Auszug aus dem "Goldenen Buch" der Stadt Oerlinghausen

geschrieben von August Reuter. Seite 275 - 270.  (Die Zigarrenindustrie)

 

Ich wende mich nun den Zigarrenarbeitern zu, deren es um 1900 weit über 100 gab. im politischen Leben des Dorfes haben sie eine wichtige Rolle gespielt. Zwar waren sie unter der Herrschaft des Dreiklassenwahlrechts lange Zeit von der Mitarbeit im Gemeindeparlament zunächst ausgeschlossen, obgleich der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein im Jahre 1890 schon 160 Mitglieder in Oerlinghausen zählte.

Aber schon 1893 gelang es ihnen, die 4 Sitze in der dritten Klasse zu erobern und damit zogen die Zigarrenarbeiter Karl Grote,  Kolonatsnummer 13, Hauptstraße 72; Heinrich Gronemeier, Jägerstraße 5 und Fritz Hansing, Hauptstraße 72 in die Gemeindevertretung ein; außer diesen dreien noch Bäckermeister Carl Diekmann für die dritte Klasse, der aber wohl schon damals kein Sozialdemokrat war.

Nur 4 Sitze von 12; trotzdem war der Einfluß von Sozialdemokraten in Oerlinghausen durch diesen Ausfall der Wahl gewaltig gestiegen. Und nicht nur der Einfluß auf den Gang der Gemeindepolitik, sondern auch - was hervorzuheben ist - ihr Ansehen! Denn sie haben von Anfang an in selbstloser, vorbildlicher Weise an der Arbeit für das Gemeinwohl teiIgenommen. Das zu betonen, ist mein Vater, der von 1892 - 1907 Gemeindevorsteher war, nicht müde geworden.

Besonders lebhaft war die politische Tätigkeit der Zigarrenmacher vor den Reichstags - und Landtagswahlen. Sie waren, wie ich schon erwähnte, sämtlich Sozialdemokraten und hielten strenge Displizin. Die sitzende, fast geräuschlose Arbeitsweise brachte es mit sich, daß während der Arbeitszeit politisiert werden konnte. Die Belegschaft einer Fabrik hielt den Berliner "Vorwärts " oder die Bielefelder "Volkswacht", letztere auf alle Fälle. Daraus wurden Leitartikel und andere Aufsätze vorgelesen.  Besonders die Reden Bebe1s, Molkenburs, Vollmers, Liebknechts und Schönlanks im Reichstag wurden eingehend durchgenommen. Wie mancher Sonntag ist dazu benutzt worden Flugblätter in Asemissen, Bechterdissen, Greste, Währentrup und Senne zu verteilen oder Wahlversammlungen abzuhalten.

Der Erfolg dieser eifrigen Propaganda blieb nicht aus. Die sozialdemokratischen Stimmen stiegen allmählich auch in der Landgemeinde der Umgebung. Bald saß auch ein Oerlinghauser Zigarrenmacher im lippischen Landtag. Es war Karl Becker, Sproß der alten Leinenhändlerfamilie Becker, der 1900 gewählt wurde.

Ja, es ging in jenen Jahren, als die Oerlinghauser Zigarrenindustrie auf ihrem Höhepunkte stand, d. h.  in den Jahren 1890 bis zum ersten Weltkrieg auch auf den Zigarrenbuden recht lebhaft zu. Diese Debatten und Vorlesungen waren eine politische Schulung erster Ordnung. Aber es war nicht so, daß dort nun ein fanatischer Haß gegen Andersdenkende großgezogen wurde. Das hätten unsern Oerlinghauser Arbeiter schon rein volkstumsmäßig nicht gelegen, Wir Lipper sind nicht so gehässig veranlagt.

Vielleicht waren dazu auch die verwandtschaftlichen und nachbarlichen Beziehungen in Oerlinghausen zu eng. So war z. B.  der oben erwähnte Landtagsabgeordnete Karl Becker ein Schwager des konservativen Zigarrenfabrikanten Carl Adolf Reuter, oder: der oben erwähnte sozialdemokratische Gemeindevertreter Karl Grote war Schwager des konservativen Ziegelmeisters Ernst Reuter; oder: der sozialdemokratische Zigarrenmacher Ernst Saak, Reuterstraße 4, war Schwager des nationalliberalen Tischlermeisters Fritz Heißenberg sen., Jägerstraße 6. Solcher Beispiele könnte ich noch viele anführen. Wie mancher der alten Zigarrenmacher kehrte Sonntag für Sonntag in die Wirtschaft meines Vaters ein, um in der Gaststube mit Handwerksmeistern und anderen Bürgern eine Partie Schafskopf oder Solo oder Skat zu spielen. Ich sehe sie noch vor mir, diese biederen Zigarrenmacher Hansing, Hellkamp, Heinrich Schütte oder wie sie alle hießen, die mit den ebenso biederen, ehrsamen Handwerksmeistern, wie Schneider Posteher, Maurermeister Stücke, Fuhrmann Holzkamp,  Tischler Lalk , Schmied Brand - Oetenhausen, Tischler Pröter u. anderen unbedenklich ihr Spielchen machten. Nein, von politischen Fanatismus und Haß konnte in jenen Jahren in Oerlinghausen nicht gesprochen werden.

Die sozialdemokratischen Arbeiter waren politisch besser geschult, als die Angehörigen der bürgerlichen Parteien, und zweifellos waren sie durch eine gewisse Kluft und durch ihren Stand voneinander getrennt.  Diese Kluft konnte auch Verwandtschaft und Nachbarschaft nicht überbrücken. Aber es war nicht so, daß der eine nun den Untergang des anderen wünschte, wie politische Schlagworte besagten. Ich muß sogar - der Gerechtigkeit halber - sagen, daß ich später als Leiter der Gemeindeverwaltung bei einigen Vertretern der bürgerlichen Parteien mehr Haß, Voreingenommenheit und Unverständnis angetroffen haben, als auf Seiten der Arbeiterschaft. Die Revolutionen sind in Oerlinghausen ruhig verlaufen und standen im Zeichen der Besonnenheit und Displizin der Oerlinghauser Arbeiterschaft.

Die Oerlinghauser Zigarrenmacher als politisch geschulte Sozialdemokraten fühlten sich stets als mitverantwortlich für das Wohl der Gemeinde. Sie sind dieser Verantwortung nie aus dem Wege gegangen.