Marianne Weber - die berühmteste Frau der Bergstadt
Stadtgeschichte - Vor 150 Jahren wurde die bekannte Frauenrechtlerin, Wissenschaftlerin und erste Parlamentarierin in Oerlinghausen geboren. Sie heiratete Max Weber in der Alexanderkirche.
[Bild: Marianne und Max Weber]
Oerlinghausen. Sie galten als intellektuelles Traumpaar am Anfang des 20. Jahrhunderts - Marianne und Max Weber: Max, der bedeutende deutsche Soziologe und Nationalökonom, und Marianne, die schon zu Kaisers Zeiten eine Hochschullaufbahn einschlug, zu einer engagierten Frauenrechtlerin wurde und schließlich als erste Frau in ein deutsches Parlament in Baden einzog. Beide lebten in Heidelberg, doch beide hatten ihre Wurzeln in Oerlinghausen. Sie stammten aus der weit verzweigten Leinenhandelsfamilie der Webers. Max war Mariannes Großonkel, doch das störte offenbar niemanden. Das Paar heiratete 1893 in der Alexanderkirche, die Hochzeitsfeier fand im Scherenkrug statt. Sie betrachteten die Bergstadt stets als ihre zweite Heimat.
Vor 150 Jahren, am 2. August 1870, wurde die bedeutende Oerlinghauserin als Marianne Schnitger, in ihrem Elternhaus an der Detmolder Chaussee Nr. 3 geboren. Mariannes Vater, der Mediziner Eduard Schnitger, stammte aus Lemgo, zog aber bereits als junger Arzt nach Oerlinghausen. Ihre Mutter Anna war die älteste Tochter von Carl David Weber, des Gründers des Leinenhandelshauses Ceweco. Tragisch allerdings begann Mariannes Kindheit. Als sie drei Jahre alt war, starb ihre Mutter bei der Geburt ihrer zweiten Tochter. Kurz danach verstarb auch das Kind.
Nach ihrer Rückkehr lebte sie als Haustochter bei Tante und Onkel
[Bild: Dr. Martheus-Haus an der Detmolder Straße Nr. 3. (heute Praxisgemeinschaft Kochsiek/Übelacker). An dieser Stelle stand zuvor das Geburtshaus von Marianne Weber. | © Repro Horst Biere]
Nach dem Tod seiner Frau zog Eduard Schnitger mit seiner kleinen Tochter zurück nach Lemgo. Marianne wurde dort im Haus ihrer Großmutter und ihrer Tante erzogen. Sie besuchte von 1877 bis 1886 die Städtische Töchterschule in Lemgo (das heutige Marianne-Weber-Gymnasium) und danach die Höhere Töchterschule in Hannover. Doch Marianne kehrte bald wieder zurück zur Familie der Mutter nach Oerlinghausen. Sie wohnte in der „Müllerburg“, im Haushalt ihrer Tante Alwine und ihres Onkels Bruno Müller - als Haustochter der Fabrikantenfamilie.
[Bild: Marianne Weber als Teenager. Als sie nach der Höheren Töchterschule wieder nach Oerlinghausen zurückkam wurde Emilie Melm zu ihrer besten Freundin. | © Repro Horst Biere]
Marianne Schnitger liebte das ruhige, beschauliche dörfliche Leben in Oerlinghausen. In ihren späteren Erinnerungen schreibt sie schwärmerisch: „Das Dorf Oerlinghausen umrandet den Bergrücken bis in die Senne hinein. Auf der anderen Seite von Bielefeld aus, windet sich eine weiße Chaussee an Feldern und Wiesen entlang in breiten Kurven zur Höhe.“ Doch offenbar war es zu ruhig für die aktive und belesene, junge Frau, denn sie fügte auch hinzu: „Wer jung und lebenshungrig ist, spürt Fernweh.“
Die Apothekertochter Emelie (Milly) Melm, die später den Schwalenberger Apotheker Carl Wachsmuth heiratete, wurde zu ihrer besten Freundin. „Eine gleichaltrige Freundin tat sich auf. Milly, ein schönes, liebes Mädchen, das ein Jahr lang auf einem Konservatorium Weltluft geatmet hatte. Wir beide verstanden uns gut in unserer Sehnsucht nach der Weite. Die gemeinsamen Ausflüge mit der Postkutsche oder zu Fuß waren nicht häufig, aber erquickend.“ In eine ganz neue Richtung entwickelte sich Mariannes Leben, als sie 1892 bei Verwandten in Berlin wohnte. Sie lernte dort ihren Mann, den sechs Jahre älteren Max Weber kennen.
Max Weber hatte gerade eine außerordentliche Professur für Handelsrecht an der Universität Berlin übernommen. Sie verliebten sich ineinander. Nur eineinhalb Jahre später heirateten die Beiden in Oerlinghausen. „Ein Ereignis von unvergleichlicher Poesie“ sei ihre Hochzeit gewesen, sagte Marianne Weber später.
Nicht lange danach zog das Paar nach Freiburg und wenig später nach Heidelberg. Max Weber machte in jener Zeit Karriere als Wissenschaftler und übernahm 1894 einen Lehrstuhl an der Universität Freiburg und 1896 an der Universität Heidelberg. Aber stets ließ er seiner Marianne genügend Freiraum für eine eigene Karriere - was bei weitem nicht selbstverständlich war am Ende des 19. Jahrhunderts. Bereits in Freiburg studierte Marianne Weber an der philosophischen Fakultät der Universität. In Heidelberg besuchte sie die Vorlesungen des großen Philosophen Karl Jaspers. „Sie war eine sehr kluge, emanzipierte Frau“ sagten Zeitgenossen.
In Schriften und Büchern engagierte sich Marianne Weber bereits Anfang des 20. Jahrhunderts für die Rechte der Frau. Als mit dem Ende des Kaiserreiches 1918 auch die Frauen ein politisches Stimmrecht und das Wahlrecht erhielten, wurde Marianne Weber in ihrem Engagement endlich bestätigt.
Noch im November 1918 schrieb sie eine Broschüre, die massenhaft verteilt wurde: „Die Bedeutung des Frauenstimmrechts und das Wesen der politischen Parteien.“ Sie selbst kandidierte in Heidelberg für die Badische Nationalversammlung. Das Wahlergebnis war überraschend: Marianne Weber zog als erste Frau ihrer Partei ins Parlament ein.
Von 1919 bis 1923 bekleidete sie ein weiteres nationales Amt: Sie war die erste Vorsitzende des Bundes Deutscher Frauenvereine. Aber der plötzliche Tod ihres Mannes 1920 stürzt sie in eine schwere Krise, die sie nur durch das Schreiben seiner Biografie langsam überwand. Noch 1921 verlieh ihr die Universität Heidelberg die Ehrendoktorwürde.
Doch Marianne Weber beendete ihre eigene politische Karriere und begann Stück für Stück das Lebenswerk ihres Mannes aufzuarbeiten. Später, im Jahre 1929, meldete sie sich mit Vorträgen aus ihrem eigenen Lebenswerk über die gewachsene Rolle der Frau noch einmal zurück. Nach der Machtergreifung der Nazis im Jahre 1933 trat sie nicht mehr öffentlich auf. Marianne Weber starb im 84. Lebensjahr am 12. März 1954 in Heidelberg.