Die Gemeindeverwaltung von 1893 bis 1907
Auszug aus August Reuters Chronik „Die Dorfschaft Oerlinghausen“
Es ist die Periode, die ich als Knabe und Jüngling unmittelbar miterlebt habe und über die ich deshalb hier besonders berichten will, weil mein Vater, der Kaufmann August Reuter (geboren 3. April 1852 zu Oerlinghausen) in dieser Zeit erster Gemeindevorsteher der Gemeinde Oerlinghausen war.
Wenn diese Periode von mir besonders behandelt wird, so geschieht es einmal aus Verehrung für meinen Vater. (Insofern werden also meine Ausführungen keinen Anspruch auf unbedingte Objektivität erheben können. Aber welche Abhandlungen dürfen einen solchen Anspruch wohl erheben? So sehr ich mich bemüht habe, objektiv zu bleiben, so wird auf den vorhergehenden Seiten meine subjektive Meinung immer zu spüren sein.) Zum anderen schreibe ich über diese Zeit besonders gern, weil sie als besonders fruchtbar und besonders nachhaltig bezeichnet werden muß.
Die Erfolge der damaligen Gemeindeverwaltung sind natürlich nicht nur der angestrengten Arbeit meines Vaters zuzuschreiben. Wenn auch seine Initiative von allen Seiten anerkannt wurde und seiner Entschlußkraft und klugen Handhabung der Geschäfte viel zu verdanken ist, so haben doch alle Gemeindeverordneten vollen Anteil an der beispiellosen Entwicklung des Dorfes um die Jahrhundertwende.
Die damaligen allgemeinen Verhältnisse kamen dieser fruchtbaren Entwicklung zweifellos zu Hilfe. Es war die Zeit eines mächtigen Emporblühens der Wirtschaft in Deutschland. Der siegreiche Krieg von 1870/71 hatte durch die Kriegskontribution von 5 Milliarden Francs, die Frankreich an das junge Reich zu zahlen hatte, die deutsche Wirtschaft mächtig in die Höhe gebracht. Wenn auch in den spekulativen Gründerjahren bis 1880 manche Rückschläge zu verzeichnen waren, so hatte doch nach der Beruhigung der achtziger Jahre eine stete Aufwärtsentwicklung stattgefunden. Die neuen Kolonien in Afrika, durch die Deutschland in der Welt festen Fuß gefaßt hatte, brachten seit 1883 neue Waren ins Reich und neue Absatzmärkte für die deutsche Produktion. Als so der deutsche Handel immer stärker in die Weltwirtschaft hineinwuchs, traten zwar bald auch Neider und ängstliche Nachbarn auf den Plan, aber die deutsche Politik vermochte sie doch hintan zu halten, so daß man seit Mitte der achtziger Jahre ein stetes Ansteigen der deutschen Wirtschaftszahlen beobachten kann. Diese Aufwärtsentwicklung zeigte sich besonders deutlich in der Zunahme der Tonnage der beiden großen Schifffahrtslinien Norddeutsche Lloyd in Bremen und Hapag in Hamburg. Der Güteraustausch mit Nord- und Südamerika, mit Afrika und Asien und den Südseeinseln nahm von Jahr zu Jahr zu.
Wirkte sich dieser Anschluß Deutschlands an die Weltwirtschaft auch auf Oerlinghausen aus? Wurde Oerlinghausen so davon berührt, daß es berechtigt erscheint, wenn ich ein leitend so viele Worte davon mache? Ja, in ganz erheblichem Maße! Neue Kolonialwaren tauchten in den Lebensmittelgeschäften auf. Ich weiß noch genau, wie die ersten Corned - beef - Dosen aus Chicago hier ankamen, wie die ersten Apfelsinen hier auf dem Markt erschienen, wie die ersten Schellfische und Seezungen und norwegische Fischkonserven hier verkauft wurden. Ich habe noch erlebt, wie Heinrich Freitag, Hauptstraße 14, zum ersten Mal Peru - Guano erhielt und ein großes Blechschild mit diesem uns bisher fremden Namen am Hause befestigte. Ich weiß ferner noch, wie die ersten holländischen Blumensämereien im elterlichen Geschäft zu haben waren.
Andererseits zeugten die Solinger Stahlwaren in H. Bremer's Schaufenster mit dem Aufdruck "Made in Germany" vom deutschen Export, und im Kontor von Carl Weber & Co. erbettelten wir Jungen uns Freimarken aus Spanien, Südafrika, China und Honolulu. Oerlinghauser Leinwand, Oerlinghauser Taschentücher wurde von dieser Firma in alle Teile der Erde versandt. Die Leinen-, die Wäsche- und die Zigarrenindustrie erlebten Ende der achtziger und in den neunziger Jahren eine hohe Blüte. Der Verkehr mit der Nachbarstadt Bielefeld nahm von 1892 ab durch die beiden Omnibusbetriebe Wilhelm Wille und Fritz Hellkamp einen vorher nicht geahnten Aufschwung.
Diesem allgemeinen Aufschwung war die Gemeindeverwaltung nach 1871 in keiner Weise gefolgt. Sie wurde jahrzehntelang von den gleichen alten Handwerksmeistern und Kaufleuten, wie Färber Buckup und Rentner Mangelbecker geführt. Diese waren gewählt worden, weil sie zu den "Reichen" gehörten und weil sie genügend Zeit hatten, die wenigen Schreibarbeiten des Gemeindevorstehers zu erledigen. Die Steuereinnahmen des Dorfes wurden möglichst niedrig gehalten. Die Folge dieser Steuerpolitik war, daß die Dorfstraßen und Wege in desolatem Zustand waren. Die Bautätigkeit, die von 1800 bis 1850 so außerordentlich gewesen war, ruhte fast ganz oder folgte den Bedürfnissen doch nur sehr langsam.
Diese Stagnation wurde in den achtziger Jahren von vielen jüngeren Bewohnern als drückend empfunden. Man drängte auf eine Änderung der bestehenden Verhältnisse. An diesem Verlangen nach Änderung beteiligte sich auch die Arbeiterschaft der Zigarrenindustrie, deren Forderungen allerdings mehr politischer Natur war. Infolge alter rückständiger Wahlgesetzte war die Arbeiterschaft von der Mitarbeit in den Gemeindeparlamenten ausgeschlossen. Nun drängte auch sie auf Mitwirkung, fand aber erheblichen Widerstand bei den alteingesessenen Familien der Grundbesitzer. Die Grundbesitzverhältnisse lagen in Oerlinghausen besonders ungünstig. Der Grund und Boden gehörte zur Hauptsache einigen wenigen Familien. Zwar war durch "die Teilung" (vergleiche Seite 318) der vierziger Jahre schon eine gewisse "Bodenreform" eingeführt worden. Aber noch hielten die alteingesessenen Bürger mit ihrem Viehbestand und ihren Weiden und Äckern fest am ererbten Grundbesitz. Das Rittergut Barkhausen erhob bis Ende der 70er Jahre einen "Kanon" von allen Häusern der Hauptstraße, Hermannstraße, Jägerstraße, Tönsbergstraße usw., und die jährliche Zahlung dieses "Schreckenberges" war noch in meiner Jugend eine unangenehme Erinnerung in den Gesprächen der Gaststube. Ein großer Teil der Gärten und Felder gehörte dem Meier zu Menkhausen und der Bierbrauerfamilie Becker (Becker auf'm Keller, wie sie im Unterschied zu Mangelbecker und Bockbecker genannt wurde). Beckers trieben täglich 20 Stück Rindvieh auf ihre Weiden im Boksiek und in der Senne, und der Kuhdreck verunreinigte die Straßen in unangenehmer Weise. An der Straße lagen vor vielen Häusern hohe Misthaufen; die Jauche floß daraus in die Straßengossen und bildete einen Herd der übelsten Gerüche und Krankheiten. Die Hauptstraße am Brachtshof und weiter hinunter hieß allgemein (man sprach um 1890 noch mehr "Platt" als heute) "de siuern Strode", die saure Straße, und man glaubte, daß diese Bezeichnung von den üblen Gerüchen herrühre. Das war zwar ein Irrtum, denn "siuern Strode" rührt her von "Südernstrode", der nach Süden führenden Straße; aber bezeichnend war der Name doch.
Nein, Oerlinghausen bot in den 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts noch keinen sehr erfreulichen Anblick, weder am Tönsberge noch in Teilen der Haupt- und Holterstraße. An der Bahnhofstraße, früher "Barker Strode" genannt, lagen 1890 nur 2 Häuser, das des Malermeisters Stuckmann, erbaut um 1865, und das des Tierarztes Tasche, erbaut 1811, abgerissen 1896. Der ganze Breitees (= Breiter Esch) gehörte zu Menkhausen und war unbebaut, wie auch der Welschen und die Robert - Koch - Straße.
Kein Wunder, daß sich endlich ein Verein auftat, der sich die Verbesserung der Wege und eine Hebung des Fremdenverkehrs zum Ziele setzte. Es war der am 22. September 1890 gegründete Verschönerungsverein. Zu seinen Gründern gehörten Carl Weber jr., Bruno Müller, Georg Sprenger, Bäcker Nagel, Hermann Weeke, Alex und Carl Paradies, Kaufmann August Reuter, Georg Settemeyer und andere. Zum ersten Vorsitzenden wurde Carl Weber jr. gewählt; Schriftführer und stellvertretender Vorsitzender wurde Bruno Müller. Der Verein fand für seine Ziele immer mehr Zustimmung, und die Mitgliederzahl stieg von Jahr zu Jahr. Einer der ersten Beschlüsse des Vereins war:
a) "den Philosophenweg etwas zu verbreitern und zu ebnen",
b) "in den alten Tönsberganlagen (früher Schützenplatzanlagen) aufzuschlüchtern und die Wege zu bessern“,
c) "einen 1 ½ m breiten Schlangenweg oberhalb des Philosophenweges anzulegen",
d) "10 Ruhebänke anzuschaffen und zwar nach Offerte von Ad. Bobe 3 Stck Nr. 2 zu 7,50 M, 3 Stck. Nr. 1 zu M 5.-, 4 Stück Nr. 3 zu M 4.- an Ort und Stelle zu liefern, ohne Anstrich und Aufstellung, aber eingebrannt mit Zeichen V.V.O. 1 bis 10."
Diese Beschlüsse wurden sofort ausgeführt. Im Mai 1891 waren die Bänke am Tönsberg aufgestellt. Mit dem Detmolder Verschönerungsverein wurde vereinbart: "Die Wegebezeichnung Oerlinghausen - Stapelage übernimmt der V.V.O., während Detmold die Bezeichnung der Strecke Stapelage - Dörenschlucht übernimmt." Unterm 28.5.1891 wird vermerkt: "Dem Bielefelder V. V. angezeigt, daß die Handweiser bis zum Ehberge angebracht sind." - Im Jahre 1893 wurde die erste Werbeschrift der Sommerfrische Oerlinghausen nach einer Zeichnung des cand. phil. Gustav Helpup angefertigt und durch die Mitglieder an Freunde und Bekannte versandt. Ein Exemplar dieser ersten Werbeschrift habe ich dem Stadtarchiv übereignet.
Der Erfolg ist nicht ausgeblieben. Oerlinghausen hat dem 1890 gegründeten Verschönerungsverein viel zu verdanken.
Der junge Wirt Heinrich Kiffe, Enkel eines alten Oerlinghauser Leinenhändlers, Neffe des Kaufmanns F. W. Kiffe in Bremen, der den Engelhardt'schen Gasthof, Hauptstraße 19, käuflich erworben hatte, baute das Haus zum "Hotel Stadt Bremen" aus (vergleiche Seite 82 und 83). Er wurde schnell wegen seiner vorzüglichen Küche und wegen seiner aufmerksamen Bedienung bekannt, und es dauerte nicht lange, da hielten an schönen Sommertagen Bielefelder Landauer, Halbchaisen und Breaks vor dem Hotel, deren Fahrgäste den guten Ruf Kiffes verbreiteten. Dazu verhalfen besonders der gute Kaffee und Kiffes Spezialität - die berühmten Weinsorten "Erdener Treppchen", "Piesporter Goldtröpfchen", "Hochheimer Domdechaney" und echter "Marcobrunnen". Viele Geschäftsreisende, die vorher in Bielefeld übernachteten, wählten nun das Hotel "Stadt Bremen" als Standquartier, denn auf gute Betten, saubere Zimmer und ein reichliches Frühstück legte Kiffe besonderen Wert, und in der Küche herrschte seine Frau Bertha, geborene Kochsiek, Tochter des Gastwirts Kochsiek, Detmolder Straße 3, Kolonats - Nr. 83. Das Ehepaar Heinrich Kiffe hat an der schnellen Entwicklung des Oerlinghauser Fremdenverkehrs wesentlichen Anteil.