Stadtgeschichte über Liebe in harter Kriegszeit

Von tragischen Liebesbeziehungen in der Weberei und den gnadenlosen Kämpfen der letzten Kriegstage berichtete Hanna Seppmann, eine Zeitzeugin, die von Werner Höltke interviewt wurde

 

[Bild: Zeitzeugin: Hanna Seppmann im Alter von 25 Jahren. Sie starb nach ihrem 100. Geburtstag im Januar 2015. | © Horst Biere]

Oerlinghausen. Liebe war streng verboten - damals in den Kriegsjahren zwischen Kriegsgefangenen, Fremdarbeitern und Deutschen. In der Oerlinghauser Weberei aber verhinderten selbst härteste Strafen der Nazis nicht, dass sich engere Kontakte und Liebesbeziehungen zwischen jungen Menschen anbahnten. Das berichtete Werner Höltke, der vor einigen Jahren die Zeitzeugin Hanna Seppmann interviewte, die als Mitarbeiterin und ausgebildete Luftschutzwartin den Firmenalltag miterlebte.

Die Weberei, die sonst hochwertige Textilien herstellte, musste ihre Produktion auch kriegsbedingt umstellen: Fallschirme und Gasmasken lieferte die Fabrik nunmehr für das deutsche Militär. In den großen Produktionshallen an der damaligen Bahnhofstraße - dort wo die Firma Oetker heute ihren Sitz hat - arbeiteten viele Oerlinghauser Frauen, denn die männlichen Mitarbeiter standen fast alle an der Front.

Doch auch französische Kriegsgefangenen und russischen Fremdarbeiterinnen waren in der Weberei eingesetzt. Denn nur mit ihrer Hilfe ließen sich die verlangten Produktionszahlen erfüllen. Die Franzosen lebten in einer ehemaligen Brauereiniederlassung an der heutigen Rathausstraße, die Russinnen bewohnten einen größeren Schlafsaal in der Weberei, erzählte Hanna Seppmann.

[Bild: Kriegswichtig: In den Fabrikhallen der Weberei (heute Firma Oetker) wurden Fallschirme und Gasmasken für die Wehrmacht hergestellt. REPROS: Horst Biere | © Horst Biere]

Heimliche Treffen waren an der Tagesordnung

Heimliche Treffen waren an der Tagesordnung, zwischen Russinnen und Franzosen aber auch zwischen französischen Gefangenen und deutschen Mitarbeiterinnen. Als Nachrichten- und Informationspunkt diente offenbar ein Versteck hinter den Fahrradständern im Eingangsbereich der Firma. Doch wer erwischt wurde, der wurde drakonisch bestraft.

Von einem besonders tragisches Beispiel berichtete Hanna Seppmann - von der Liebelei der erst 15-jährigen Oerlinghauserin Hilde Silbermann zu einem jungen französischen Gefangenen. Als ihre Liebesbeziehung entdeckt wurde, bekam der französische Gefangene eine andere Arbeitsstelle zugewiesen. Hilde Silbermann dagegen musste ihre Lehre als Näherin abbrechen und man deportierte sie in ein Arbeits- und Erziehungslager.

Als sie nach einem Jahr nach Oerlinghausen zurückkehrte, war sie am Tiefpunkt angelangt. Ihre Ausbildung wurde abgebrochen, nicht einmal mehr ihr Berufsschullehrer Karl Husemann durfte sie weiter unterrichten. Ausgezehrt vom kargen Lagerleben starb Hilde Silbermann im Alter von 18 Jahren.

Es herrschte Mangel an allem

Das Arbeitsleben war hart in den letzten Kriegsjahren, es herrschte Mangel an allem. Lebensmittel, warme Kleidung, Brennmaterial. Textilreste aus der Produktion durften die Mitarbeiterinnen deshalb schon mal mit nach Hause nehmen. Doch nur kleine Seidenschnipsel, habe Hanna Seppmann erzählt. Wer bei einer der üblichen Taschenkontrollen mit einem zu großen Stoffstück erwischt wurde, der hatte ebenfalls mit einer Bestrafung zu rechnen.

Seppmanns Vater, der als Zigarrenmacher bei der Firma Altenbernd an der Detmolder Straße arbeitete, hatte noch eine weitere Aufgabe. Er war als Nachtwächter für die Sicherheit des Oerlinghauser Elektrizitätswerks, das unmittelbar neben ihrem Wohnhaus lag, zuständig. Seine Hauptbeschäftigung bestand darin, auf die Kohlevorräte des E-Werks aufzupassen. Denn überall versuchten die Menschen, ein wenig Brennmaterial zu ergattern. Als Naturallohn durfte der Vater gelegentlich einen Eimer Kohlen mit nach Hause nehmen.

15-Jährige wurde in ein Erziehungslager gesteckt

Die Lage in der Bergstadt wurde täglich schlechter, denn das gnadenlose Ende des Kriegs rückte allmählich näher. Hanna Seppmann erkannte dies vor allem an den endlosen Kolonnen russischer Kriegsgefangener und von KZ-Hälftlingen in gestreifter Kleidung, die an den letzten Kriegswochen durch Oerlinghausen Richtung Osten getrieben wurden. Am Karfreitag Ende März 1945 begann die kritische Phase für Oerlinghausen. Der städtische Ausrufer Hermann Heidschuster („Kockherm") lief mit seiner Glocke durch Oerlinghausen und verkündete: „Im Namen des Bürgermeisters: Die Zivilbevölkerung soll die Stadt umgehend verlassen und nur das Nötigste mitnehmen. Er empfiehlt, die umliegenden Dörfer aufzusuchen".

Die Alliierten waren von Schloß Holte her auf Oerlinghausen vorgerückt, und feuerten aus allen Artillerie- und Panzerkanonen auf die Stadt. Denn ein 24-jähriger Leutnant hatte als Vorgesetzter eines Trupps schlecht ausgebildeter junger Soldaten beschlossen, „aus Oerlinghausen ein zweites Stalingrad zu machen". Statt die Bergstadt mit weißen Fahnen kampflos zu übergeben, entbrannten heftige Kämpfe um jedes Haus.

Hanna Seppmann hatte während der Kämpfe Bereitschaftsdienst in der Weberei. Sie musste von dort aus, quasi aus der Nachbarschaft mit ansehen, wie ihr Elternhaus und der angebaute Stall an der Rathausstraße von Artilleriegranaten schwer zerstört wurden. Als am zweiten Ostertag die letzten deutschen Soldaten getötet oder aber abgezogen waren, kehrte sie vorsichtig zu ihrem Elternhaus zurück. Sie erlebte noch mit, wie amerikanische Soldaten die Türen der Häuser mit Gewehrkolben einschlugen, um sie nach deutschen Verteidigern zu durchsuchen. Doch dann begannen die Aufräumarbeiten für die Zivilbevölkerung - der Krieg war in Oerlinghausen nach Ostern 1945 zu Ende.