Auf blauen Dunst

Stadtgeschichte: Der Tabak hat Oerlinghausen im 19. Jahrhundert einen bescheidenen Wohlstand gebracht. Er hat auch den Weg für eine starke Sozialdemokratie geebnet

 

[Bild: Historisch - Oerlinghauser Zigarrenwerbung früherer Jahre. Man beachte den Preis. | © Horst Biere]

[Bild: Zigarrenmachen in Oerlinghausen: Die Rauchwaren sind nach Dicke und Länge sortiert. Die Arbeiterin gibt den Zigarren sozusagen den letzten Schliff. Das Deckblatt der Zigarre wird verklebt, anschließend in ein Pressbrett eingelegt. | © Horst Biere]

Oerlinghausen. Die Zigarre war das Symbol für das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard rauchte sie ständig. Ein Jahrhundert zuvor, um 1850, bildete die Zigarre für Oerlinghausen so etwas wie einen Rettungsanker. Denn das vormals blühende Leinengewerbe war am Ende, da setzt man auch in der Gemeinde am Tönsberg immer mehr auf den blauen Dunst.

Den etablierten Leinenhändler in Oerlinghausen waren die guten Geschäfte durch das billige Importleinen weggebrochen. Aber vor allem viele Hausweber verarmten immer mehr, denn das maschinengefertigte Leinen überschwemmte den Markt. Und selbst wenn in den Familien der Webstuhl Tag und Nacht nicht stillstand, war man nicht mehr konkurrenzfähig.

Die neue Mode des Zigarrenrauchens in Deutschland ließ Hoffnung auf einen lukrativen Geschäftszweig in vielen Orten aufkommen, auf die Produktion von handgerollten Zigarren. Die Leinenhändler Friedrich und Wilhelm Hölter waren die ersten im kleinen Kirchdorf Oerlinghausen, die eine "Zigarrenbude" gründeten. Im Jahre 1855 eröffneten sie an der Hauptstraße 3, im Haus der heutigen Altdeutschen Bierstube, eine Zigarrenfabrik. Bald waren bis zu 30 Zigarrenmacher in Hölters Manufaktur beschäftigt.

[Bild: Nummer 1: In diesem Haus, in dem heute die bekannten "Altdeutschen Bierstuben" sind, eröffnete 1855 die erste Oerlinghauser Zigarrenfabrik ihre Fertigung. | © Horst Biere]

Das notwendige Kapital und kaufmännisches Wissen brachten die Gebrüder Hölter zwar mit, aber an den nötigen Marktkenntnissen und vor allem am Wissen in der Verarbeitung von Tabakwaren haperte es offenbar. Friedrich Hölter trat bald aus dem Geschäft aus, sein Bruder Wilhelm produzierte noch ein wenig weiter, 1862 aber musste er Konkurs anmelden.

Mittlerweile setzten auch andere Kleinunternehmer auf das neue Geschäft mit der Zigarre. Der Kaufmann Buckup dreht in seinem Haus am Gehrenberg 1 seine ersten Rauchwaren. Die Brüder Paradies starteten in der Hauptstraße 53 mit einer Zigarrenproduktion. In der Blütezeit der Zigarrenindustrie, in den 1870er Jahren, schoss eine Zigarrenbude nach der anderen aus dem Boden.

Allein vier Zigarrenfabriken an der Detmolder Straße beschäftigten bis zu 120 Arbeiter. Viele Unternehmen hatten aus den Anfangsfehlern der Brüder Hölter gelernt und sich die nötigen Produktionskenntnisse eingekauft. Sie holten sich geschickte Zigarrenmacher oder Sortierer von außerhalb, die sie zum Beispiel in der Zigarrenstadt Bünde angeworben hatten. Die neuen Firmen August Ullrich, Arnold Elmendorf, Adolph Altenbernd, Karl Adolf Reuter gaben aber auch vielen Oerlinghauser Arbeitern eine auskömmliche, wenn auch karge, Existenz.

Manche der Arbeiterfamilien wagten den Schritt in die Selbstständigkeit und bezogen den Rohtabak direkt von den Großhändlern. So stellte man im eigenen Familienunternehmen die gerollten Rauchwaren her und verkaufte sie eigenhändig in den Gaststätten des Ortes.

Viele Kinder und Jugendliche mussten nach der Schule mithelfen, den Tabak zu verarbeiten und ihn für das Zusammenrollen der Zigarren vorzubereiten. Ihre Aufgabe war es, den Tabak "abzustruppen", das heißt, die dünnen braunen Tabakblätter von den Stengeln zu befreien. Die Arbeit war allerdings äußerst ungesund, denn der Tabakstaub setzte sich überall im Haus und zumeist auch in den Lungen der Tabakarbeiterfest.

Die neue Zigarrenindustrie im Kirchdorf am Tönsberg beförderte eine weitere wichtige Entwicklung, die politische Betätigung der Arbeiter. Denn der Ursprung der Oerlinghauser Sozialdemokratie lag bei den Zigarrenmachern. Schon 1861 schlossen sie sich mit 21 Mitgliedern zu einem Verein zusammen. Drei Jahrzehnte später organisierten sie sich im Sozialdemokratischen Allgemeinen Arbeiterverein. Es war durchaus üblich, dass in den Zigarrenbuden heiß diskutiert wurde, was man in den Zeitungen wie dem "Vorwärts" oder der Bielefelder "Volkswacht" gelesen hatte.

Der Erste Weltkrieg und die nachfolgenden Inflationsjahre setzten den Oerlinghauser Zigarrenmachern heftig zu. Immer mehr Kleinbetriebe gingen in Konkurs. Einige produzierten auf Sparflamme weiter. Auch der neue Trend zur Zigarette läutete den Niedergang der Zigarrenhersteller rund um den Tönsberg mit ein.

Die Chronik berichtet von nur noch wenigen Zigarrenfabriken in den nachfolgenden Jahrzehnten. Zum Beispiel von der Zigarrenfirma Pfleiderer-Meyer am Gehrenberg 1. Die Manufaktur wurde nach wenigen Jahren von Fritz Schling übernommen, der bis 1948 die Zigarrenproduktion betrieb. Die letzte Zigarrenfirma stellte im Jahre 1965 den Betrieb ein: Carl Plaßmeyer, bekannt als langjähriger Schützenoberst, hielt am längsten durch. Zuletzt allerdings als Zigarrenhändler, denn seine eigene Produktion hatte er bereits 1952 aufgegeben.

Der Tabak

•          Kolumbus brachte die Tabakpflanze aus Mittelamerika mit. Laut einer Urkunde soll der erste deutsche Tabak 1573 in der Pfalz angebaut worden sein. Zuerst als Heilpflanze genutzt, verbreitete sich die Rauchkulturin Deutschland im Zuge des Dreißigjährigen Krieges, als Söldnerheere rauchend durch das Land zogen.

•          In unserer Region wurden später fast ausschließlich Rohtabake aus Übersee verarbeitet. Diese konnten von Bremen günstig über die Weser hierher geliefert werden. Eine Hochburg der Zigarrenproduktion in Ostwestfalen war Bünde. 1842 nahm hier der erste Zigarrenherstellerseine Produktion auf.