Als die Nazis den „Konsum“ stürmten

Stadtgeschichte

 

[Bild: Marschformation: Ein SA-Trupp auf der Detmolder Straße 1936 in Oerlinghausen. Repros: Horst Biere/Archiv Werner Höltke | © Biere]

[Bild: Tatort Hauptstraße/Holter Straße: Gegen die Konsum-Filiale (links im Bild) richteten sich die ersten Nazi-Aggressionen nach der Machtergreifung 1933. Vor dem Essener Hof (heute Stadtschänke) wartete die SA mit Pechfackeln in der Hand auf Filialleiter Hausmann. Das Foto stammt aus dem Jahr 1965. | © Biere]

Oerlinghausen. Blanker Terror regierte in Oerlinghausen Anfang März 1933. Gerade war Adolf Hitler an die Macht gekommen, da setzten in der jungen Bergstadt heftige „Säuberungsaktionen“ ein. Denn Oerlinghausen galt immer noch als eine Hochburg der Sozialdemokraten - der „Marxisten“ wie es in NS-Berichten immer wieder hieß. Schon zuvor hatte es oft heftige Schlägereien in der Bergstadt gegeben, wobei die ungeliebten Nazis sehr häufig den Kürzeren zogen. Die rächten sich nun.

Nach der Reichstagswahl am 5. März wurden in Oerlinghausen rund 40 Männer inhaftiert, einige davon nur ein bis zwei Wochen. Die meisten waren Angehörige der SPD, einige davon Mitglieder der KPD, von den jüdischen Mitbürgern wurde zuerst der Viehhändler Julius Kuhlemeyer verhaftet.

Im Mittelpunkt der Nazi-Aggressionen standen sofort auch die SPD-orientierte Konsumverkaufsstelle und ihren Filialleiter August Hausmann. Der Konsum war eine preiswerte Lebensmittelverkaufskette des Lippischen Konsumverein. Er besaß in Oerlinghausen zwei Filialen: ein großes Geschäft mit Leiter August Hausmann im Eckhaus Hauptstraße/Brachtshof (heute gegenüber Fleischerei Sander) und ein kleines Geschäft der Familie Schling an der Detmolder Straße, das später von der Schling-Tochter Martha Ladugga übernommen wurde.

Chronist August Westerheide, der später über die Geschehnisse detailliert berichtete, schreibt, dass sofort nach der berüchtigten Hitlerwahl eine Gruppe von SA-Leuten -anfangs noch mit ordentlichen Polizeibeamten - die Wohnung der Familie Hausmann, die oberhalb der Konsumfiliale wohnte, nach Waffen durchsuchte.

Man fand natürlich nichts, Hausmann wurde offenbar denunziert. Es gab in Hausmanns Wohnung und dem Konsum aber noch weitere Hausdurchsuchungen.

August Westerheide: „Einmal gingen sie mit August Hausmann zuerst in den Laden, dann wurde die Wohnung durchstöbert, wobei sie Kleider und Wäsche aus den Schränken rissen, verschmutzten und beschädigten“. Als die SA-Hilfspolizisten dann mit Hausmann auf den Dachboden des Konsum-Gebäudes stiegen, sprang der herzkranke Mitbewohner Wilhelm Helmig dazwischen. Westerheide schreibt: „Es war kein Zweifel daran, dass man Hausmann hier aus der Luke werfen wollte, um einen Selbstmord vorzutäuschen. Wilhelm Helmig hat sich trotz Drohungen nicht vom Boden treiben lassen und somit die Ermordung Hausmanns verhindert.“

Doch der Terror gegen Hausmann und den Konsum ging weiter. Martha Schling, die Tochter des Konsum-Filialleiters Schling von der Detmolder Straße, berichtete von einer SA-Marschkolonne, die vom Stadthotel aus Richtung Kirche und Konsum-Filiale marschierte. Sie sangen dabei das grausame SA-Lied „Es zittern die morschen Knochen“. Man wolle die Sozis August Hausmann und dann Albert Schütte holen. Doch Familie Hausmann verbarrikadierte sich in ihrem Schlafzimmer und löschte alle Lichter.

Draußen vor dem Konsum - auf der Holter Straße vor dem Essener Hof - standen die SA-Männer mit Pechfackeln in der Hand. Auch im Ladengeschäft warteten sie, alle zwei Stunden gab es Wachablösungen. Doch erst am Morgen hatten die Nazis Erfolg. Als Hausmann vorsichtig sein Versteck verließ, schnappten ihn etwa acht SA-Hilfspolizisten. Man verhaftete ihn und er kam nach Detmold ins Gefängnis. Westerheide: „Haupttreiber bei den Nazi-Schlägertrupps war der SA-Obersturmführer Kurt H.“ Im Hintergrund aber habe stets der spätere NS-Ortsgruppenleiter Paul Reuter seine Fäden gezogen.

Die SA wollte August Hausmann ermorden

Im Gefängnis in Detmold erkrankte August Hausmann lebensgefährlich. Mit Unterstützung des ehemaligen Landespräsidenten Heinrich Drake und eines Gefängnisarztes gelang es Frau Hausmann, ihren Mann zu ihren Eltern nach Horn zu holen. Wo er dann unter Hausarrest stand.

Der Konsum bekam einen neuen Filialleiter namens Trautvetter. Doch der Terror hörte nicht auf. Eines Sonnabends wurde auch Trautvetter von einer Oerlinghauser SA-Schlägerbande im Laden überfallen und schrecklich zugerichtet. Der Grund: Er hatte mit rotem und gelbem Glanzpapier die Schaufenster dekoriert. Die SA glaubte darin eine Zusammenstellung der alten Reichsflagge Schwarz-Rot-Gold zu erkennen. So gab es einen Grund für die schweren körperlichen Misshandlungen und Zerstörung der Auslagen. Trautvetter, der zudem eine herzkranke Frau hatte, weigerte sich darauf vehement noch weiter in Oerlinghausen zu arbeiten.

Auch in der anderen Konsumfiliale an der Detmolder Straße verschärfte sich die Situation. Filialleiter August Schling, ebenfalls ein Sozialdemokrat, war 1932, also vor der Machtergreifung, verstorben. Doch Witwe Schling und ihre Tochter Martha (spätere Ladugga) führten das Geschäft weiter. Eines Tages, so berichtet Chronist August Westerheide, sei der SA-Obersturmführer H. im Laden aufgetaucht und habe den beiden Frauen den harschen Befehl gegeben: „An Juden wird nicht mehr verkauft.“ Und er platzierte sofort ein Schild im Schaufenster: „Juden unerwünscht!“

In der Nachbarschaft wohnten tatsächlich einige jüdische Familien z. B. Kuhlemeyers und Hans Windmüller, die zuvor Kunden in der Konsumfiliale waren. Doch mutig widersetzten sich die beiden Frauen dem Nazi-Befehl. Mit der jüdischen Familie Kuhlemeyer wurde ein Gartenversteck für die Lebensmittelversorgung ausgemacht, und Hans Windmüller bekam sein Lebensmittelpaket im Geräteschuppen versteckt.

Die Oerlinghauser Konsumfilialen wurden recht bald „gleichgeschaltet“. Die Gesellschaft löste man auf, die beiden Geschäfte schloss man der Lebensmittelgesellschaft Lage (LEGELA) an. Der Zweite Weltkrieg, seine Zwangsbewirtschaftung und Lebensmittelrationierung veränderte ohnehin alles. August Hausmann allerdings überlebte die NS-Zeit in Hameln, kam später öfters zu Besuch nach Oerlinghausen und starb 1978 in Detmold.