Am Sonntag ging man auf den Johannisberg, um russische Untermenschen zu begucken

Die antifaschistische Stadtrundfahrt macht Geschichte am Ort des Geschehens anschaulich

 

Bielefeld (-ard). Die letzte Schlagzeile der sozialdemokratischen Zeitung „Volkswacht“ lautete am 27. Februar 1933: „Bielefeld Ist rot, Bielefeld bleibt rot“. Was die zweite Behauptung der Schlagzeile anging, Irrte die Volkswacht. Jedenfalls bezüglich der nächsten zwölf Jahre. Bielefeld wurde braun. Die Nazis errichteten auch in unserer Stadt ihr Terrorregime. Nicht ohne auf Widerstand zu stoßen. Der aber gebrochen wurde. Auch in unserer Stadt gab es ein SA- und ein Gestapo-Gefängnis, auch in unserer Stadt haben deutsche Richter Terrorurteile gefällt, auch In unserer Stadt wurden Kriegsgefangene und Frauen aus der Sowjetunion zur Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen gezwungen, auch in Bielefeld wurde „arisiert“, wie der „Fachausdruck“ für die de-facto-Enteignung jüdischer Geschäftsleute lautete, und auch aus Bielefeld wurden jüdische Mitbürger In die KZ deportiert. An diese Vergangenheit erinnert eine Stadtrundfahrt des Bildungswerkes für Friedensarbeit und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Sie firmiert unter der Bezeichnung „antifaschistische Stadtrundfahrt“.

Erste Station der Fahrt ist das Kamphofviertel. Auf der Fahrt vom Ossietzky-Zentrum bis hierher hat Stadtführer Christian Lawan einen Überblick über die politische Lage in Bielefeld vor der Machtergreifung der Nazis gegeben. Man erfährt, daß in der Weimarer Zeit die Sozialdemokraten in Bielefeld Wahlergebnisse von durchschnittlich 45 Prozent, die KPD knapp unter zehn Prozent erzielten. Lawan dessen Bildungswerk sich in einem Rechtsstreit mit dem FDP-Landtagskandidaten Joachim Schultz-Tornau befindet - verschweigt nicht, daß die Bielefelder Kommunisten Anhänger des sogenannten „Neumann-Kurses“ waren, der die Sozialdemokraten in die „faschistische Einheitsfront“ einschloß. Das bedeutete, daß die Kommunisten die SPD, deren Ideologie und Politik als „Sozialfaschismus“ diskriminierte. Die Kamphofsiedlung war ein Arbeiterwohngebiet. Für die Nazis gab es hier keinen Blumentopf zu gewinnen. Umso mehr wählten sie die Gewalt als Mittel des politischen Kampfes. Überfälle auf Flugblattverteiler waren nichts Ungewöhnliches.

SA-Überfall

Am 22. Januar 1932 überfielen rund 60 SA-Leute nachmittags den Kamphof. Über die Meller Straße kommend stürmten sie wahllos in die Häuser und zerrten die Bewohner auf die Straße, wo sie zusammengeschlagen wurden. Es entstand eine regelrechte Straßenschlacht. Bei der Ahndung der Geschehnisse durch die Gerichte zeigte sich, daß auch die Justiz in Bielefeld auf dem rechten Auge blind war. Als Folge des Überfalls bildete sich im Kamphofviertel eine Selbstschutzorganisation, die sich aus SPD. Reichsbanner. Evangelischem Volksdienst und - so Lawan - sogar aus der KPD rekrutierte. Der Versuch, diese Organisation auf Stadtebene zu erweitern, scheiterte allerdings. Nach der Machtübernahme durch die Nazis sperrte die SA das Kamphofviertel regelrecht ab und übte ihren Terror aus. Trotzdem wurde bis 1935 Widerstand geleistet. Im genossenschaftlichen Wohnkomplex Meller Straße 46 stand eine Druckmaschine, auf der in einer Auflage von 100 bis 200 Flugblätter gedruckt wurden, illegal lebende Personen wurden versteckt. Mit einer zentralen Verhaftungsaktion im Sommer 1935 wurde der organisierte Widerstand der Bielefelder Linken, der einen weiteren Schwerpunkt im Bielefelder Osten - im fünften Kanton - hatte, gebrochen. 67 von zunächst 200 Verhafteten wurde im Frühjahr 1936 vor dem Bielefelder Landgericht - einer anderen Station der Stadtrundfahrt - der Prozeß gemacht. 65 Personen wurden zu über 250 Jahren Haft verurteilt. Nach der Urteilsverkündung zogen die Frauen der Opfer geschlossen zu den Dürkopp-Werken, wo sie Arbeitern von den Urteilen erzählten. Eine Abteilung der Firma trat daraufhin für eine Viertelstunde in den Streik.

Ausflugsziel Lager

Auch auf dem Johannisberg hielt der Stadtrundfahrtbus. Seit 1942 waren hier auf dem Gelände der Schützengesellschaft rund 660 russische Zwangsarbeiterinnen untergebracht. Lawan berichtet. die Dürkopp-Werke hätten noch 1947 letzte Pachtzahlungen an die Schützen überwiesen. Die Lebensverhältnisse in dem Lager waren so, daß sie sogar in internen Nazinotizen als fürchterlich bezeichnet worden sein sollen.

Trotzdem oder gerade deswegen war das Lager ein Ausflugsziel für so manchen Bielefelder. Man wollte einmal „Untermenschen“ beschauen gehen. Das Lager wurde am 4. April 1947 befreit. Gefängnisse gab es in unserer Stadt gleich mehrere. Die SA quälte ihre Gefangenen in der 55er Kaserne, die Gestapo in ihrem Gefängnis in der Viktoriastraße 9.

Eine letzte Station der antifaschistischen Stadtrundfahrt sei erwähnt: Die Stelle in der Turnerstraße 2, an der von 1905 bis 1938 die Synagoge der jüdischen Gemeinde gestanden hat. Zwar zeugt seit 1978 ein unauffälliges Schild davon, daß das jüdische Gotteshaus hier einmal gestanden hat, über das Schicksal der jüdischen Mitbürger erfährt man hingegen nichts. Lawan berichtet: In Bielefeld hat es zwischen 1.000 und 1.500 Juden gegeben. Sie waren Kaufleute und Juristen, wenige Arbeiter und kleine Angestellte. Wie im gesamten Reich wurden seit 1933 ihre Läden boykottiert und arisiert. 1935 traten die Nürnberger Rassegesetze in Kraft. 1936/37 wanderten 495 Juden aus. die aber wahrscheinlich im europäischen Ausland von der Kriegsmaschine der Nazis eingeholt worden sind. Die Zurückgebliebenen wurden in „Judenhäusern“ eingepfercht und mußten Zwangsarbeit leisten. Die Transporte ins Gas begannen im Dezember 1941. Nach 1945 gab es noch 26 Bielefelder Juden.

Zurück am Ausgangspunkt der „antifaschistischen Stadtrundfahrt“ ist man nachdenklich. Geschichte an vertrauten Orten anschaulich gemacht, unterscheidet sich eben von Bücher- und Papierwissen.