Eine liebens- und lebenswerte Stadt
Bürgermeister Horst Steinkühler: Gute Gründe, die für eine Feier sprechen
Oerlinghausen (Piet). „950 Jahre Oerlinghausen, 60 Jahre Stadt. Sind das überhaupt Daten, die es wert sind, ein solches Jubiläumsjahr zu veranstalten?“, fragte Bürgermeister Horst Steinkühler in seiner Ansprache vor rund 800 Gästen im Schulzentrum, und er gab auch gleich selbst die Antwort: „Es gibt drei Gründe, die für eine solche Feier sprechen. Einmal ist es durchaus üblich, ,runde Geburtstage' zu feiern, zum anderen regt ein solches Jubiläum dazu an, sich intensiver mit der Geschichte seines Heimatortes zu befassen, als man es sonst tut, und drittens kann man aus der Geschichte lernen. Und das soll sowohl für die Gegenwart als auch für künftige Entwicklungen einer Stadt nicht ganz falsch sein.“
Steinkühler, der „keinen langen historischen Vortrag" halten wollte, ging dann aber doch auf einige Kernpunkte der Oerlinghauser Geschichte sein. Der Ort habe offenbar bereits „in grauer Vorzeit“ in Westlippe eine dominierende Rolle gespielt, und zwar für den kirchlichen wie für den kommunalen Bereich. Steinkühler verwies auf die engen Kontakte des Detmolder Fürstenhauses zum Oerlinghauser Vogt Bracht. „Aber auch die häufigen Besuche von Mitgliedern des Fürstenhauses in Oerlinghausen zeigen, daß wir trotz der Nähe zu Bielefeld immer auch gute und, wie ich denke, überzeugte Lipper waren.“
Bedingt durch die topographische Lage der Stadt seien Industrieansiedlungen nur in begrenztem Umfang möglich gewesen, so daß sich die Mehrzahl der selbständigen Existenzen aus Klein- und Kleinstbetrieben zusammengesetzt habe. Dennoch hätten es die wenigen größeren Betriebe immer wieder geschafft, sich in ihren Produktionsbereichen Ansehen und Geltung über die Landesgrenzen hinaus zu verschaffen. Steinkühler erwähnte in diesem Zusammenhang vor allem die Textil- und die Möbelindustrie. Der Erfolg sei sicherlich auf die jeweilige Unternehmensführung zurückzuführen, spreche aber auch für die Fähigkeit der Bevölkerung. Qualitätsprodukte herzustellen und Qualitätsarbeit zu leisten. Dies lasse sich zurückverfolgen vom heutigen Industriefacharbeiter und Handwerker bis zu den Anfängen der Handweberei und Wanderziegler.
Immer wieder habe es in der Geschichte der Stadt Männer und Frauen gegeben, so Steinkühler in einem anderen Teil seiner Rede „die sich in besonderer Weise dem Gemeinwohl verpflichtet gefühlt haben“. Er nannte dafür aus der jüngeren Vergangenheit zwei Beispiele. Einmal August Reuter, den ersten Bürgermeister der Stadt, der sich in besonderer Weise um die Stadtrechte bemüht und mit seinen Aufzeichnungen die Grundlagen für die Geschichtsschreibung geschaffen habe. Dies sei eine Arbeit, deren Wert unter Umständen erst noch in späterer Zeit richtig erkannt werde. Deshalb wünschte er sich, daß es weiterhin Bürger geben möge, die bereit seien, die Geschichte ihrer und unserer Stadt aufzuschreiben. Wörtlich sagte der Bürgermeister: „Ich habe Sorge, daß die moderne Computersprache hier nicht mehr das richtige Mittel ist, um Geschichtsschreibung und Archivierung in bewährter Weise fortzusetzen“. Zum Zweiten nannte Steinkühler Heinrich Kramer, den Bürgermeister von 1946 bis 1965, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit Mut und Tatkraft dafür gesorgt habe, „daß die Leute wieder ein Dach über den Kopf bekamen“.
Das Fazit des Stadtoberhauptes: „Aus dem damaligen Vorwerk Orlinchusen ist die zwar kleine, aber liebens- und lebenswerte Stadt Oerlinghausen geworden.“ Auch wenn es immer Probleme geben werde, die auf eine Lösung warteten, hier denke er beispielsweise an die Stadtkernsanierung und Verkehrsfragen, „meine ich, daß es sich nach wie vor lohnt, für diese Stadt, für ihre Bürger zu arbeiten und sie auf dem Weg zur 1000-Jahr-Feier ein Stück voranzubringen".