Die Leibesübungen in Oerlinghausen

Auszug aus Hermann Diekmanns Buch „Die Geschichte der Bergstadt Oerlinghausen“

 

Ungefähr 20 Jahre nach der Zeit der Turnsperre, diesem trüben Abschnitt deutscher Geschichte, fanden in Oerlinghausen sich junge Menschen zu planmäßiger Leibesübung zusammen. Aus den großen Städten war der Gedanke der Wehrhaftmachung wie ein breiter Strom durch alle deutschen Gaue gezogen. Das Volk hatte Fichtes und Arndts Weckrufe vernommen und hatte in dem Geiste Steins das Flügelrauschen einer neun Zeit gespürt. Aus bitterem Haß und brennender Sehnsucht wurde ein neuer Geist geboren, der Volksgeist. Diese gänzlich veränderten Zeitverhältnisse warfen dem starken Pfarrerssohn Friedrich Ludwig Jahn die Aufgabe zu, das ungeduldige Drängen der Jugend und das Sehnen treuer Deutscher in eine neu volkstümliche Leibeskunst zu retten. Wahrhaft meisterhaft hat er seine Aufgabe gelöst! Bestimmt wäre sein Ruf zur Sammlung verhallt, wenn nicht der Gedanke der Wehrhaftmachung dahintergestanden hätte und das Gefühl zur Gemeinschaftsverpflichtung. Gerade das Fühlen und Verstehen dieser völkischen Sendung war die Triebfeder zum Zusammenschluß in Oerlinghausen und ließ manches Opfer und manche Mühe leicht erscheinen. Da keine andere Zeit und Möglichkeit vorhanden war, begnügte man sich anfangs damit, den Sonntag für Spiel, Wanderung und Gerätturnen auszunutzen. Der erste Tummelplatz wurde mit eigenen Mitteln notdürftig fertiggestellt, er befand sich am Steinbült und ist manchem Alten noch in Erinnerung. In friedlichem Zusammenarbeiten wurden neu Anhänger geworben, die Parole war: „Pflege deutschen Volksbewußtseins und vaterländischer Gesinnung.“ Die ersten Förderer waren: Carl Soll, Carl Becker, Fritz Brinkmann und Carl Kramer, Wie gerade und fest die Idee bei den jungen Männern, die sich Turner nannten, stand, geht aus einem Bericht vom 12. September 1895 hervor. Eine veraltete Geschichte wurde dazu benutzt, Unfrieden in die Gemeinschaft hineinzutragen. Ganz klar wurde aber von den Treuesten erkannt, daß unter diesem Vorwand nur die politische Zersetzung der Sozialdemokratie stattfinden sollte, und daher kam es zur Trennung. Menschen, die für die Volksgemeinschaft zu leben sich gelobt hatten, standen, durch die beginnenden politischen Gegensätze bedingt, sich als Feinde gegenüber. Somit konnte die Leibesübung auch nicht mehr das sein, wofür sie Jahn ersann. Es vergehen Jahre; turnerisch-sportliche Neurungen halten in Oerlinghausen ihren Einzug, das Interesse am Kampfspiel wächst und zeitigt gute Erfolge. Dann kommt der Krieg, die Jugend und die Männer greifen zu den Waffen. Etliche kehren nicht wieder heim, andere sind durch Verwundung behindert. Der Aufbau beginnt von neuem. Unter den erdrückenden, überspannten politischen Wirrnissen hat die Leibesübung zu leiden, aber trotzdem finden sich immer wieder urwüchsige Naturen, die den Kampf nicht scheuen. Überall ist Uneinigkeit und Zwietracht. Die eine Gruppe versucht die Jahnsche Idee zu retten, die andere spielt des Spieles wegen, die dritte huldigt dem internationalen marxistischen Gedanken.

Endlich kommt dann der Tag an dem unser Führer und Kanzler entscheidend in die Geschicke des deutschen Volkes eingreift. Er lehrt uns, daß unser Volkstum brüchig geworden ist im Wandel der Zeit. Er reißt den Schleier zurück und zeigt uns die deutsche Volksseele und führt sie mit unfaßbarer Kraft zurück vom Abgrund der Vernichtung, durch seinen treuen Paladin, den Reichssportführer von Tschammer und Osten, schenkt er der deutschen Leibesübung eine neue Form durch den Reichsbund für Leibesübung. Was Jahn erträumte, ist durch die gewaltige Tat unseres Führers Wirklichkeit geworden. Leibesübung treiben heißt heute, sich auch mit dem Gedanken des deutschen Volkstums zu befassen und in die nationalsozialistische Idee einzudringen.