Die Tönsbergmühle
Gedicht von August Reuter
Am Tönsberg tobt manch wilder Sturm. —
Seht ihr dort oben den Mühlenturm? —
Er trägt nicht Flügel mehr und Dach,
Er hat keinen Keller, kein Wohngemach;
Ihn schließt kein Fenster und kein Tor,
Nur Raben krähen oben im Chor.
Der Weg ist steil, der Weg ist schwer;
Wie lang schon steht die Mühle leer! —
Da war ein Müller, der wollte es wagen,
Den Kampf mit dem Sturme auszutragen.
Er wollte den Bauern das Korn wohl mahlen
Und pünktlich der Herrschaft den Zins auch zahlen.
Doch bei dem Wetter, bei Sturmestoben
Brachten die Bauern kein Korn nach oben.
Der Weg war steil, der Weg war schwer. —
Da stand die Mühle wieder leer. —
Da standen die Flügel lange still. —
Es geht nicht immer, wie man will
Doch einstmals wurde viel Korn gebracht.
Und wieder tobte der Sturm mit Macht,
Als käme geritten die Jagd des Bösen!
Da konnte der Müller den Hebel nicht lösen.
Er rüttelt verzweifelt an Rad und Piegel,
Doch festgerostet bleibt der Riegel.
Er flucht: Jetzt just will de Mühle nich mahlen!
Muinswegen sall se de Duiwel hahlen! —
Kaum hat er die Worte ausgesprochen,
Da hört er ein Stoßen und Fauchen und Pochen.
Das Scheibengeklirr, das Splittern und Krachen
Wird übertönt von gräßlichem Lachen.
Bei Blitz und Donner und Schwefelduft
Sausen die Flügel hoch durch die Luft
Weit über die Dächer der Stadt geht der Flug,
Als ging es dem Teufel nicht wild genug.
Die Flügel fahren auf schwarzer Wolke
Und landen weit hinterm Feuerkolke.
Dort graben sie tief in die Erde sich ein.
Da wurde die Luft erst wieder rein. —
Aus Wintersturm ward Lenzeswehn. —
Den Müller hat man nicht mehr gesehn.