Noch 1911 gab es für jede Familie nur einen Eimer Wasser am Tag
In Zeiten der zentralen Wasserversorgung undenkbar - Bei den Kanalarbeiten stummen Zeugen einer harten Zeit entdeckt
Oerlinghausen (heu). Die Bauarbeiten im Kreuzungsbereich Niedernstraße, Hauptstraße haben Seltenes zu Tage gebracht: Bei den Ausschachtungsarbeiten für den neuen Kanal entdeckten die Arbeiter einen alten Brunnen. Nachforschungen ergaben: Der 13 Meter tiefe Schacht war während der großen Trockenheit 1911 eine der letzten Wasserquellen in der Bergstadt. Als wenig später die zentrale Wasserversorgung in Oerlinghausen installiert wurde, verschwand das 1,30 Meter breite und aus Bruchsteinen gemauerte „Loch“ unter der Straßenoberfläche. Jetzt kommt das Baudenkmal vielleicht zu neuen Ehren: Wenn der Brunnen aktiviert werden kann, soll er wieder aufgebaut werden, entschied der Bauausschuß. In den nächsten Tagen will der Landeskonservator den Schacht begutachten, der vorläufig wieder mit einer Sandschicht abgedeckt wurde.
Dem alten Brunnen auf der Ecke Niedernstraße, Hauptstraße zu neuem Glanz zu verhelfen, wäre für die Bergstadt nicht ganz billig: Rund 15.000 Mark soll die Maßnahme kosten, lauten die vorsichtigen Schätzungen des Bauamtes: „Wenn wir etwas Vernünftiges machen wollen." Der Aufwand könnte der Sache gerecht werden. Denn der alten Brunnen ist einer der letzten Zeugen einer harten Zeit.
1911 litt ganz Oerlinghausen unter einer Dürre. Fast alle Wasserstellen in der Bergstadt waren versiegt. Und auch aus dem Brunnen an der Niedernstraße floß das kühle Naß nicht unbegrenzt.
„Nur stundenweise wurde der Brunnen geöffnet, sonst war er mit einer Kette versiegelt“, erinnern sich geschichtskundige Bergstädter. Jeder Familie stand pro Tag ein einziger Eimer Wasser zur Verfügung - kein Wunder, daß sich die damaligen Stadtväter nach der großen Trockenheit entschlossen, eine zentrale Wasserversorgung einzurichten.
Im Zuge dieser Arbeiten muß der 13 Meter tiefe Brunnen dann auch verdeckt worden sein. Immerhin wurde er nicht ganz zugeschüttet. Die Bauarbeiter fanden vielmehr einen völlig intakten Schacht vor, als sie mit einem Bagger den Boden für die neue Kanalisation aushoben. Möglicherweise werden sie in nächster Zeit noch auf einen weiteren stummen Zeugen stoßen: Denn auch unter dem Simonsplatz befindet sich ein alter Brunnen. Über dessen Zustand weiß aber niemand etwas. Fest steht jedoch: In die künftige Gestaltung dieses Platzes ließe sich ein Brunnenbauwerk sehr gut einbeziehen.
Nicht ganz so einfach ist dies an der Niedernstraße. Wird auf dem Brunnen wieder ein Pumpenwerk aufgebaut, muß die Fahrbahn auf beiden Seiten verlegt werden. Den Politikern wäre es die Sache wert, Bauausschußvorsitzender Adolf Bembenek: „Wenn etwas gebaut wird, muß es auch das Stadtbild bereichern.“ Die Verwaltung erhielt nun den Auftrag, ein entsprechendes Konzept zu erarbeiten. Sollte sich schon vor der nächsten Ausschußsitzung herausstellen, daß der Brunnen noch Wasser führt, können die Sicherungsarbeiten sofort begonnen werden. Sonst wollen die Politiker noch einmal darüber sprechen - möglicherweise verschwindet dann der alte Brunnen wieder unter der Erde.