Ins Goldene Buch Ortsgeschichte geschrieben
Reuters »Chronik der Dorfschaft Oerlinghausen« wird möglicherweise neuaufgelegt
Oerlinghausen (pet). »Das Goldene Buch hatte es in sich«, erinnert sich Fritz Soll. Wenn hoher Besuch kam nach Oerlinghausen, mußte der Band mit den wertvollen Widmungen eigens vom Tresor der Sparkasse, wo er sicherheitshalber verwahrt war, zum Rathaus gebracht werden. Bei einem seiner Botengänge »irgendwann in den 70er Jahren« entdeckte Soll, der damals als Drucker in städtischen Diensten stand, daß das Goldene Buch Oerlinghausens weit mehr enthielt als nur Grüße und Unterschriften bekannter Persönlichkeiten.
»Die hinteren Seiten waren eng mit Sütterlin beschrieben«, beschreibt der Hobby-Historiker seinen Fund. Bei genauerem Hinsehen entpuppten sich die schönschriftlichen Aufzeichnungen als eine Chronik der Dorfschaft Oerlinghausen, verfaßt von August Reuter. 1926, dem Jahr der Stadtwerdung, hatte der damalige Gemeindevorsteher und Bürgermeister damit begonnen, »aus der Geschichte der Gemeinde Oerlinghausen alles niederzuschreiben, was ich davon weiß«.
Sütterlin auf 172 Blatt Büttenpapier
Was lag da näher als dafür das Goldene Buch zu verwenden? Die noch leeren Seiten zwischen dem repräsentativen Ledereinband luden förmlich zum Vollschreiben ein. Gestiftet wurde der schmucke Band übrigens von Richard Müller und Fritz Blume, zwei Ratsherren, die ihn am 12. Juni 1926 »zu treuen Händen dem ersten Bürgermeister unserer Stadt« überreichten.
Ein Sammelsurium ist Reuters Kompendium keineswegs geworden: Von einem befreundeten lippischen Landesarchivar mit Quellen versorgt, brachte der schreibende Gemeindevorstand fein säuberlich die steinzeitlichen Anfänge auf Oerlinghauser Gebiet zu Papier, fuhr mit der Kirchengeschichte fort, gelangte über »Richter, Beamte und Vögte«, »Brauereien, Brennereien und Krüge« zum Leben in Oerlinghausen während des 30jährigen Krieges, bevor er beim örtlichen Handwerk und Handel haltmachte: Von A wie Abdecker oder Apotheker bis Z wie Zigarrenindustrie oder Ziegelei ließ er nichts aus. Seine Chronik schließt mit dem Jahr 1890.
Auf 172 beidseitig beschriebene Blätter Büttenpapier ist der rührige Reuter gekommen. »Am Ende waren die Seiten doppelt so eng beschrieben wie am Anfang«, erzählt Fritz Soll. »Als wenn August Reuter Angst gehabt hätte, mit dem Papier nicht auszukommen.« Schon bald nach seiner Entdeckung hatte der Stadtangestellte Soll Kopien einzelner Kapitel angefertigt. »Weil die so viel Anklang gefunden haben«, entschloß sich der heute 74-jährige, mit Genehmigung der Stadt das ganze Buch abzuziehen und in Druckschrift zu übertragen. Nach seiner Pensionierung machte Soll sich an die Sisyphos-Arbeit und tippte - mit Hilfe seines Sohnes - Seite für Seite in den Computer. »Auch wenn Reuters Aufzeichnungen hier und da durch neue Erkenntnisse überholt sind, haben wir an der Urschrift nichts verändert«, meint Soll. Absichtlich: andernfalls hätte man das Lebenswerk Reuters verfälscht. Im Oktober 1991 war die Reinschrift abgeschlossen. Soll brachte sein inklusive Anhang rund 370 Seiten starkes Werk zum Druck.
Von der Steinzeit bis zum Jahr 1890
350 Exemplare hat die Stadt seinerzeit anfertigen lassen. »Die waren schnell vergriffen«, freut sich Soll nicht ohne Stolz auf die große Resonanz seiner Editionsarbeit. Nun soll eine zweite Auflage die nach wie vor vorhandene Nachfrage befriedigen. Bis zum Jahresende liegen in den örtlichen Geldinstituten Subskriptionslisten aus, in die sich die Interessenten eintragen können.
Für August Reuter wurde die Arbeit an der Chronik zu einem Lebenswerk. 1945 kehrte er, den die SA 1933 gewaltsam aus dem Amt gejagt hatte, an seine alte Wirkungsstätte zurück: mit neuen Akten und Erkenntnissen über die Geschichte der Stadt, die er über den Krieg hatte retten können. »Nach solchem Erleben ist man stiller geworden, auch kritischer geworden als vor 20 Jahren«, schrieb Reuter kurz nach der »Stunde Null« und machte sich daran, den chronologischen Bogen bis zur Gegenwart zu schlagen.
Daß die im Goldenen Buch enthaltene Chronik von den jeweiligen Bürgermeistern fortzuführen sei, wünschten sich 1926 die beiden Stifter. Dieser Wunsch sollte sich allerdings nicht erfüllen: Der 1960 verstorbene Reuter ließ seinen Nachfolgern keine Seite mehr frei.
[Bild: Fritz Soll (Foto) und sein Sohn machten sich an die Sysiphus-Arbeit und »übersetzten« August Reuters Aufzeichnungen vom Sütterlin Seite für Seite in Druckschrift. Nach der ersten Auflage im Herbst 1991 soll nun eine weitere folgen - falls sich genügend Interessenten finden. Mit der Abfassung seiner »Chronik der Dorfschaft« begann Reuter im Jahr 1926. In jenem Jahr wurde dem Gemeindevorsteher und ersten Bürgermeister zur Stadtwerdung Oerlinghausens das Goldene Buch überreicht. Von den Anfängen der Besiedlung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts reicht die Chronologie. Ein befreundeter Archivar stand dem geschichtsschreibenden Gemeindevorsteher mit Quellen hilfreich zur Seite. Foto: Peter Berger]