Brief zum Ruhestand von Bürgermeister August Reuter

an Herr Irrgang

 

Reuter Bürgermeister im Ruhestand

Oerlinghausen 15. Juli 1933

 

Sehr geehrter Herr Irrgang!

von Herrn Hesse hörte ich das beschlossen sei, mich endgültig in den Ruhestand zu versetzen, und das auch Sie an dieser Tatsache nichts mehr zu ändern von möchten. Trotzdem wende ich mich heute nochmals an sie mit der Frage, was nun eigentlich die Ursache dieses schroffen Vorgehens gegen mich ist. Was habe ich getan, dass man mich endgültig aus meinem Amt entfernt? Was habe ich getan im Vergleich zu anderen lippischen Kollegen?

Bis heute weiß ich noch nicht einen einzigen Anklagepunkt. Ich habe mich deshalb bisher zu keinem einzigen Punkte äußern können. Was man bei Gericht jedem Angeklagten zubilligt, nämlich sich zu den Anklagepunkten zu äußern, das kann man mir doch nicht verweigern.

Herr Hesse sprach davon mein Verhalten nach dem 30. Januar 1933 hätte Anlaß gegeben, mich für politisch unzuverlässig zu erklären. Politisch habe ich mich nicht betätigt, und ich darf für mich in Anspruch nehmen, daß ich ein gewissenhafter und zuverlässiger Beamter gewesen bin. Einzelheiten konnte mir auch Herr Hesse nicht sagen. So überlege ich, was es wohl sein könnte, durch, durch das ich mir ein solch vernichtendes Urteil zugezogen haben könnte.

Zweierlei Maßnahmen tauchen vor mir auf, die man mir von nationalsozialistischer Seite schon früher mal zum Vorwurf gemacht hat:

1.      Ich soll mich bei einer Verhandlung über die Neubildung des Kreisausschußes Lemgo als „mit der Sozialdemokratie verbunden“ erwiesen haben. Tatsache ist, daß ich durch mein Verhalten (Mandatsniederlegung im Kreistag) der NSDAP den Weg frei gemacht habe für den Kreisausschuß. Mein Verhalten ist damals auch von der NSDAP dadurch anerkannt und gebilligt worden, daß ich von der NSDAP einstimmig in den Kreisausschuß wiedergewählt wurde. Ich habe dann im Kreisausschuß mit den Vertretern der NSDAP zusammengearbeitet. Damals scheint mithin nach den tatsächlichen Verhältnissen und nach den ganzen Umständen mein Verhalten, auch von der NSDAP nicht als verdammenswert angesehen worden zu sein.

In den Kreistag habe ich mich seinerzeit nur wählen lassen - das habe ich immer betont und das ist auch ortsbekannt - damit ich die Interessen der Stadt Oerlinghausen vertreten konnte. Das ist geschehen. Diese kurze einjährige Episode meiner Zugehörigkeit zum Kreistag und zum Kreisausschuß kann doch unmöglich jetzt mir zum Fallstrick gemacht werden. Ich habe doch nichts für mich erreicht, sondern nur für die Stadt Oerlinghausen (Übernahmen der Stadtstraßen und anderes). Ein Vorwurf aus dieser Tätigkeit im Kreisausschuß könnte mir doch nur dann gemacht werden, wenn ich persönliche Interessen oder die Interessen einer Partei in den Vordergrund gerückt hätte. Das wird ja wohl niemand behaupten wollen.

2.      Herr Landespräsident Dr. Krappe, machte mir bei seinem Hiersein mal den Vorwurf, daß ich mich bei einem Durchmarsch der SPD, der im Februar 1933 in Oerlinghausen stattfand, nicht richtig verhalten habe. Ich hätte erstens mehr Polizei anfordern müssen, zweitens habe meinen Bericht über die häßlichen Vorkommnisse beim Durchmarsch höchstes Erstaunen bei ihm hervorgerufen. Als ich Herrn Dr. Krabbe dann über diesen Bericht aufgeklärt hatte, sah er die Angelegenheit mit anderen Augen an.  Darf ich sie Ihnen kurz erläutern:

Der nationalsozialistische Stadtverordnete Paul Reuter beschwerte sich bei mir darüber, das während des Durchmarsches der SPD der Herr Reichskanzler in gemeinster Weise beschimpft worden sein. Leider konnte er selber keinen Täter nennen. Er bat mich aber, die Führer des Zuges zu vernehmen; sie müßten das Schreien auch gehört haben. Wenn ich mir auch nicht viel für die Aufklärung der Täterschaft davon versprach, so habe ich doch die Bitte des Stadtv. Reuter erfüllt. Sämtliche Führer des SPD-Zuges verneinten natürlich, irgendeinen Täter zu kennen. Stadtv. Paul Reuter hatte sich aber auch gleichzeitig bei der Landesregierung darüber beschwert, dass der SPD-Zug keine polizeiliche Begleitung gehabt habe.

Ich wurde von der Regierung aufgefordert, sofort einen Bericht zu machen. Diesem Bericht habe ich die Aussagen der SPD-Führer beigefügt. Das war ein Fehler, denn wie mir später gesagt wurde, ist dadurch der Eindruck hervorgerufen worden, als ob ich mich mit diesen Leuten identifiziere. In dem Bericht habe ich erwähnt, daß die mir zur Verfügung stehenden beiden Beamten anderweitig verwendet wurden:

a. Gendarmeriemeister Neese bei einer Versammlung im Scherenkrug zu Asemissen, wohin er vom Landespolizeidirektor beordert war.

b. Polizeimeister Dreischmeier bei einer Kinovorstellung der KPD.

Ich habe ferner erwähnt, daß bisher alle Durchmärsche der SPD ohne polizeiliche Begleitung vor sich gingen. Unter der Regierung Drake wäre eine solche Polizeibegleitung auch unmöglich gewesen.

Wenn es nun mein Fehler gewesen ist, nicht für genügend polizeiliche Begleitung des SPD-Zuges gesorgt zu haben, so muß ich diesen Fehler eingestehen. War diese Unterlassung (verursacht durch bisherige langjährige Übung) aber so schlimm, dass ich deswegen meine Bürgermeisterstelle verliere. Ich kann mir nicht denken, daß dies der Anlaß ist. Andererseits finde ich keine anderen Ursachen. Wiegen diese Fehler des Polizeiverwalters nicht die Verdienste auf, die ich mir als Bürgermeister in fast 15 Jahren um Oerlinghausen erworben habe? So klein denkt die NSDAP nicht, das alles nicht gelten soll, was ich in 15 Jahren geleistet habe. Ich bitte Sie, nochmals meine verzweifelte Lage zu überdenken und mir einen Rat zu geben. Ich vertraue so ganz auf Ihr gerechtes Urteil.

 

Ihr ergebener Reuter.