Die Bergstadt wird zur Laufarena

Stadtgeschichte: Vor 35 Jahren fand der erste Berg-Stadt-Lauf statt. Die anfänglichen Wettkämpfe waren äußerst hart. Die Läufer quälten sich am Pipenbrink und in der Hermannstraße

 

Oerlinghausen. Es war bereits dunkel, und es regnete kräftig, doch hunderte von leicht bekleideten Sportlern hatten sich auf der Hauptstraße vor dem damaligen Allfrisch-Geschäft versammelt - am ersten Septembersamstag 1985. Zahllose Zuschauer mit Regenschirmen standen ebenfalls am Straßenrand, um die abendliche Szenerie zu verfolgen. Der erste Berg-Stadt-Lauf entwickelte sich zu einer Großveranstaltung, die das gesamte Stadtgebiet rings um den Tönsberg berührte.

Doch die Premiere des Volkslaufs mit 300 Teilnehmern durch die Bergstadt hatte es nicht nur „wettertechnisch“ in sich. Auch die damalige Strecke bildete einen echten Härtetest für die Ausdauersportler. Die LG Oerlinghausen hatte einen Wettkampf geplant, der ein Berglauf in der Innenstadt werden sollte - ähnlich der seinerzeit berühmten Nacht von Borgholzhausen. Als der damalige Bürgermeister Horst Steinkühler als Schirmherr des Wettkampfs von einer Lastwagen-Ladefläche aus die Läufer auf die Strecke schickte, lagen 15 Kilometer vor den Sportlern. Drei große Stadtrunden umfasste der Berg-Stadt-Lauf damals - mit knackigen Steigungen. Denn drei Mal forderte der Pipenbrink und der lange Anstieg der Hermannstraße alles von den Teilnehmern. Vor dem Hauptlauf gab es einen sogenannten Jedermannlauf über fünf Kilometer mit nur einer Runde auf derselben Strecke.

[Bild: Mit dem Laufrad messen die Organisatoren Frank Pätzold (1.) und Hans Peter Seidel die neue Strecke im Jahre 1990 aus. | © Horst Biere]

Erst neun Monate zuvor, im November 1984, war die LG Oerlinghausen gegründet worden -vor allem mit dem Ziel, einen Laufwettbewerb in der Oerlinghauser Innenstadt zu organisieren. Denn Langstreckenrennen und lange Waldläufe waren total angesagt in jener Zeit. In den 70er und 80er Jahren starteten die ersten großen internationalen Langstreckenwettkämpfe. Die klassische Marathondistanz über 42,195 Kilometer lockte die Sportler in die Metropolen New York, Boston oder London. Die ersten Berlin-Marathonläufe starteten noch im alten Westsektor der Hauptstadt. Der Hermannslauf von Detmold nach Bielefeld lockte zum Auftakt 1972 um die 600 „Laufverrückte“ zum Startpunkt am Hermannsdenkmal.

Dem ersten Oerlinghauser Lauftreffleiter Hans Günter Lenzen ist es zu verdanken, dass sich aus einer reinen Jogginggruppe die LG Oerlinghausen bildete. Lenzen wurde auch nach der Vereinsgründung im November 1984 nicht müde, für eine Laufveranstaltung in der Bergstadt zu werben. „Wir glauben, dass ein Volkslauf dem sportlichen Image Oerlinghausens sehr gut tun würde“, erläuterte er den Mitgliedern des Stadtsportverbandes.

Zu steile Steigungen für Bestzeiten

Doch die hammerharte Strecke des Ur-Berg-Stadt-Laufes von 1985 erwies sich zunehmend als Problem. Die Teilnehmerzahl des Laufes sank in den folgenden Jahren immer mehr. „Die Strecke in Oerlinghausen ist zu schwer, da kann man keine Bestzeiten laufen“, erklärten viele Läufer nachdem sie die Steigungen kennengelernt hatten.

Im September 1990 reagierte die Laufgemeinschaft auf die Kritik. Der Oerlinghauser Lauf erhielt ein neues, entspannteres Konzept, die Verantwortlichen der LG entschärften den Wettbewerb. Der Berg-Stadt-Lauf wurde auf den familienfreundlichen Samstagnachmittag verlegt und ein Minilauf für Kinder unter zehn Jahren hinzugefügt. Und man nahm die supersteilen Anstiege von Pipenbrink und Hermannstraße heraus und plante stattdessen das Gebiet des Breitenkamps, des Forstweges und des Küsterfeldes mit in die Laufstrecke ein. Noch eine weitere Änderung gab es einige Jahre später: dann verabschiedete man sich auch von der 15-Kilometer-Strecke und verkürzte den Wettkampf auf nur zehn Kilometer. Für fast 25 Jahre blieb der Berg-Stadt-Lauf danach auf diesem Parcours.

Unter neuer Leitung strich die LG im Jahre 2018 den Berg-Stadt-Lauf endgültig aus dem westfälischen Laufkalender. Stattdessen organisierte man den „Airport Run“. Bei diesem Wettkampf starteten die Läufer auf der Landebahn des Flugplatzes und legten dann eine Zehn-Kilometer-Strecke durch die Senne zurück. Doch letztlich fiel auch dieser Wettkampf nach nur zwei Jahren der nachlassenden Beteiligung zum Opfer. Im vergangenen Jahr entwickelte die LG dann die Idee eines „Urland-Laufs“. Er sollte Anfang August 2020 stattfinden und die Innenstadt mit dem neuen Naturschutzgebiet verbinden. Doch hier machte Corona einen Strich durch die Rechnung.

Unabhängig vom Berg-Stadt-Lauf ging es jedoch mit der Entwicklung des Laufsports in Oerlinghausen seit den 80er Jahren steil bergauf. Nicht nur am Tönsberg oder in der Senne joggten die Sportler in großen Scharen, auch an vielen deutschen oder internationalen Marathonläufen nahmen die Oerlinghauser Läufer teil. So waren die LG-Trikots in den Straßenschluchten von New York ebenso zu sehen wie beim London-Marathon oder beim Marathon auf Hawaii.