten, vor Fürstenau. Ein Auszug aus der Chronik: „150 bis 200 Polen drangen ins Dorf. Fensterscheiben wurden eingeschlagen, Haustüren erbrochen, geschossen aus verschiedenen Schußwaffen und Handgranaten. Etliche Bewohner wurden mißhandelt. Sieben Personen bestialisch ermordet.“
Eine englische Soldatenstreife arrestierte nach der Greueltat 50 Polen. Von einem britischen Militärgericht wurden später vier Polen zum Tode verurteilt; acht erhielten eine Gefängnisstrafe von je 20 Jahren, fünfzehn von je 10 Jahren und vier von je sechs Jahren.
Die sieben deutschen Opfer des Massakers wurden in einem Massengrab auf dem Dorffriedhof beigesetzt. Die Fürstenauer haben den 45er Julitag nicht vergessen, aber sie haben längst Frieden mit der Zeit geschlossen.
Kurt Linnenbrügger