Eine kleine Geschichte aus der Oerlinghauser Tabakindustrie

Von August Reuter

 

Vor rund hundert Jahren, als durch die Erfindung des mechanischen Webstuhls und der Spinnmaschine eine furchtbare Krise für die bisher in Lippe und Ravensberg verbreitete Handweberei eintrat und viele Hausweber brotlos geworden waren,  tat sich in Oerlinghausen eine neue Industrie auf, die Zigarrenfabrikation. Das geschah nicht von heute auf morgen. Nur zaghaft wagten einige Unternehmer den Sprung vom Leinengewerbe in die Tabakindustrie und erlebten mancherlei Rückschläge.

Als aber nach 1871 eine allgemeine Hebung der Wirtschaft einsetzte, entstanden hier eine Zigarrenfabrik nach der anderen, und um 1890 beherrschte die Zigarrenindustrie das gewerbliche Leben des aufblühenden Ortes. Allein an der Detmolder Straße lagen 4 Fabriken, in denen hunderte von Tabakarbeitern beschäftigt waren. War das ein Leben in den Straßen, wenn mittags und abends dife Zigarrenmacher nach Hause eilten! „Nun man schnell den Tisch gedeckt!“ rief meine Mutter, „die Fabriker kommen schon.“ - Oder um einen Vers von Fontane umzuwandeln: „Dann waren, wenn’s Mittag vom Turme scholl, von Zigarrenarbeitern die Straßen voll.“

Sie hatten nur kargen Lohn und mußten recht einfach und sparsam leben, mußten nach Feierabend in Feldarbeit und Viehwartung noch fleißig schaffen, um einen Notgroschen beiseitelegen zu können. Aber das hielt sie nicht davon ab, an Sonn- und Feiertagen, an Schützenfesten und Jahrmärkten auch fröhlich mit den Fröhlichen zu sein. Als eifrige Sozialdemokraten benutzten sie auch manchen Sonntag dazu, Flugblätter in den Nachbargemeinden zu verteilen. Ihre sitzende Arbeitsweise ermöglichte es ihnen, auf den „Buden“ über die Parteipolitik sich gegenseitig zu unterrichten und durch die Presse auf dem Laufenden zu halten. Wie manche redegewandten Abgeordnete in den Stadt- und Länderparlamenten sind aus dem Zigarrenarbeiterstande hervorgegangen!

Nun gab es in Oerlinghausen noch sogenannte „Zigarrenhersteller“, die früher in einer Fabrik beschäftigt waren, es aber vorgezogen hatten, selber Tabak von den Großhändlern zu beziehen und zu Hause Zigarren zu machen, die sie an Gastwirte und andere Kunden verkauften. Sie müssen nicht schlecht dabei gefahren sein. Ihre Zigarren wurden meistens gelobt, denn vom Tabakmischen, von der richtigen Einlage und vom passenden Um- und Deckblatt verstanden sie schon etwas! Der Verkauf ihrer Ware brachte es naturgemäß mit sich, daß der eine oder andere wohl mal allzu lange in einer Gastwirtschaft verweilte.

Zu den Zigarrenherstellern gehörte auch Tiffen Friedel, dieser stattliche Mann mit langem roten Vollbart und einem selten schönen Tenor. Ach, wie gerne

sprechen einige unserer Alten noch von Tiffens angenehmer Tenorstimme! Sie erinnern sich dabei eines Ständchens, das der Gesangverein „Eintracht" um 1894 einem ihrer Mitglieder zur Silberhochzeit brachte. Beim Vortrag des bekannten Liedes „Es liegt ein Weiler fern im Grund“ sang T. den Solorefrain „O Röslein rot, o Röslein schön, ach hätt’ ich nimmer dich gesehn!“ Und alle, die davon erzählen, sind begeistert von der Zartheit und Innigkeit des Tiffeschen Vortrags.

Aber ich wollte von etwas anderem sprechen: Auf seinen „Reisen“, wenn er seine Ware an den Mann gebracht hatte, trank Friedel hin und wieder einen über den Durst zum hellen Ärger seiner resoluten Frau. Als er einst in einer schönen Sommernacht spät heimkam, empfing seine Frau ihn mit einer heftigen und lauten Schimpfkanonade, in der es an derben Ausdrücken nicht fehlte. Friedel hatte seine Frau schon mehrfach zu unterbrechen versucht durch den Zwischenruf „Sühl, ssühl, ssühl!“ Das war damals, ein örtlicher Ausdruck für „Quatsch“ oder „Unsinn“. Er war jedoch damit nicht durchgedrungen und wollte nun dem Geschimpfe eine Ende bereiten, indem er sagte, er würde sofort das Haus verlassen und nicht wiederkommen, wenn sie mit ihrer Zankerei nicht aufhöre. Da rief seine Frau wütend: „Muinthalben gong teon Duibel!“ - Friedel antwortete höflich: „Nei. Mamma, de Duibel nimmt mui nich. De saggt: „Herr Tiffe, seggt heu, Sie haben mit dem Weibe schon die Hölle auf Erden gehabt, Sie gehören in den Himmel, Herr Tiffe.“ Da erwiderte die Frau: „Dann laug man innen Hemmel!“

Sogleich nahm Friedel seinen Wickeltisch, seine Preßformen und seinen Tabakvorrat, lud alles auf eine Karre und zog damit in Niewalds Kegelbahn Er kannte hier Hausgelegenheit und machte sich dort ein Lager für die Nacht auf den Matten des Turnvereins. Louis Niewald, der gutmütige Nachbar Tiffes, ließ ihn einige Zeit gewähren, weil er wußte, daß es ja doch nur eine kurzfristige Episode sein konnte. So machte Friedel 4 Tage lang Zigarren in der Kegelbahn des Gasthofs „Essener Hof“. Er unterbrach seine Arbeit natürlich gern durch Besuche in der Gaststube, wo seine Freunde ihn damit aufzogen, Gendarm Graf wolle seinen neuen Arbeitsplatz daraufhin untersuchen, ob er auch den gewerblichen Vorschriften entspräche.

Nach 4 Tagen kam seine Frau weinend und bat um seine Rückkehr. In Niewalds Küche wurde Versöhnung gefeiert, wobei es Frau Niewald nicht darauf ankam, für Frau Tiffe Kaffee und süßen Likör zu spendieren. Einige Gäste haben lange mitgefeiert an diesem Versöhnungsfeste.

Das ist eine von den vielen Erzählungen und Schwänken, die noch heute unter den Alten die Runde machen. Es gibt nur noch wenige Zigarrenhersteller und nur noch eine Zigarrenfabrik in Oerlinghausen. Die einst blühende Oerlinghauser Tabakindustrie kam fast ganz zum Erliegen. Dreierlei Gründe sind erkennbar:

1.         die Zigarette trat nach dem ersten Weltkriege ihren Siegeszug an.

2.         Zur gleichen Zeit breitete sich in Oerlinghausen die Möbelindustrie aus und zog viele Arbeiter an sich.

3.         Es fehlte an Nachwuchs in den Zigarrenfabriken.

Nach 1920 wurde kein Lehrling in der Zigarrenherstellung mehr angelernt. Die Söhne der Zigarrenarbeiter wurden Tischlerlehrling oder Maurer oder sie kamen bei einem Kaufmann in die Lehre.

Wenn ich heute mit alten Zigarrenmachern über diesen Wandel spreche, so spüre ich bei ihnen keine Traurigkeit. Im Gegenteil! Man spricht noch gern von dem alten Gewerbe, wie man von einem lieben alten Verwandten spricht. Man erzählt sich gern die alten Döhnken und Späße, aber man weint ihnen keine Träne nach. „Unsere Kinder haben es heute besser; sie arbeiten in gesunderen Räumen, an besseren Arbeitsplätzen.“