Die Not mit dem Wasser
Stadtgeschichte - Die Dorfgemeinde Oerlinghausen hatte stets Probleme mit der Versorgung. Erst ein neues Wasserwerk entspannte vor 100 Jahren die Lage
[Bild: Kleine Wasserträger im Dürrejahr 1911: An der Pumpe Niedernstraße, Ecke Hauptstraße (in der Nähe der Fleischerei Sander) gab es nur rationiertes Wasser für die Oerlinghauser Familien, repro: Horst Biere| © emailgateway]
[Bild: Transport im Jahr 1865: Ein Eselskarren bringt das Brunnenwasser von einer Quelle am heutigen Weberpark zur Beckerschen Brauerei an der Tönsbergstraße. Der Brunnen in der Brauerei reichte oft nicht aus für die Bierproduktion, repro: Archiv Werner Höltke | © emailgateway]
Oerlinghausen. Die Dorfgemeinde Oerlinghausen saß auf dem Trockenen - damals im Jahre 1911. In ganz Europa hatte es von Mai bis Oktober sehr wenig geregnet. Doch so schlimm wie am Tönsberg sah es nirgendwo in der Region aus.
Die Brunnen der Gemeinde waren fast alle versiegt, selbst an den tiefsten Stellen im Schopketal sammelte sich nur noch ein bisschen erdige Brühe. An den wenigen Wasserstellen wie an der Pumpe Niedernstraße/Hauptstraße war das Wasser auf zwei Eimer pro Familie und Tag rationiert - davon musste aber auch noch das Vieh getränkt werden.
Die extreme Hanglage am Tönsberg bereitete den Bewohnern schon in den Jahrhunderten zuvor oftmals Schwierigkeiten bei der Wasserversorgung.
Das Regenwasser versickerte im Erdreich am Berg, floss aber durch das Gefälle schnell in den Sennesand oder nach Norden hin ab. In mehreren Brunnen sammelte man das kostbare Nass, doch wenn kein Regen fiel, war recht bald Ebbe an Oerlinghauser Wasserstellen.
Kohleabbau lässt Quellwasser versiegen
Der erste Oerlinghauser Brunnen lag in der Nähe der Alexanderkirche. Später gab es am Simonsplatz und an der Hauptstraße mehrere Brunnen. Doch dann grub sich die Dorfgemeinde sprichwörtlich das Wasser ab. Denn zwischen 1814 und 1824 wurde unter dem Tönsberg nach Kohle gesucht, so dass wichtiges Quellwasser versiegte.
Durch die wachsende Bevölkerung wurde die Versorgung mit ausreichend Wasser immer dringlicher. Eine spürbare Entspannung an der Wasserfront brachte ein Oerlinghauser Pipeline-System: Wasser von entfernteren Quellen lief über Holzröhrenleitungen zu zentralen Brunnen. Ab 1850 zum Beispiel konnten die Bürger ihr Wasser aus einem großen Bassin am Simonsplatz beziehen. Zwei Holzröhrenleitungen speisten dieses unterirdische Wasserbecken. Eine Leitung begann an einer Quelle an der Hermannstraße, oberhalb des Weberparks. Eine andere Röhre führte Wasser von einer Quelle am Südhang des Tönsbergs aus dem Bereich Lönsweg/Piperweg zum Simonsplatz. "Pipen" nannte man diese unterirdischen Holzröhrenleitungen.
Doch auf Dauer konnten auch diese Leitungen den wachsenden Wasserbedarf der Oerlinghauser nicht befriedigen. Immer mehr Menschen lebten in der Dorfschaft. Und sie besaßen immer mehr Ziegen, Kühe und Schweine, die getränkt werden mussten. Ferner benötigten die Bierbrauereien an der Tönsbergstraße oder am unteren Landerweg frisches Wasser. Drei Löschwasserbassins im Dorf mussten ebenfalls ständig gefüllt bleiben.
Das Dürrejahr 1911 brachte endlich die Entscheidung im Dorfgemeinderat: Ein modernes Wasserwerk für Oerlinghausen musste her. Umgehend setzte man das Bauprojekt um, ein Jahr später nahm es seinen Betrieb auf. 95.000 Reichsmark kostete das neue System, das durch Sauggasmotoren frisches Wasser in Metallrohren aus der Schopke in einen Hochbehälter am Tönsberg mit einem Fassungsvermögen von 125 Kubikmetern pumpte. Zu Beginn der 1930er Jahre folgte ein Behälter in doppelter Größe. Seitdem läuft nahezu immer ausreichendes, frisches und sauberes Trinkwasser aus der Leitung, wenn man in Oerlinghauser Haushalten den Wasserhahn aufdreht.
Information
• Die Holzröhren, die man Pipen nannte, gaben Oerlinghauser Straßen ihren Namen. Im Piperweg führte eine „Pipeline" das Quellwasser vom Tönsberg-Südhang zum Simonsplatz. Der Pipenbrink wurde nach dem steilen Anstieg (Brink) zum Piperweg benannt.
• Zimmermeister Löhr war Spezialist für Holzröhren. In seiner Werkstatt an der Hauptstraße (gegenüber vom heutigen Parkplatz am Amtsgarten) stellte er Wasserrohren her, für die er gerade gewachsene Baumstämme aushöhlte. Die drei bis vier Meter langen Holzröhren verband man später miteinander und dichtete die Schnittkanten mit Hanf und Teer ab.
• Die Stadtwerke Oerlinghausen betreiben heute ein Versorgungssystem mit vier Wasserwerken: Schopke, Senne, Wistinghauser Senne und Helpup. Über ein etwa 130 Kilometer langes Leitungsnetz speisen sie mehr als eine Million Kubikmeter Wasser jährlich in rund 4.500 Hausanschlüsse. In den Hochbehältern lagern 4.250 Kubikmeter Wasser.