Die Jahrhunderthochzeit
Stadtgeschichte - Heute vor 125 Jahren heirateten zwei der prominentesten deutschen Geisteswissenschaftlerin der Oerlinghauser Kirche - Marianne und Max Weber
[Bild: Intellektuelles Traumpaar. Marianne und Max Weber wurden vor 125 Jahren in Oerlinghausen getraut. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Marianne Weber Institut]
[Bild: Historischer Ort. Inge Berghoff, die hier einige Werke der Webers zeigt, wünscht sich eine Gedenktafel für die beiden bekannten Geisteswissenschaftler an der Oerlinghauser Kirche. | © Horst Biere]
Oerlinghausen. Sie waren wohl das berühmteste Brautpaar, das jemals in der Oerlinghauser Kirche getraut wurde - Marianne und Max Weber. Marianne, die intellektuelle Frauenrechtlerin mit Ehrendoktorwürde, die als eine der ersten Frauen in ein deutsches Parlament einzog und Max, der große Soziologe und Nationalökonom, der heute noch als der Vordenker einer christlich-sozialen Wirtschaft gilt. Sie heirateten am 20. September 1893.
Warum die Hochzeit gerade in Oerlinghausen stattfand? Marianne Weber, geborene Schnitger, kam 1870 in der kleinen lippischen Gemeinde am Tönsberg als Tochter des Arztes Eduard Schnitger und seiner Frau Anna, geborene Weber, zur Welt. Nach dem frühen Tod der Mutter zog ihr Vater mit seiner kleinen Tochter zu seinen Verwandten nach Lemgo. Marianne ging dort über ein Jahrzehnt zur Schule und kehrte danach für einige Jahre zu ihren Großeltern, der Fabrikantenfamilie Weber nach Oerlinghausen zurück.
Vorgesehen waren für beide ursprünglich andere Ehepartner
[Bild: Intellektuelles Traumpaar. Marianne und Max Weber wurden vor 125 Jahren in Oerlinghausen getraut. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Marianne Weber Institut]
Als sie - wie damals üblich - zu einer „Höhere-Tochter-Ausbildung“ für einige Monate bei Verwandten in Berlin lebte, lernte sie Max Weber, ihren Onkel, kennen und die beiden verliebten sich ineinander. Die Folge: ein Riesentheater in der Familie. Nicht weil die beiden miteinander verwandt waren, sondern weil beide bereits für andere Ehepartner vorgesehen waren. Doch allmählich dämmerte auch ihren aufgeregten Verwandten, dass die beiden völlig auf einer geistig-seelischen Wellenlänge lagen und vor allem, dass sie sich immer mehr liebten und zusammen wuchsen.
Die junge Marianne Schnitger passte nicht in das gesellschaftliche Frauenbild des späten 19. Jahrhunderts. „Zu selbstständig, besaß schon früh eine eigene Meinung“, berichten Zeitgenossen über die junge Frau. „Dass dieses absonderliche Mädchen ein solches Los ziehen würde - wer hätte das gedacht“, schrieb Max Webers Mutter in einem Brief kurz vor der Hochzeit. Denn ihr Sohn Max galt damals schon als künftiger großer Wissenschaftler und somit als erstklassige Partie. Da brauchte man keine engagierte, intellektuelle Frau, sondern eine, die hinter ihrem Mann stand und ihr Haus bestens in der Gesellschaft repräsentierte. Letztlich aber akzeptierte sie doch die Wahl ihres Sohnes Max.
An Pfingsten 1893 verlobten sich Marianne Schnitger und Max Weber in Oerlinghausen, eher im kleinen Kreis. Im September 1893 fand dann die Hochzeit in großem familiären Rahmen statt - mit Trauung in der evangelischen Kirche und Hochzeitsfeier im Scherenkrug in der Nähe des Gutes Niederbarkhausen.
„Zwei Tage vorher setzten die Familienvorstände Carl David Weber und sein Bruder Max Weber senior den Ehevertrag auf, ohne das Brautpaar zu fragen“, sagt Inge Berghoff, die sich intensiv mit der Familiengeschichte befasst hat. Zwar herrschte Gütergemeinschaft, doch dem Ehemann Max Weber standen alle Rechte zu.
„Bei diesen patriarchalischen Verhältnissen - da kann man als Frau schon zur Frauenrechtlerin werden,“ fügt sie lächelnd hinzu, „Marianne war schließlich eine gute Partie mit viel Mitgift aus dem Leinengeschäft der Unternehmerfamilie Weber, und ihr Mann Max Weber damals eher noch ein geringer bezahlter Professor.“
Aus ganz Deutschland reisten Gäste aus der High Society zur Hochzeit nach Oerlinghausen - aus Berlin, Leipzig, Essen, Straßburg, denn überall lebten die begüterten Verwandten und Hochschulkollegen des jungen Paares. Die Fabrikantenfamilie Weber freute sich, ihren schönen Landsitz, die Villa im Park an der Detmolder Chaussee so bedeutenden Gästen öffnen zu können.
Max Weber begleitete seine Frau bis zur Tür des Hörsaals
Professor Otto Baumgarten, ein entfernter Verwandter des Brautpaars und einer der bedeutendsten evangelischen Theologen seiner Zeit, hielt die Predigt in der Alexanderkirche. Er lobte später den Rahmen des Festes in Oerlinghausen und die Gastfreundschaft der Familie Weber. Die Hochzeit der beiden sei „mit Blumen umsponnen“ und von einer „Fülle holder Verse“ begleitet worden.
Der Fabrikant Karl Möller aus Brackwede (später Möllerwerke), der die Weber-Tochter Hertha geheiratet hatte, hielt eine Tischrede, in der er Mariannes verstorbener Mutter Anna gedachte. „Ein Ereignis von unvergleichlicher Poesie“ sei ihre Hochzeit in Oerlinghausen gewesen, sagte Marianne Weber auf ihrer Silberhochzeit im Jahre 1918, als der Erste Weltkrieg gerade zu Ende ging. Auch diese Hochzeitsfeier fand wieder - im bescheidenen Rahmen - in der Bergstadt statt.
Die Ehe von Marianne und Max Weber galt als sehr glücklich, blieb aber kinderlos. Die Beiden unternahmen viele Reisen nach Italien, nach England oder in die USA. Bereits 1894 zog das Paar nach Freiburg, weil Max dort eine Professur für Nationalökonomie antrat. Drei Jahre später gingen sie nach Heidelberg weil er dorthin als Professor berufen wurde. Er förderte seine Marianne nach Kräften, um ihr ein Studium zu ermöglichen, was für eine Frau damals weitgehend unmöglich war. „Max Weber hat beim ersten Mal seine Marianne sogar bis an die Hörsaaltür der philosophischen Fakultät begleitet“, berichtet Inge Berghoff überden Beginn ihrer Karriere. „Sie war eine sehr kluge, emanzipierte Frau“.
Marianne Weber zog als erste Frau ihrer Partei ins Parlament in Baden ein
In Schriften und Büchern engagierte sich Marianne Weber schon Anfang des 20. Jahrhunderts für die Rechte der Frau. Als mit dem Ende des Kaiserreiches 1918 auch die Frauen ein politisches Stimmrecht und das Wahlrecht erhielten, wurde Marianne Weber in ihrem Engagement endlich bestätigt. Sie selbst kandidierte in Heidelberg für die Badische Nationalversammlung und zog als erste Frau ihrer Partei ins Parlament ein. Von 1919 bis 1923 bekleidete sie ein weiteres nationales Amt: Sie war die erste Vorsitzende des Bundes Deutscher Frauenvereine. Aber der plötzliche Tod ihres erst 56-jährigen Mannes Max im Jahre 1920 stürzt sie in eine schwere Krise, die sie nur durch das Schreiben seiner Biografie langsam überwand. Noch 1921 verlieh ihr die Universität Heidelberg die Ehrendoktorwürde. Marianne Weber starb 1954 im 84. Lebensjahr in Heidelberg.