Wasserversorgung in Oerlinghausen in alter Zeit
Von Fritz Soll sen.
Schon seit germanischer Zeit sollen bei uns hier am Tönsberg Menschen gesiedelt haben. Es werden aber immer Plätze gewesen sein die nicht allzuweit vom Wasser abgelegen waren, denn Nahrung über weitere Strecken herbeizuholen war leichter als Wasser herbeizuschaffen und zu lagern.
So ist es auch zu verstehen, daß das vor über 950 Jahren erwähnte Vorwerk Oerlinghausen in der Nähe einer reichlich Wasserspendenden Quelle angesiedelt wurde. Ebenso wurde die jetzige ev. Kirche in der Nähe dieser Quelle erbaut. Gemeint ist die Quelle in der ehemaligen Pfarrwiese. Oberhalb dieser Wiese lag der sogenannte Pfarrbrunnen. Noch vor etwa 60 Jahren als die Pfarrwiese als Wäschebleiche diente, trat dort unterhalb des Pfarrbrunnens eine gut fließende Quelle zutage. Der Brunnen selbst war damals schon verschüttet. Heute steht die oberste Brunnenumrandung, mit einer alten Pumpe versehen als Zierstück weiter oben auf dem Pfarrhof. In alten Zeiten hat er aber keine Pumpe besessen, sondern war ein offener Brunnen mit einer Kurbel für den Eimer. Die Dorfschaft hat diesen Brunnen zwar immer unterhalten aber der Besitz gegenüber der Kirche war ebenso lange strittig.
Als sich der Ort dann im Laufe der Jahrhunderte um die Kirche herum langsam vergrößerte und hauptsächlich zum Berge hinauf mehr bebaut wurde, trat immer deutlicher die Notwendigkeit einer gesicherten Wasserversorgung in den Vordergrund. Um Abhilfe zu schaffen fing man an Brunnen zu bauen. Aber mehrjährige trockene Sommer sorgten immer wieder für eine große Wassernot. Schon im 18ten Jahrhundert war die Versorgung mit Wasser so schlecht, daß man bei Feuersbrünsten kaum Wasser zum Löschen hatte, vielweniger noch zum Waschen und Bleichen und das bei den vielen Leinewebern die ihre fertig gewebte Leinwand ja weißt verkaufen wollten. Im Schopketal, nahe Friedhofsmühle, dort wo unsere 1911 erbaute Pumpstation mit 2 Brunnen liegt, entsprang eine starke Quelle mit bestem Wasser. Das Gelände dafür wurde 1862 durch einen Tausch mit Lipperreihe erworben.
Hier und weiter oben -unterhalb der Hellkuhle- wurde nun im großen Maße das noch graue Leinen gebleicht bis zur gewünschten Weiße. Ein Wächter hatte dort seine Hütte und achtete Tag und Nacht darauf das nichts gestohlen wurde. Die Hellkuhle mit ihren starken Wasserausstoß diente allerdings den Besitzern der Häuser in Oerlinghausen (Obere Hauptstraße und Gehrenberg) als Interessenten-Waschanstalt. Heute noch kann man in der Hellkuhle erkennen wieviel Zeit und Geld damals darein gesteckt worden ist. Die Waschanstalt bei der Postwegquelle ist erst um 1890 von Interessenten in der Reuter- und damaligen Bahnhofsstraße erbaut.
Aber nun wieder zurück zu der Wasserversorgung der Häuser im Dorfe. In der Mitte des 18. Jahrhunderts (etwa 1740) waren in der heutigen Hauptstraße, zwischen Kirche und Stadthotel, zur Bergseite die Steinbrüche soweit ausgebeutet das sie bebaut werden konnten. Diese Bautätigkeit setzte sich dann nach 1800 bis zur Melmschen Apotheke fort. Der Ruf nach Wasser wurde immer lauter. Oben am Berge hatten sich zu dieser Zeit schon 7 Hausbesitzer zusammengetan und eine Holzwasserleitung gebaut.
Sie hat funktioniert bis man zwischen 1814 und 1824 wieder mal, im Auftrage der Lippischen Regierung in Detmold, hier in Oerlinghausen auf Kohlensuche ging. Bergleute kamen und trieben Stollen um Stollen in den Tönsberg um das schwarze Gold zu suchen. Hierbei legte man auch die ebengenannte Quelle "trocken". Die Bergbewohner verkauften einen Teil ihres Grundbesitzes und ihrer Hudegerechtigkeiten und ließen sich für das Geld an der Tönsbergstraße neben dem "Weberhause" auf Dorfsgelände einen Brunnen bauen. Es war ein "Interessenten-Brunnen" von denen es im Orte mehrere gab. Als August Becker, Sohn des Leinenhändlers Friedrich Becker, 1842 seine Brauerei an der Tönsbergstraße baute und diese 1844 in Betrieb nahm fehlte ihm für die Bierproduktion das nötige Wasser. Mit Einverständnis des damaligen Dorfsvorstehers Kaufmann Hildebrand legte Becker einfach ein Rohr in den Interessentenbrunnen und zapfte denen das Wasser ab. Die erbosten Besitzer rissen bei Nacht und Nebel das Rohr wieder aus der Erde und wurden anderntags verhaftet wegen Aufruhr und Zerstörung öffentlicher Einrichtungen. Die ungerechten Gefängnisstrafen gegen alle Beteiligten wurden zwar nicht rechtskräftig, aber der Zorn entlud sich in den Märztagen 1848 gegen den schon 1846 abgewählten Vorsteher Hildebrand.
Der neue Vorsteher Schütz sah es als seine Hauptaufgabe an nun endlich die Wasserversorgung zu lösen. Vorsteher und Dorfsdeputierten faßten schon Anfang 1846 den Beschluß eine Holzröhren-Wasserleitung zu bauen. Der Auftrag zur Herstellung der Holzrohre mit einer lichten Weite von 2 Zoll, wurde dem Meister Carl Löhr erteilt. Im Herbst 1848 forderte Löhr nun endlich eine Abschlagszahlung für die aufgebohrten Kiefernröhren, da man sich über ihre Verlegung noch nicht einig war. Löhr bekommt 200 Rtl. Die Röhren werden in großen Wasserbehältern gelagert damit sie nicht austrocknen.
Endlich, im Jahre 1850, ist es soweit daß die Holzröhren verlegt werden. Die verlegte Länge von etwa 700 mtr. reicht vom Bleichplatz Kalderberg bis zum Simonsplatz. Bis zum Bleichplatz war schon eine etwa 110 mtr. Lange Leitung vorhanden. Etwa 6 Zapfstellen wurden in die neue Leitung eingebaut, daß restliche Wasser lief am Simonsplatz in einen Brunnen bzw. den Gehrenberg hinab. Von den 1847 durch Spendenaufruf gezeichneten 107 Rtl, gingen beim einkassieren nur 82 Rtl. ein.
Nun war sie also fertig die neue Wasserleitung. Aber nun gingen die Sorgen der Dorfsvertretung erst richtig los. Im Archiv finden wir fast für jedes Jahr eine Reparatur - Rechnung. Hauptsächlich für die Strecke von der Apotheke bis nach Blume. Hier mußten die schweren Pferdewagen die Holzleitung überqueren und das hielt diese nicht aus. Schon 1860 versucht man es mit Tonröhren, aber auch diese halten nicht stand. 1864 werden Überlegungen angestellt ob man nicht Eisenröhren, wie sie in Lokomotiven verwendet werden, in die Erde verlegen soll. Aber es ist Ebbe in der Dorfskasse. Trotz des Geldmangels steuert man von Seiten des Dorfes beim Abschied von Amtmann Wessel im Jahre 1864 87 Rtl. zu einem Geschenk in Höhe von insgesamt 174 Rtl. bei. 1865 überdacht man die Kalderbergquelle und setzt auf den Simonsplatzbrunnen eine Pumpe. Das Geld leiht sich die Dorfschaft von einem Neubürger der beim Zuzug 75 Rtl. Bargeld nachgewiesen hatte. Ebenso baut man in diesem Jahre am Simonsplatz einen Wasserbehälter für Feuerlöschzwecke.
Durch die zunehmende Bebauung (Detmolderstraße - Anfang Hauptstraße - Holterstraße) wird der Ruf nach mehr Wasser immer deutlicher und unbequemer für den Dorfsvorstand. Im 1880 tauchen die ersten Protest-Unterschrifts-Eingaben auf. Bisher hat man alle Unkosten der alten Wasserleitung aus der Dorfskasse bezahlt, während nur ein kleiner Teil der Hausbesitzer in den Genuß der, wenn auch nicht zuverlässigen, Wasserversorgung kam. Nun fordert man: Wasserversorgung für alle Hausbesitzer! Der Dorfsvorstand der nur aus begüterten Hausbesitzern zusammengesetzt ist, läßt Pläne dafür ausarbeiten, aber er schafft nicht die Mittel zur Ausführung derselben. Endlich 1893 ändern sich die Mehrheitsverhältnisse im Dorfsgemeinderat. Die Arbeiterschaft besetzt die gesamte III. Wählerklasse und die Handwerker fast die ganze II. Klasse. Schon 1896 erklärt der Ortsvorständ die vorhandene Wasserleitung als Interessentenleitung, welche ab sofort von den Anschlußteilnehmern selbst zu unterhalten ist.
Die erste Beratung über die Anlage eines Wasserwerkes erfolgt 1898. Im Jahre 1901 wird die Anlage eines Wasserwerkes grundsätzlich beschlossen. Es war ein mutiger Beschluß der damals von den "Dorfsvätern" gefaßt wurde, auch wenn sich die Verhandlungen in technischer und finanzieller Hinsicht in die Länge zogen. Vielleicht waren die Aufgaben die sich der Gemeindevorstand unter dem Dorfsvorsteher August Reuter angenommen hatte zuviel. 1903 Einweihung der Bahnstrecke Bielefeld - Lage, 1902 Bau der mechanischen Weberei, mit 400 Arbeitsplätzen, 1905 Planung für den Ausbau des Weges nach Lämershagen zu einer Straße, Neubauplanung für das Postamt in der Rathausstraße, usw. Trotzdem der Motor des ganzen, Vorsteher Reuter, am 1.4.1907 sein Amt, aus Gesundheitsgründen abgab, ging der neugewählte Vorsteher Heinrich Liekefett mit demselben Eifer an die Durchsetzung einer Wasserversorgung für den gesamten Ort.
Wasserversorgung in Oerlinghausen.
1846 Der Ortsvorstand beschließt den Bau einer Holzröhren - Wasserleitung. Meister Löhr (Zimmermann) bekommt den Auftrag für die Herstellung der Wasserpipen.
Im Antrag an die Regierung wegen eines Zuschusses heißt es: Vor langen Jahren haben wir oben am Berge schon mal eine Wasserleitung gehabt, welche durch den Bau von Stollen, bei der Kohlensuche, unter dem Tönsberg, zerstört worden ist. (letzte Kohlensuche von 1814 - 1824.)
1847 Aufruf zu Spenden für die zu verlegende Wasserleitung. 22 interessierte Einwohner zeichnen für insgesamt 107 Rtl.
1850 Die 1846 beschlossene Wasserleitung wird nun endlich verlegt.
Sie nimmt ihren Anfang an der Kalderberg-Bleiche und endet am Simonsplatz. Vor dem Kromeschen Hause (Gehrenberg 1 - abgerissen). Die Länge der Leitung beträgt 191 Ruthen = 810 Meter. Von dieser Länge waren schon 39 Ruthen von der Quelle bis zur Bleiche von den Bleich-Interessenten verlegt. Am Simonsplatz lief das überschüssige Wasser in den Brunnen der dort stehenden Pumpe und weiter den Gehrenberg hinab.
1850 Von den Freiwilligen Spenden (s. 1847) gehen nur 82 Rtl. ein.
1858 Der Tischlermeister Fritz Löhr hat wiedermal die Wasserleitung repariert.
1858 Für die Schäden an der Holzwasserleitung, die immer wieder defekt ist, will man Tonröhren anschaffen.
1864 Da die Schäden an der Holzwasserleitung kein Ende nehmen, läßt man sich ein Angebot über Bleiröhren schicken. Gleichzeitig fordert man ein Gutachten über Bleiröhren an. Da dieses von gesundheitlichen Schäden spricht die evtl. auftreten könnten, läßt sich der Gemeindevorsteher Freitag nun ein Angebot über Eisenröhren, wie sie in Lokomotiven verwendet werden, schicken.
1864 Trotz der ewigen Ebbe in der Dorfskasse steuert diese anläßlich des Abschieds vom Amtmann Wessel, 87 Rtl. zu einem Geschenk in Höhe von insgesamt 174 Rtl bei.
1865 Der Ortsvorstand leiht sich von einen Neubürger dessen Bargeld in Höhe von 75 Rtl., und läßt die Kalderbergquelle einfassen. Diese befindet sich im Besitz von Schuhmacher Friedrichs - DetmoIderstraße 7 (Später Posthalterei Brathuhn). Am Simonsplatz baut man einen Wasserbehälter für Feuerlöschzwecke. Das überschüssige Wasser war bis dahin den Gehrenberg hinabgelaufen.
1872 Beschwerden beim Ortsvorstand weil schon seit Monaten die Wasserleitung kaputt ist.
1875 Mitten im sehr kalten Winter versagte die Pumpe am Simonsplatz und die Anwohner mußten die Kappe vom Feuerlöschbassin nehmen. Das verschüttete Wasser beim herausziehen der Eimer, ließ alles vereisen.
1881/82 Durch die fortschreitende Bebauung der Holterstraße wird der offene Brunnen vor dem Küsterhause (Hauptstraße 82) immer mehr benutzt, da die Privatbrunnen nicht genug Wasser führen. Da dieser Brunnen offen ist bitten die umliegenden Bewohner die Dorfschaft diesen mit einer Pumpe zu versehen. (36 Unterschriften) in der Bittschrift heißt es: Es sind schon Menschen nachts hineingefallen, die aber gerettet werden konnten. Für Kinder aber ist es sehr gefährlich. Auch ist schon mal von einen Wagen Mist hineingefallen, so daß wochenlang das Wasser unbrauchbar war. Der Gemeindeverstand lehnte eine Pumpe ab.
1882 Die Dorfschaft läßt sich nun einen Kostenanschlag für eine neue Wasserleitung anfertigen. Diese wird vom Regierungsbaumeister Petri in Detmold aufgestellt. Darin heißt es: Die bestehende Wasserleitung besteht aus Holz-Steinzeug und Eisenröhren. 720 mtr. müssen total erneuert werden, ebenso müssen dann 6 Stück Oberflurhydranten aufgestellt werden. Die Erschließung neuer Quellen ist ebenso notwendig. Hierzu gehörte auch die Aufdeckung des alten Stollens unter dem Tönsberge. Die Dorfschaft hatte aber kein Geld und war nicht bereit die Bürgerschaft zu belasten da diese im Dorfsgemeinderat ja das Sagen hatte.
1886 Baumeister Petri macht ein Angebot für ein neues Objekt. Die Erschließung der Quelle bei heutigen Hedwigsheim (Wilder Jäger). Von hier aus sollte das dort zutage tretende Wasser durch eine natürliche Abflußleitung zu einem 80 cbm. fassenden Hochbehälter auf dem Röden geleitet werden. Der Höhenunterschied konnte durch eine Verlängerung der direkten Entfernung von 460 Metern auf 660 Meter umgangen werden. Dieses 11.000 Mark-Angebot kam ebenfalls nicht zur Ausführung.
1887 Bergbewohner haben eine eigene Wasserleitung für ihre Häuser gebaut und bitten um einen Zuschuß. (wahrscheinlich vom Piperbrunnen bei Kramers Hause).
1887 Die Bewohner der Sauernstraße (Holterstraße) bitten um Wasserversorgung.
1892 Antrag mit 88 Unterschriften für eine neue Wasserleitung oder Erweiterung der vorhandenen Leitung.
1896 Der nun endlich neue Ortsvorstand erklärt die vorhandene Wasserleitung als Interessentenleitung. Damit müssen alle Unkosten die bei dieser entstehen, auch allein von diesen getragen werden.
1898 Erste Beratung über Anlage eines Wasserwerkes in Verbindung mit einem Elektrizitätswerk.
1901 Die Anlage eines Wasserwerkes wird grundsätzlich beschlossen.