Kohlen für Bielefeld verschwanden in Schildesche aus den Waggons
Zeitzeugen erinnerten sich beim „Forum + Fest“ des SPD-Bezirks - Im März 1933 Wahlbetrug im Wellensiek / Hitler unterschätzt
Bielefeld (Kie). „Gleich nach dem Krieg kam meist nur wenig Kohle In Bielefeld an“ erinnerte sich Heinz Schmidt aus Bünde, von 1953 bis 1964 Geschäftsführer der sozialistischen Jugend „Die Falken“ gestern bei einem Gespräch über die Geschichte der SPD nach 1945 in Ostwestfalen-Lippe anläßlich der Veranstaltung „125 Jahre SPD - Forum, Fest“ in der Ravensberger Spinnerei. Seine Begründung für den Brennstoffmangel: „Die Genossen Hunger und Wulfmeyer waren in Schildesche schon In den Zügen drin gewesen und hatten sie leergemacht.“
Zeitzeuge Schmidt wußte - ebenso wie andere - auch darüber zu berichten, daß nach 1945 ehemalige Nazis bei den Ortsvereinen Schlange standen und um Aufnahme baten. Diese Opportunisten seien aber nicht genommen worden. Die ehemalige Bundestagsabgeordnete Elfriede Eilers fügte hinzu, daß auch ehemalige Genossen, die mit den Nationalsozialisten - wenn auch nicht immer freiwillig - kooperiert hätten, nicht willkommen waren. „Wir haben uns bemüht, den eigenen Laden sauber zu halten.“
Sie erinnert sich auch daran, wie die SPD in den Bereichen Höxter und Paderborn, bis dahin „weiße Flecken auf der Landkarte“, an Boden gewann. Viele Genossen aus Breslau habe es als Flüchtlinge dorthin verschlagen und sie hätten dort die ersten Ortsvereinsversammlungen abgehalten.
In den ländlichen Gegenden sei es aber immer schwer gewesen und noch heute nicht leicht, die Frauen zu mobilisieren. Bielefeld dagegen habe schon vor 1933 einen Frauenanteil von 20 bis 25 Prozent gehabt und die Frauen seien nach 1945 in der Politik sehr aktiv gewesen.
Mit Daten und Fakten versorgte Michael Buggisch die Gesprächsteilnehmer. Er hat ein Buch mit dem Titel „Für ein neues, besseres Deutschland“ geschrieben, das sich mit der Wiederbegründung und der Politik der SPD im Bezirk Ostwestfalen-Lippe und in Bielefeld nach 1945 befaßt. Es ist gerade in einer vom Bezirksvorstand herausgegebenen Schriftenreihe erschienen.
Im Erdgeschoß stand ein Zeitzeuge der Machtergreifung im Jahre 1933 Rede und Antwort. Natürlich hätten die SPD-Mitglieder Hitlers „Mein Kampf“ gelesen, sich aber trotzdem nicht vorstellen können, was da alles passieren werde. Den Genossen dürfe man keinesfalls „Feigheit“ vorwerfen. Die Basis sei - so der Mann aus dem Wellensiek - auch zum Aufstand bereit gewesen, aber die Parteiführer hätten gehofft, es werde alles nicht so schlimm werden und es gebe andere Wege, Hitler binnen weniger Monate wieder loszuwerden. Karl Schreck zum Beispiel habe erklärt: „Man kann uns drücken, aber nicht unterdrücken." So sei es bei Einzelaktionen wie dem Verbrennen von Fahnen der dem heimlichen Drucken und Verteilen von Flugblättern geblieben.
Genau weiß der Wellensieker noch, daß bei der Wahl am 5. März 1933 in seinem Wahlkreis ein Wahlbetrug gelaufen sein muß. Seine ganze große Familie habe mit „nein“ gestimmt und trotzdem sei später offiziell verkündet worden, im Wellensiek habe es nur zweimal „nein“ gegeben.
Den ganzen Tag lang informierten sich ostwestfälische Sozialdemokraten in der Ravensberger Spinnerei. Aber auch der Austausch von Erinnerungen, das Anknüpfen von Kontakten, kulturelle und leibliche Genüsse kamen dabei nicht zu kurz. Abends wurde auch noch getanzt.
Siehe auch Seite „Zwischen Weser und Rhein“.