Als das Oerlinghauser Germanengehöft ein Liebesnest war

Archäologisches Freilichtmuseum: Geschichte und die Zukunft des Museums sind Thema in einer Schrift des Lippischen Heimatbundes. Autor ist Museumsleiter Karl Banghard

 

[Bild: Aus der Anfangszeit: Schüler lernen 1936 zur vorgeschichtlichen Siedlung Tönsberg am Sandtisch. Initiator des Museums war der Volksschullehrer Hermann Diekhof. | © Freilichtmuseum Oerlinghausen]

[Bild: Freuen sich über den neuen Band: Karl Banghard (v. I.), Stefan Wiesekopsieker und Klaus Stein. | © Sigurd Gringel]

Oerlinghausen. Die Geschichte und die mögliche Zukunft des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen ist bald Tausenden von Menschen bekannt. Mit einer Auflage von 13.000 Exemplaren ist jetzt der Band 38 der Schriftenreihe „Lippische Kulturlandschaften" erschienen. Herausgeber ist der Lippische Heimatbund, Autor Museumsleiter Karl Banghard, der als Wissenschaftler in seinem Fach ein hohes Ansehen genießt. Er hat auf etwa 30 Seiten Bekanntes und bislang nicht ausgewertetes Archivmaterial zusammengetragen.

Banghard beginnt seine Schilderung mit den Anfängen des ersten Germanengehöfts, das die Nationalsozialisten für ihre Zwecke nutzten. Als politische Bildungsstätte, später als Versteck vor amerikanischem Militär und als Erinnerungsort.

1946 wurde das Gehöft abgebaut, weil es massive Beschwerden der Anwohner gegeben hatte. Soldaten und Prostituierte nutzten die Häuser als Liebesnest, schreibt Karl Banghard.

Neuaufbau mit Spenden der Bürger

Den zweiten Teil der Historie widmet er dem Wiederaufbau nach 1961. „Den hat noch nie jemand kritisch untersucht", sagt er bei der Vorstellung des Bandes. Eine neue Erkenntnis seiner Quellenforschung ist, dass das neue Germanengehöft - seinerzeit das „einzige nichtrömische archäologische Freilichtmuseum zwischen Nordsee und Schwarzwald" - dank privater Spenden und Bürgschaften neu aufgebaut werden konnte. 50.000 DM Baukosten streckten die Oerlinghauser Bürger vor. Banghard: „So ein kulturelles Engagement hatte einen hohen Seltenheitswert."

Die Besucherzahlen waren im Anfangsjahr mit 60.000 verkauften Eintrittskarten überwältigend. Allerdings konnte dieser Anfangsschub nicht genutzt werden. Der Vorstand lehnte eine Professionalisierung der Strukturen ab, das Museum stagnierte fachlich und wirtschaftlich. 1973 brannte die Anlage komplett ab. 1979 gelang der Neuanfang.

Klaus Stein spannt den Bogen zwischen Freilichtmuseum und Lippischem Heimatbund. Im Museum leitet er die Geschäfte, im Heimatbund ist er Schatzmeister. Sein Vorschlag, das Museum in der Schriftenreihe zu präsentieren, sei also „nicht uneigennützig" gewesen.

Klimaturm ist auch ein Thema

Einen Großteil der Kosten trägt die NRW-Stiftung, der Auftraggeber muss sich aber beteiligen und auch einen Autor stellen. Daran seien in der Vergangenheit viele gute Ideen gescheitert, sagt Stefan Wiesekopsieker, Redakteur der Schriftreihe.

Neben Vergangenheit und Gegenwart nimmt Karl Banghard in dem Band drei wichtige Zukunftsprojekte in den Blick: den Klimaturm, die wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Zeit und die Neugestaltung der Jungsteinzeitlichen Abteilung.

Diese Projekte bezeichnet er als nötigen Relaunch des Freilichtmuseums. Die Chancen für die Verwirklichung stehen gut. Der Kreis Lippe befürwortet eine Förderung aus dem Landesprojekttopf „Regionale 2022". In diesem Jahr muss die Entscheidung über mögliche Fördergelder gefällt werden.

Seit 2004 bringt der Lippische Heimatbund mit Unterstützung der NRW-Stiftung seine Schriftenreihe heraus und porträtiert dabei bedeutende Kultur- und Naturdenkmäler des Kreises Lippe.

Die Reihe „Lippische Kulturlandschaften" erscheint dreimal jährlich als Beilage zur Mitgliederzeitschrift. Der Lippische Heimatbund hat 12.500 Mitglieder. Interessierte können das aktuelle Heft im Museumsshop, im Bürgerbüro und in der Buchhandlung Blume für 4 Euro kaufen.