Als die Linksdrehung noch verboten war

Stadtgeschichte: Der Arbeiter Turn- und Sportverein „Einigkeit“ - ein 100 Jahre altes Protokollbuch bietet eine Zeitreise zu Stationen aus dem Vereinsleben mit lustigen Vorkommnissen und kuriosen Regeln

 

[Bild: Sportreliquie. Rudi Doil hat das Protokollbuch des Arbeiter-Sportvereins in eine moderne, verständliche Form gebracht. | © Horst Biere]

[Bild: Sportjahr 1920. Die damals neugegründete Fußballmannschaft des Arbeiter Turn -und Sportvereins. Dazu gehörten Hinten (v. li.): Fritz Blome, Richard Hollmann, Fritz Drewes, Adolf Hellkamp, Fritz Helmig. Mitte (v. li.): August Becker, Fritz Brinkmann, Karl Kassen. Vorn (v. I.) Heinrich Puckert, Ernst Güse, August Beckmann. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv TSV Oerlinghausen]

Oerlinghausen. Kein Rauchen beim Geräteturnen? Ein Walzer mit Linksdrehung beim Vereinsfest verboten? Das waren noch Zeiten, als solche Regeln im Sportverein galten oder diese Themen Anlass für Regeln waren. Ein außergewöhnliches Oerlinghauser „Geschichtsbuch" verrät kurios-liebenswerte Situationen und verstaubte Anekdoten aus vergangenen Zeiten. Es ist das Protokollbuch des Arbeiter-Sportvereins „Einigkeit" von 1895, das das Vereinsleben vor einem Jahrhundert treffend beschreibt.

Rudi Doil, pensionierter Pädagoge und ehemaliger Sport-Stadtverbandsvorsitzender, hat diese historische Kostbarkeit aufbereitet und aus der schwierigen Sütterlinschrift in eine moderne und lesbare Übersetzung befördert. Die geschichtliche Rarität stellte er jüngst dem Arbeitskreis Alt-Oerlinghausen im Jägerhaus vor.

Als einen Gegenpol zum bürgerlichen Turnverein von 1863 gründeten die Oerlinghauser Arbeiter ihren eigenen Verein „Einigkeit" im September 1895 im Saal des Gasthauses Niewald (heute Stadtschänke). Fritz Drewes begann, das Protokollbuch zu führen. Zum ersten Vorstand wurden gewählt H. Baum als Vorsitzender, Fritz Brinkmann als Kassierer, H. Gronemeyer als Schriftführer und H. Ober als Beisitzender.

Die Anschaffung von Turngeräten bildete das vorrangige Problem. Auf der Anfangsliste standen: „Barren, Pferd, Matratzen, Reckstangen mit Lederbezug". Um die Ausstattung zu finanzieren, gab der Verein „Actien", also Anteilscheine am Verein, im Wert von einer Reichsmark aus.

Ein Schauturnen legte man bereits für den Sommer 1896 fest, die „Besoldung" des Turnwarts wurde vorerst ausgesetzt, aber einen Musikzug fasste man gleich ins Auge: „Ein Antrag, dass welche zum Trommeln und Pfeifen angelernt würden, wurde angenommen und haben sich dazu folgende gemeldet A. Drewes, H. Heißenberg, G. Steffen, Fr. Tölke, C. Hörster, W. Upmeyer." Und es wurde eine Kommission von drei Mitgliedern gebildet, die dafür Sorge zu tragen hatten, dass bei Vereinsabenden „etwas Humoristisches vorgetragen wird".

Sozial, aber sehr diszipliniert startete das Vereinsleben des jungen Sportvereins. Ziegler, die während des Sommers auf weit entfernten Ziegeleien arbeiteten, brauchten in den Sommermonaten keinen Vereinsbeitrag zu bezahlen, aber Strafgelder wurden sehr häufig verhängt. Zum Beispiel für Handwerker, die es offenbar nicht geschafft hatten, pünktlich zum Turntraining zu kommen. Mit den Strafgeldern wurde dann schon mal der auf dem Vereinsfest „zerworfene Kronleuchter" zur Hälfte bezahlt.

Der Arbeiter-Sportverein bot seinen Mitgliedern ein reges gesellschaftliches Leben. Muntere Feiern wie „Turnerkränzchen", Weihnachtsbescherungen für die Kinder oder Besuche von Festen anderer Vereine. Es gab eine „Vergnügungskommission", die für die „Verherrlichung des Festes" zu sorgen hatte. Eigene Theateraufführungen im Niewaldschen Saal zählten auch dazu. Lustige Einschränkung dabei: „Zu den theatralischen Aufführungen sollen hinfort nur Mitglieder Verwendung finden, Nichtmitglieder nur in Verlegenheitsfällen."

Turngenossen sollten keinen schmutzigen Lieder dichten

Für die zum Militär eingezogenen Rekruten plante man schon kurz nach der Jahrhundertwende eine eigene Abschiedsfeier. Rigoros zeigte man sich gegenüber eher unsportlichen Mitglieder: Es gab einen Antrag, ein Mitglied „wegen Korpulenz" auszuschließen. Allerdings wurde dies nicht umgesetzt. Auch das Rauchen von Zigarren beim Sport wurde verboten.

Doch die Vereinsfeste müssen trotzdem - wahrscheinlich wegen des Alkoholkonsums - aus dem Ruder gelaufen sein. Das Protokollbuch vermerkt: „Zunächst rügt der Vorsitzende das Benehmen einiger Turngenossen auf der letzten Festlichkeit. Er bittet darum, dass sich die Turngenossen einer besseren Artigkeit befleißigen mögen." Doch der Verein besaß offenbar auch einen gewissen Bildungsauftrag. „Die Abhaltung einer Festlichkeit wird abgelehnt. Stattdessen wird vom Turnwart die Anschaffung einer Bibliothek angeregt und beschlossen. Als erste Rate wird der Bestand der Strafgeldkasse verwandt." Eine seinerzeit höchst fortschrittliche Entscheidung trafen die Mitglieder des Vereins „Einigkeit" bereits im Jahre 1909: „Eine Damenabteilung wird mit 50 gegen zwei Stimmen gegründet. Es gibt 17 Turnerinnen".

Damit setzte der Verein ein Zeichen zu Gleichberechtigung bereits zehn Jahre vor der Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechts in Deutschland. In einem anderen Protokoll ist dagegen zu lesen: „Der Vorstand rügt ganz energisch das Verhalten einiger Turngenossen, in öffentlicher Gesellschaft von Turnschwestern schmutzige Lieder zu dichten." Der Erste Weltkrieg, der 1914 begann, hinterließ auch tiefe Spuren in den Reihen der Sportler. Von 143 Mitgliedern bei Kriegsausbruch gab es 1918 noch 30 Mitglieder. Doch mit Volldampf startete der Arbeiter-Turnverein im nächsten Jahr durch. „Eine Agitation soll neue Mitglieder einwerben", hieß es. Der Verein wuchs allmählich wieder. Übrigens gründete sich im April des Jahres 1920 auch eine Fußballabteilung.

Auf den ersten Nachkriegs-Turnerkränzchen muss es schon wieder ziemlich rund gegangen sein. Im Protokollbuch steht vermerkt: „Wegen der Vorkommnisse auf dem letzten Kränzchen wird das Links-Tanzen streng verboten. Zuwiderhandelnde werden des Saals verwiesen."

Der Arbeiter-Sportverein existierte erfolgreich bis 1933 - neben den anderen Oerlinghauser Sportgruppierungen, wie dem traditionellen Turnverein von 1863, dem Fußballclub (FC) von 1913 und dem Verein für Ballspiele (VfB) von 1920. Dann lösten die Nationalsozialisten als erstes den Arbeiter-Sportverein auf, die anderen Vereine wurden in späteren Jahren auch den neuen Gesetzen angepasst, und der Zweite Weltkrieg brachte schließlich auch das Sportleben in Oerlinghausen zum Stillstand.