Zur Umgehungsstraße

„Blick vom Tönsberg“ aus der Neuen Westfälischen

 

Bei einem Fußballspiel wird die Seitenwahl per Münzwurf entschieden. Wappen oder Zahl - das ist dann die Frage, die klären wird, wer zuerst auf welcher Seite oder - vor allem - in welche Richtung stürmen darf. Zum Glück hat Politik - auch wenn es manchmal den Anschein haben könnte - mit einer Münzwahl nichts zu tun. Politik ist ein langwieriger Diskussions- und Abwägungsprozeß. Ein verantwortungsbewußter Politiker darf nichts dem Zufall überlassen. Er muß sich klar entscheiden, welche Seite der Münze er wählt.

Als vor über drei Jahrzehnten die Diskussion um die Umgehungsstraße begann, war die politische Mehrheit stets auf Seiten derer, die diese Straße wollten. Leidenschaftlich sind Pro und Contra diskutiert worden, bis man sich schließlich auf die sogenannte ,,Tunnellösung" einigte. Was folgte, ist bekannt. Prozesse (gegen die Straße) wurden geführt und allesamt von den Klägern verloren. Im Spätsommer vorigen Jahres begannen die Baumaßnahmen. Nun plötzlich läuft eine „breite" (?) Öffentlichkeit gegen diese Straße Sturm, neue Zahlen werden verlangt, denn - und das ist eine nicht wegzuleugnende Tatsache - die Eingriffe in die Natur sind gewaltig. Kein Zweifel, daß die Gruppe, die sich „Rettet Oerlinghausen" nennt, in einigen Punkten Recht hat. Doch sie wiederholt hur Argumente, die hinlänglich bekannt sind. Dabei vergessen die Protestler eines: Der Bau der Straße ist mehrheitlich vom Rat, mehrheitlich vom Land, als Bauträger, entschieden worden. Einfluß hätte man früher nehmen müssen, Einfluß kann man heute nur auf künftige Entscheidungen nehmen, wenn man andere Leute in den Rat/Landtag wählt als jene, die sich damals für die Straße entschieden haben. Diese Mehrheit aus SPD und CDU hat ja nicht für die Umgehungsstraße gestimmt, um die Natur kaputtzumachen. Diese Mehrheit hat schweren Herzens Prioritäten gesetzt, sie hat sich für die Menschen entschieden, die tagtäglich durch Lärm und Abgase belastet werden und gegen jene, die - wenn überhaupt - sonntags mal eine halbe Stunde in diesem Waldstück spazieren gehen. Das aber war zugleich das Aus für Hunderte von Bäumen, für Biotope, für Kleinst- und Kleinlebewesen. Das eben ist die andere Seite der Münze.

Dennoch ist es müßig, heute darüber zu diskutieren, ob die Umgehungsstraße gebaut werden soll oder nicht. Genauso falsch wäre es, den Abriß von Großbetrieben zu fordern, die vor vierzig Jahren mitten in die schönste Lipperreiher Heidelandschaft gesetzt worden sind. Selbst die Trauerbuche am Simonsplatz läßt sich nicht mehr zurückholen. Was in der Vergangenheit passiert ist, ist - in absehbarer Zeit jedenfalls - nicht rückgängig zu machen. Was in Zukunft geschehen soll, können die Bürger, auch die, die sich die „Rettung Oerlinghausens" auf die Fahnen geschrieben haben, ändern, indem sie Leute ihrer Wahl ins kommunale Parlament wählen. Demokratie nennt man das. Oder?

Es ist bedauerns- nein eher schon beklagenswert, daß sich zumindest der Unterzeichner eines „Offenen Briefes an den Landtagsabgeordneten Horst Steinkühler" bislang nie politisch und damit gemeinnützig in Oerlinghausen engagiert hat. Horst Steinkühler hat den Bau der Umgehungsstraße als Landtagsabgeordneter deshalb so vehement vertreten, weil er dafür den Auftrag der Mehrheit des Rates hatte. Von ihm nun zu verlangen, in dieser Frage auf einmal den Rückwärtsgang einzulegen, kommt einer Aufforderung zum politischen Harakiri gleich. Wie wenig die „Aktionäre Rettet Oerlinghausen" von ihrer Heimatstadt und ihren politischen Vertretern wissen, mag der Satz deutlich machen, in dem Horst Steinkühler aufgefordert wird „persönlich nach Oerlinghausen zu kommen", um sich ... einen „Eindruck von der Landschaftszerstörung zu machen". Steinkühler lebt seit mehr als fünfzig Jahren in Oerlinghausen.

„Ohne einander", um Walser zu zitieren, werden wir in dieser Stadt nicht auskommen, ein Gegeneinander wird es immer geben, aber ein Miteinander - zumindest in den wichtigsten Fragen - wäre die Ideallösung. Sie anzustreben, sollte bei aller Gegensätzlichkeit das Ziel sein.

Ich freue mich, wieder da zu sein. Schönes Wochenende.

 

Piet