Sitten und Gebräuche in Oerlinghausen - Das Osterfeuer

Auszug aus dem Buch „Die Geschichte der Bergstadt Oerlinghausen“ von Hermann Diekmann

 

Von all den alten Sitten und Gebräuchen, die früher in Oerlinghausen anzutreffen waren, haben sich leider nur verschwindend wenige erhalten. Doch sind sie es wert, sie niederzuschreiben, damit sie nicht der Vergessenheit anheimfallen. Erhalten bis auf den heutigen Tag haben sich die Osterfeuer, und die Sonnwendfeuer haben sich seit der nationalsozialistischen Erhebung von neuem erfreulicherweise eingebürgert. Zu den größten und schönsten Feuern gehört ohne Zweifel das jedes Jahr neben dem Windmühlenstumpf abbrennende Riesenosterfeuer. Tausende von Fremden werden jedes Jahr auf die Höhe des Tönsberges gelockt, um sich an dem prächtigen Schauspiele zu erfreuen. Auch unser Feuer schlägt seine Wurzeln zweifellos in die graue Vorzeit zurück. Seit 1922 hat sich der Verein für Natur- und Heimatkunde dieser alten Sitte angenommen. Alljährlich läßt man eine Liste Hemmgehen, in die jeder vermerkt, was er zu geben gedenkt, sei es Bargeld, sei es Brennholz. Das letztere wird dann mehrere Tage vor dem Feste zu dem Windmühlenstumpf auf dem Tönsberg gefahren. Es mögen wohl 12 bis 20 Fuder sein, die man dorthin schafft, ein gehöriges Stück Arbeit, zu dem zwei handfeste Gäule gehören. Das Ganze wird dann reichlich mit Öl begossen, das eine freundliche Firma gestiftet hat ….. . Früher waren wir nicht so üppig! Da waren wir froh, wenn wir 1 Liter Steinöl hatte und das war noch dazu mitunter vom Krämer mit Wasser verdünnt! Aber schöner war es früher doch. Man mußte 10 Jahre alt sein, ehe man sich an dem Zusammentragen von Reisig, Bäumen, Teertonnen und wie die Herrlichkeiten alle hießen, beteiligen durste. Die Jüngeren waren eben noch nicht flink genug und ließen sich möglicherweise ertappen. Nur wer besonders groß und kräftig von Gestalt war, durfte ausnahmsweise schon mit 9 Jahren „schlürn“ (schleppen). Zu diesen Glücklichen gehörte auch ich. Zuvor wurden wir einigen Proben im Laufen unterzogen; klappte dabei alles, dann konnte die Geschichte losgehen, wobei mancherlei Verhaltungsmaßregeln verzapft wurden. Wenn zum Beispiel der Gendarm kam (Mottenfritken, von uns genannt), galt es, sich eiligst nach allen Himmelsrichtungen zu zerstreuen, damit er keinen erwischte. Auf keinen Fall durste dabei die Richtung nach dem elterlichen Hause eingeschlagen werden. Und woher bekamen wir das Holz?

Nun, Stellen, wo nach unserer Meinung das Holz nutzlos war, gab es überall. Diese waren schon zeitig im Frühjahr ausgekundschaftet. Etwa 6 Wochen vor Ostern wurde dann mit dem „Schlürn“ begonnen, und zwar an einem Sonntage, da dann alle Jungen Zeit hatten. Die Eltern sahen übrigens unser Treiben nicht immer gern, vor allen Dingen dann nicht, wenn die Jüngeren noch einen guten Anzug besaßen und die Größeren mit dem Konfirmationsanzug bekleidet waren. Mein Freund Karl zog deshalb mit Vorliebe über die Konfirmationshose eine alte Maurerhose, die er von seinem älteren Bruder ohne dessen Wissen entliehen hatte. Ein großer Braken diente als Wagen, und man türmte soviel wie eben möglich oben darauf. Wenn dann alle ihren „Wagen“ bepackt hatten, zog die Karawane los, eine mächtige Staubwolke hinter sich lassend. Aber nicht immer kam man glücklich bis zur Osterfeuerstelle. Wir mußten nämlich durch Gegenden hindurch, wo andere Jungen ebenfalls im Begriff waren, sich ihr Feuer zu machen, und die interessierten sich merkwürdigerweise außerordentlich für unserer Hände Arbeit. Anfangs fielen nur leicht beleidigende Äußerungen, wie: „Dat es jo blaut 'n Kreiggensch ….. .“ usw., bis die Plänkelei in reguläre Tätlichkeiten überging. Wir Jungen fürchteten uns vor den großen Kerlen, aber unsere Vierzehnjährigen verteidigten sich und uns wie die Löwen. Wer dabei weinte, durfte nicht wieder mit. Einmal überraschte uns auch der Gendarm „Mottenfritken“. Ein Großer war gerade im Begriff, einen Überständigen, den er abgesagt hatte, auf seine Schulter zu heben. Wie der Wind waren wir nach allen Himmelsrichtungen auseinandergeeilt und gelangten wohlbehalten am Feuer an; und, siehe da, am andern Morgen war richtig auch der Baum da! So ging es bis zum Palmsonntag. Vom Grünen Donnerstag bis Osterabend herrschte gewöhnlich Hochbetrieb. Dann gaben auch wohl die älteren Leute ihr Scherflein, meist 1 Pfennig, wenn's hoch kam auch wohl 2! Auch Bundholz, alte Bretter, Teertonnen, Teerpappe und Reisig waren willkommene Gaben. Zudem erhielten wir vom Dachdecker als höchsten Schatz eine ziemlich große Teertonne, die, auf einen Baum gestellt, die Krone des Feuers bildete.

Unsere Kriegskasse enthielt meist 24 Pfennig, die gerade für 1 Liter Petroleum reichten. Manchmal waren wir aber auch üppig und kauften für 2 Pfennig Bolchen! Die bekamen aber die Großen. Am 1. Ostertage und am Ostersonnabend mußten wir mächtig auf der Hut sein. Dann lag einer besonders starken Mannschaft die Bewachung des Feuers ob. Kam es doch nur zu häufig vor, daß Jungen eines Nachbarfeuers bei uns Umschau hielten, ob nicht dieser oder jener Baum aus ihrem Reviere stamme, den wollten sie dann merkwürdigerweise immer wiederholen. Das führte dann mitunter zu Plänkeleien, die nicht immer zur Zufriedenheit der Beteiligten abliefen. Selbst in den Mittagsstunden des Ostertages konnte das Feuer nicht unbewacht gelassen werden, ein betrübliches Zeichen, wie tief die Moral bei unseren Nachbarn gesunken war!

Fiebernd vor Sehnsucht erwarteten wir nun den Hereinbruch der Dunkelheit. Doch mit dem Abbrennen des Holzstapels hatte es noch gute Weile. Niemand wollte der Erste sein. Das war Ehrensache! Um die Nachbarn zu täuschen, besorgten wir uns in der Dunkelheit noch schnell sehr trockenes Reisig vom kleinen Tönsberge, und, wenn der Haufen groß genug war, wurde er abseits vom großen Feuer angezündet. Lichterloh schlugen die Flammen gen Himmel. Nun glaubten die Nachbarjungen in der Holter Straße und am Steinbült, das große Feuer brenne und zündeten auch das ihrige an, zu unserer großen Freude. Unser Holzstapel wurde erst in vorgerückter Stunde, etwa gegen 9 Uhr, abgebrannt, und zwar folgendermaßen: Nachdem das Liter Petroleum von „Sachkundigen“ untersucht war, ob der Krämer nicht etwa dem Steinöl Wasser zugefügt hatte, kletterte ein Junge mit der Flasche obenauf und verteilte das Petroleum gleichmäßig über den Stapel. Das Recht, diesen anzuzünden, nahm „Teide“, ein älterer Mann, ohne weiteres für sich in Anspruch. Die ganze umstehende Jugend sang dazu immerfort nur eine inhaltsschwere Strophe: „Das Feuer, das brennt so sehr!“ Um ein allzu schnelles Erlöschen des Osterfeuers zu vermeiden, fingen die größeren Jungen wieder an, von den benachbarten Teilen Holz zusammenzutragen, bis dann endlich gegen Mitternacht nur noch ein Haufen Holzkohle übrigblieb. Dieser gehörte rechtmäßig dem Besitzer des Grund und Bodens. Doch schien die Holzkohle auch von anderen Leuten als Düngemittel geschätzt zu sein; denn einmal ist es vorgekommen, daß ein großer Teil derselben entwendet wurde, und das in der Osternacht!

In der geschilderten Form vollzog sich Jahr für Jahr die Herrichtung des Osterfeuers, sei es auf dem Brachtshof, dem Steinbült, der Sandkuhle, dem Tönsberge, der Steinkuhle oder wer weiß sonst wo.

Wie ganz anders ist das heute geworden! Mit der neun Zeit ist auch eine neue Jugend großgezogen. Heuer ist's still vor Ostern. Kein Bengel rührt sich und macht Anstalten, selbst ein würdiges Feuer herzurichten. Von 6 Osterfeuern ist gar keine Rede mehr. Nur eins ist geblieben, und das ist das traditionelle Riesenosterfeuer auf dem Tönsberge. Möge es von nun an jedes Jahr bei herrlichstem Wetter in die Lande leuchten!