Vier Panzersperren gegen eine Übermacht
Der Endkampf in Jöllenbeck
Vier Panzersperren sollten den Vormarsch der Amerikaner in Jöllenbeck stoppen: bei Aufderheide an der Wertherstraße, bei der Ravensberger Seidenweberei an der Bielefelder Straße, an der Spenger Straße sowie zwischen der Friedhofsmauer und dem Gehöft Meyer zu Jöllenbeck. Es waren aufgeschichtete Baumstämme, mit Sand verdichtet. Der Volkssturm, der im Oktober 1944 aufgestellt worden war und jeden Sonntagvormittag ohne Bewaffnung und Ausrüstung übte, sollte sie mit Panzerfäusten verteidigen.
Am 2. Ostertag, gegen 14 Uhr, fand eine Lagebesprechung der Volkssturmführer im Hotel Strathmann statt. Kurz danach näherte sich eine Panzerspitze, von Werther kommend, über Häger. Richtig glauben wollten es die Jöllenbecker aber erst, als Geschützlärm bei der Sperre Aufderheide zu hören war. Sie war geschlossen und wurde auch verteidigt. Amerikanische Infanterie schwärmte nach den Seiten aus, die Panzer eröffneten das Feuer. Dabei geriet das Gehöft Böckmann in Brand. Ein Familienmitglied, das vom Strohboden aus Ausschau hielt, konnte sich nur knapp retten. Mehrere Häuser östlich von Böckmann fielen schnell in die Hand der Amerikaner, die als Vergeltung für den Widerstand Brände legten, die aber nach dem Fortzug der Truppen schnell gelöscht werden konnten.
Einige gezielte Schüsse beseitigten die Sperre. Paul Brünger und der Arbeitsdienstmann Karl Heinz Link wurden dabei getötet, der Volkssturmmann Peter Koring wurde so schwer verwundet, daß er später starb.
Das Kleinbahnhofsgebäude erhielt mehrere Treffer, auch die Häuser Wertherstraße 2 und 13. Der Volkssturmmann Bertelt (Am Pfarrholz Nr. 71), der mit einem Soldaten in einem Schützenloch an der Ecke des Hoffmannschen Gartens hockte, wurde an der Hand verwundet, von Amerikanern verbunden und als Gefangener abgeführt.
Zwischen 15 und 16 Uhr rollten die Panzer feuernd die Bahnhofstraße herunter. Das alte Kantorhaus, das dem Kaufmann August Eickmeyer als Scheune diente, ging dabei in Flammen auf.
Die übrigen Panzersperren in Jöllenbeck wurden nicht verteidigt. Es hätte auch keinen Sinn gehabt.
Geradezu abenteuerlich klingt die Geschichte der heute 72 Jahre alten Klara Bartling, Am Bollhof 6, die erzählte: ihr damals 12-jähriger Sohn Hans, der heute in Spenge lebt, war von ihr mit dem Fahrrad zur Schwester der Schwiegermutter in Werther geschickt worden, um sich ein Paar Holzschuhe zu holen: „Ich hatte ja nichts zum Anziehen für meine vier Kinder“.
Plötzlich kam der Junge wieder zurückgerast, knallte das Fahrrad gegen die Deelentür und schrie außer Atem: „Die Amerikaner kommen! Sie sind mit ihren Panzern immer hinter mir her gefahren!“
Als er schließlich einen neugierigen Blick nach draußen warf, sah er, wie amerikanische Soldaten in die Sparkasse eindrangen, und rief: „Jetzt klauen sie unser ganzes Geld!“
Klara Bartling: „Wir hatten alle viel Angst, vor allem vor den Negern!“ Das Geschlachtete hatte sie noch schnell vom Boden geholt und im Keller versteckt. Einer der farbigen Soldaten kam auch ins Haus und wollte Eier haben: „Er war höflich und nett, schaute sich alles an und schenkte meinem acht Monate alten jüngsten Kind im Körbchen eine Tafel Schokolade. Das war wie eine Erlösung!“ Klara Bartling schlief die ganze Nacht nicht: „Da brannte noch immer die Seidenweberei!“
[Bild: Unbekannt sind bisher die Namen von sechs Toten, die Heeper Bürger unmittelbar vor dem Einmarsch der Amerikaner in einem Wäldchen an der Altenhagener Straße, bei der Mühle Mellies, fanden. Erschossen von der Wehrmacht oder von der Polizei? Das blieb ungeklärt. Aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen begruben sie die sechs Toten bei Nacht und Nebel auf dem Friedhof. Dort erinnert noch heute ein Gedenkstein an diesen sinnlosen Mord. Die Erschossenen fanden eine gemeinsame Ruhestätte mit dem Polen Czeslaw Filipiak und der Russin Alexandra Zepkowa, zwei jungen Zwangsarbeitern, die von Deutschen verschleppt worden waren und ihre Heimat nicht wiedersahen. Willi Sepp-mann, der Vorsitzende des Heeper Heimatvereins, kennt die Lösung des Rätsels auch nicht. Aber er weiß, daß es andererseits damals zu Racheakten von Fremdarbeitern gekommen Ist. Karl und Emmi Heidenreich wurden zum Beispiel am 7. April 1945 auf der Hagemannschen Ziegelei in Oldentrup umgebracht. Foto: Werner Losse]
Das erste weiße Tuch
Der Jöllenbecker Bäcker Brinkmann durchlebte beim Einmarsch der Amerikaner Todesängste, denn der Ortsgruppenführer Meyer zu Jöllenbeck hatte ihn kurz vorher verhaften und einsperren lassen. Grund: Brinkmann hatte aus Sorge um sein Haus, vor dem eine der Straßensperren errichtet worden war, als erster ein weißes Tuch auf seinem Haus gehißt. Mit dem Einrücken der Amerikaner kam er aber schnell wieder auf freien Fuß. Für ihn war es wirklich eine Befreiung.