Als man aus Kindern Nazis machte

Wer nicht der Hitlerjugend angehört, der muss samstags zur Schule. Rektor Hermann Diekmann schafft eine NS-Vorzeigeschule mit morgendlicher Flaggenparade und Hitlergruß

 

[Bild: Die Modellbaugruppe der Oerlinghauser Hitlerjugend zeigt ihre schönsten Exemplare Anfang der 1940er Jahre vor der Schultür. Heinz Bökenbrink (hinten v. li.), Fritz Helmig, Heinz Risse, Günter Rehm, (vorne v. li.) Richard Koch, Willi Köster, Rolf Meier, Erwin Lange. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv]

Oerlinghausen. Als „rote Hochburg“ galt Oerlinghausen, als Hitler im Jahre 1933 an die Macht kam. Bei den entscheidenden Reichstagswahlen im März lag die SPD in der Bergstadt mit weitem Abstand vor der Nazipartei NSDAP: 45 Prozent SPD, nur 33 Prozent NSDAP. Nun aber wurde in ganz Deutschland „gleichgeschaltet“ - mit brutaler Macht und auch in Oerlinghausen.

Als erstes jagte die SA unter der Führung des Oerlinghauser Sturmbannführers Kurt Heumann den langjährigen verdienten Bürgermeister August Reuter aus dem Amt -mit Unterstützung der neuen lippischen Landesregierung. Zum Bürgermeister setzten die braunen Machthaberden „NSDAP-Parteigenossen“ Friedrich Möller ein. Als neuen Leiter der Volksschule ernannte man am 1. April 1933 Hermann Diekmann, der den Nazis schon seit langem sehr nahe stand und auch für die NSDAP im Oerlinghauser Stadtrat saß.

[Bild: Kampfspiele der Jugendlichen in Oerlinghausen bildeten schon eine Vorbereitung auf einen künftigen militärischen Einsatz. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Volker Wehrmann: Lippe im 3. Reich]

Mit großem Eifer machte sich Diekmann daran, die Kinder der Volksschule auf Parteilinie zu bringen. Um die Jungen zum Beitritt zur Hitlerjugend (HJ) zu veranlassen, sowie alle Mädchen zum Bund deutscher Mädchen (BDM), baute er zusammen mit seinem Kollegium erheblichen Druck auf. So hatten die Jugendlichen, die noch nicht die braune HJ-Uniform trugen, an Samstagen zur Schule zu kommen. Deutschlandweit hatten die Nazis den Samstag zum „Staatsjugendtag“ ernannt, der schulfrei war.

[Bild: Der neu eingesetzte Schulleiter Hermann Diekmann ist ein überzeugter Nazi. | © Repro: Horst Biere / Quelle: LZ]

An diesen Samstagen bekamen die nichtorganisierten Schüler Oerlinghausens nun Nachhilfe im neuen nationalsozialistischen Denken. Man las Kapitel aus der NS-Schülerzeitung vor, oder man befasste sich mit nationalgeschichtlichen Fragen sowie mit Themen der Vererbungs- und Rassenlehre. Breiten Raum an den Schulsamstagen nahm auch Hermann Diekmanns Hobby ein, die Ur- und Frühgeschichte der Germanen.

[Bild: NS-Schulleiter Hermann Diekmann fotografierte oft den Schulalltag - hier eine Aufführung des Schultheaters der Volksschule. Das Bild entstand in den 1930er Jahren. | © Repro: Horst Biere / Quelle: AFM]

Der Erfolg des Samstagsunterrichts ließ nicht lange auf sich warten: Bald konnte Diekmann zur Landesregierung melden, dass 100 Prozent der Oerlinghauser Kinder in den Hitlerorganisationen mitmachten. Jetzt durfte der Schulleiter auch eine weitere Neuheit in der Schule einführen, die tägliche Flaggenparade.

Wie beim Militär standen Jugendliche und Lehrer nun morgens um acht auf dem Schulhof und auf Kommando wurde die Staatsjugendflagge mit dem Hakenkreuz gehisst. Ein Schüler der Hitlerjugend hatte als „Unteroffizier vom Dienst“ ein Kampflied anzustimmen und danach einige Sätze aus dem Buch „Aus deutschem Blut und deutscher Seele“ vorzulesen. Die Kinder sangen anschließend eine weitere Strophe des Kampflieds, und dann verabschiedete man sich mit dem bekannten Hitlergruß, dem ausgestreckten Arm, in die Klassen zum Unterricht.

Nazi-Diekmann indoktriniert die Jugend der Bergstadt Die Landesregierung war begeistert von Schulleiter Diekmanns NS-Erziehung, denn die Oerlinghauser Volksschule lag damit weit vor allen anderen lippischen Schulen. Hermann Diekmann schrieb zudem an die Schulbehörde: „Der Erfolg ist umso höher anzuschlagen, da Oerlinghausen bis zur Machtergreifung noch, das rote Nest am Berg' genannt wurde.“ Jetzt aber bekam er wegen seiner Leistungen üppige Landeszuschüsse zur Schulbibliothek. Und Diekmann bestellte wiederum die neue NS-Kinderliteratur. Zum Beispiel: „Der Hitlerjunge Quex“, „Meldegänger Hitler“, „Die Pioniere des 3. Reiches“ oder aber den Bildband „Hitler in seinen Bergen“.

Die braune Stadtverwaltung unterstützte die Oerlinghauser NS-Erziehung ebenfalls mit großzügigen Zuwendungen. So stellte man als erstes „HJ-Heim“ einen Eisenbahnwaggon am Freibad auf, später wurde der Treffpunkt der Hitlerjugend zum alten Feuerwehrspritzenhaus an der Detmolder Straße verlegt. Die Kinder zogen natürlich immer mehr mit, denn das Angebot an Veranstaltungen wurde attraktiver: Geländespiele, Lagerfeuer, Wehrsport, Aufmärsche, Uniformierung und Singen für die Jungen, Basteln und Kochen für die Mädchen. Großer Beliebtheit erfreute sich in der Bergstadt eine Sondergruppe, die Flieger-HJ. Dort bot man Segelfluglehrgänge oder Modellbauaktionen an. Zur Sonnenwendfeier am 21. Dezember marschierten die Oerlinghauser Jugendlichen stets mit einem Fackelzug auf den Tönsberg und entfachten dort ein großes Feuer unmittelbar an der Windmühle.

Ferienlager der Hitlerjugend mit 1.000 Jungen

HJ und BDM waren bei allen größeren Veranstaltungen mit eigenen Abteilungen und Fahnen vertreten. So zum Beispiel bei „Führers Geburtstag“, der Oerlinghauser „900-Jahr-Feier“ im Jahre 1936 oder auch am 1. Mai. Auch überörtlich zeigte sich Oerlinghausen nun besonders aktiv. So fand im Sommer 1939 für einen ganzen Monat ein großes Ferienlager der Hitlerjugend aus Hamburg-Süd im Schopketal statt, an dem um die 1.000 Jungen teilnahmen, die in 75 Zelten untergebracht waren. Mit Kampfspielen und Wehrsportübungen in den Wäldern verbrachten die Jugendlichen ihre Sommertage in der Bergstadt. Für welche verbrecherischen Zwecke die Kinderspiele genutzt werden sollten, hat wohl niemand geahnt.