Häuserkampf rings um die Kirche

Ein fanatischer Kommandant verhinderte am Ende des 2. Weltkriegs die friedliche Übergabe Oerlinghausens an die Alliierten

 

[Bild: Sinnloser Militäreinsatz: Die deutschen Truppen bereiten sich auf die Kämpfe mit den Alliierten vor. Hier wird eines der letzten Geschütze über die Hauptstraße vor dem Stadthotel gerollt. | © Horst Biere]

Oerlinghausen. Um 18 Uhr am Ostersonntag 1945 fielen die ersten Schüsse in Oerlinghausen. Die amerikanischen Truppen waren von Schloß Holte her auf die Bergstadt vorgerückt. Zuerst noch mit leichter Munition feuerten die Geschütze der US-Soldaten vom Stukenbrocker Weg auf die Gegend rund um den Kastanienkrug und auf den Südhang des Tönsbergs.

Heftiges Feuer der letzten deutschen Truppen aus verschiedenen Stellungen schlug ihnen entgegen. Unerfahrene, minderjährigen Wehrmacht-Soldaten, die man im 62. Panzergrenadier Ersatz- und Ausbildungsbataillon noch in Uniformen gesteckt hatte, standen unter dem Befehl eines 24 Jahre alten Oberleutnants, der fanatisch den "Führerbefehl" des Kampfes bis zum letzten Mann befolgen wollte. Während die US-Truppen kampflos Schloß Holte und Lipperreihe eingenommen hatten, brach am Tönsberg alsbald die Hölle los. Verzweifelt hatten viele Oerlinghauserinnen zuvor am Rathaus versucht, den Kommandanten umzustimmen, um die Stadt mit weißen Fahnen zu übergeben. Vergebens.

Er wolle aus der Kleinstadt ein zweites Stalingrad machen, soll er gesagt haben. Auf Handzetteln hatte NS-Bürgermeister Möller die Oerlinghauser zum Verlassen der Stadt aufgefordert. Viele zogen mit Karren und Bollerwagen voller Habseligkeiten Richtung Asemissen und Helpup, die meisten aber blieben in den Kellern ihrer Häuser und warteten voller Angst auf ein Ende der Schüsse und Detonationen. Noch am Abend des ersten Ostertags gingen Häuser am Stukenbrocker Weg und auf Hof Sültemeier (heute Oerly-Musikschule) in Flammen auf. Am Ostermontag wurde es dramatisch im Oerlinghauser Zentrum. Kaum war es hell geworden, da rollten die schweren amerikanischen Panzer feuernd die Holter Straße entlang Richtung Kirche.

Begleitet wurden sie wie immer von den Stoßtrupps der US-lnfanterie. Auf dem Tönsbergkamm, an der Windmühle, am Südhang des Berges und auch im Bereich der Schopke hatten sich die deutschen Soldaten verschanzt, einige mit MGs, die meisten mit Karabiner, vereinzelt mit Panzerfäusten. Tatsächlich gelang es einem deutschen Trupp einen amerikanischen Panzer kurz vor der Alexanderkirche abzuschießen. Doch nur Minuten später sollen alle Wehrmachtssoldaten im Feuer der Amerikaner getötet worden sein. Haus um Haus nahmen die Alliierten ein. Die US-Soldaten besetzen auch das Pfarrhaus und die Kirche. Dreimal wechselte die Jugendherberge innerhalb weniger Stunden die Besetzer.

Scharfschützen der US-Truppen hatten sich im Kirchturm festgesetzt und schossen gezielt auf alles was sich bewegte. Immer mehr Häuser gingen in Flammen auf: das Gasthaus Elbracht an der Hauptstraße unmittelbar an der Kirche, die Häuser von Hansing, Hofbüker und Hilbrink an der Tönsbergstraße Nr. 7, 10 und 12. Das Gebäude der Familie Diekhof, Auf dem Berge 6 und letztlich Blankes Haus in der Pfarrstraße 3. Als ein deutscher Soldat im Bereich der Wehme getroffen wurde, rannte die junge Rotkreuz-Helferin Elfriede Schlüter aus der Pfarrstraße hinunter, um ihn zu verbinden. Doch bevor sie ihn erreichen konnte, wurde sie selbst von einer Kugel getötet.

Die damals zehnjährige Erika Obermark, die mit ihrer Familie im Keller ihres Hauses unterhalb des Piperwegs hockte, berichtet, wie sich die Amerikaner langsam den Tönsberghang empor kämpften. Als sich der erste US-Soldat, ein Farbiger, im Haus befand und aus dem Fenster auf die deutschen Trupps auf dem Berg schoss, habe ihr mutiger Großvater den Soldaten tatsächlich veranlasst, das Haus zu verlassen, um nicht durch das zu erwartende Gegenfeuer das Gebäude zu zerstören. Bis zum Abend des Dienstags nach Ostern dauerte die Schlacht um Oerlinghausen, dann war der Drei-Tage-Krieg am Tönsberg beendet und die letzten deutschen Soldaten hatten sich ergeben oder waren abgezogen.

Die Oerlinghauser, die für Tage im Keller gesessen hatten, kamen erstmals wieder aus ihren Häusern. Ihnen bot sich ein Bild des Schreckens. Überall lagen die getöteten jungen deutschen Soldaten in den Straßen und Gärten. Sie hatten völlig vergeblich eine kleine Stadt verteidigt, deren Namen sie wahrscheinlich vorher nicht einmal kannten. Trotzdem mussten über 70 von ihnen wegen des sinnlosen Durchhaltebefehls ihres Kompanieführers sterben - junge Männer von 17 bis 23 Jahren. Der Jüngste übrigens war ein erst 15-jähriger Flugschüler. Fünf zivile Oerlinghauser Opfer waren zu beklagen. Außer Friedchen Schlüter waren es Heinrich Heidenstecker, Heinrich Meier, Wilhelm Oberbeck und Otto Elbracht.

Am Tag nach Beendigung der Kämpfe am Tönsberg meldete der britische Sender BBC: "Gestern wurde der Ort Oerlinghausen im Teutoburger Wald endgültig besetzt, nachdem der heftige Widerstand der letzten deutschen Einheit gebrochen worden war. Damit ist der Ruhrkessel völlig geschlossen, es kann von außen kein Ersatz mehr hineinkommen".