A bittersweet time

Erinnerungen von US-Corporal Nate Blumberg an seine Zeit in Oerlinghausen im Frühjahr 1945

 

[Bild: Nathaniel Blumberg mit der erbeuteten Hakenkreuz-Fahne vor dem „Stadthotel" in der Oerlinghauser Hauptstraße.]

[Bild: Ansichtskarte von „Stadthotel“ und Rathaus, nach 1936.]

Prof. Nathaniel Blumberg: heute lebt er im US-Staat Montana, hat die 80 schon längst überschritten, fühlt sich aber noch immer „auf der Höhe“. Blumberg, geboren 1922 in Denver/Colorado, studierte Geschichte an der Universität Colorado und promovierte anschließend an der Universität Oxford über die deutsche kommunistische Bewegung nach dem Ersten Weltkrieg. Über 40 Jahre hinweg war er an verschiedenen großen Hochschulen und sogar für das US State Department tätig. Er schrieb zahlreiche Bücher und Artikel. Um die Jahreswende 1944/45 kam er als Gl auf den europäischen Kriegsschauplatz, kämpfte in der Ardennen-Schlacht und an der Ruhr. Im April 1945 gelangte er nach Oerlinghausen und versah dort bis Juni Besatzungsdienst.

Über das Internet lernte der Verfasser den amerikanischen Besatzungssoldaten kennen. Es entspann sich ein reger Austausch.

Oerlinghausen in der zweiten Hälfte des Aprils 1945. In der Kleinstadt an den Hängen des Teutoburger Waldes war der Zweite Weltkrieg bereits seit zwei Wochen vorbei. Drei Tage hatten die heftigen Kämpfe rund um die Bergstadt gedauert. Schließlich konnten amerikanische Truppen, Einheiten der 2nd Armored Division und der 30th Infantry Division, sie am 3. April einnehmen. Die Bilanz der blutigen Kämpfe war erschreckend: 71 gefallene deutsche, etwa 20 gefallene US Soldaten und fünf getötete Zivilisten.

Die US-Truppen zogen gleich nach den Kampfhandlungen weiter zur Weser - mit Stoßrichtung Berlin. Nur einige kleinere Einheiten blieben anfangs zurück, wurden dann aber durch nachrückende Verbände ersetzt.

Am 19. April 1945 erreichte das 666. US Feldartilierie Bataillon und mit ihm Corporal Nathaniel Blumberg das westliche Lippe.

Blumberg gehörte zur Batterie C („Charlie“) des 666. Feldartillerie-Bataillons. Das 666. war eines von vier Bataillonen mit traktorgezogenen 155 mm-Haubitzen-Bataillonen. Es wurde im Februar 1944 im texanischen Camp Bowie gebildet. Nach der Ausbildung der Rekruten landete es im November 1944 in Schottland und wurde am Heiligabend von England aufs europäische Festland verschifft. Bereits eine Woche später stand das Bataillon im ersten Gefecht bei Andrimont in den Ardennen und bestand seine Feuertaufe. Im Februar/März 1945 überquerte das Bataillon die Ruhr und zog durch das Rheinland (Krefeld, Moers) nach Duisburg-Marxloh.

Nach einigen Tagen Gefechtspause erhielt das Bataillon am 17. April 1945 den Befehl zum Abzug ins Gebiet östlich von Biele feld. „Nach 108 Kampftagen“, erinnert sich Blumberg, „folgten 666 und die Batterie C der Adolf-Hitler-Autobahn, dem Super-Highway, in eine kleine Stadt in den Bergen bei Bielefeld. Diesmal gingen die Geschütze nicht in Stellung...“. Der Auftrag: Besatzungsdienst. Das 666. FeldartiIlerie-Bataillon lag im Raum Lemgo Lage. Headquarter und Service-Batterie waren in Lemgo stationiert, die riesigen Ge schütze standen im Garten hinter dem Technikum in Lage. Die Soldaten der fünf Batterien wurden in den Hotels der Nachbarorte untergebracht, die Batterie C mit 102 Soldaten und vier Offizieren kam nach Oerlinghausen ins Stadt Hotel. In diesem Gebäude hatte sich von 1936 bis 1945 auch das Rathaus der Stadt befunden. „We have come from the heart of Texas to the heart of Germany”, schreibt Nate Blumberg in seinen Erinnerungen.

Im Foyer des Hotels stieß Blumberg auf einen Stapel Ansichtskarten, die das Rathaus bzw. Stadt Hotel mit der Hakenkreuzfahne zeigen. Daraufhin machte er sich auf die Suche nach der Fahne und fand sie schließlich in einer dunklen Ecke des Dachbodens. Blumberg nahm sie als Souvenir mit in seine Heimat. Noch heute bewahrt er das Erinnerungsstück auf.

In Oerlinghausen war „leichter Besatzungsdienst“ angesagt: Straßenpatrouillen, Brückenbewachung oder mitunter auch Haussuchungen nach Waffen. Abwechslung im Besatzungsalltag boten neben Filmvorführungen im beschlagnahmten Kino vor allem Softball-Spiele.

Diese leichtere Baseball-Variante war bei den GI‘s so beliebt, dass die einzelnen Teams der Batterien regelrechte Meisterschaften austrugen.

Besatzungsdienst bedeutete für die US Soldaten aber auch Langeweile. „A bittersweet time“, sagt Blumberg heute.

[Bild: Nathaniel Blumberg]

Nate Blumberg verfügte über journalistische Erfahrungen als Sportberichterstatter seiner Highschool Zeitung und später bei der Studentenzeitung an der Universität Colorado. Diese nutzte er, um eine Broschüre über das 666. Feldartillerie-Bataillon und seine Geschichte zu publizieren. Einen Tag nach der Kapitulation Deutschlands schloss Blumberg das letzte Kapitel in seinem Zimmer im Stadt Hotel ab. Nach der Genehmigung zur Veröffentlichung ging er mit seinem aufgesparten Sold und den Gewinnen aus diversen Pokerspielchen nach Lage in die Druckerei der Lippischen Volks-Zeitung. Keiner der Setzer oder Redakteure sprach Englisch, dennoch funktionierte die Zusammenarbeit, und nach einer guten Woche lagen 600 Exemplare der 32-seitigen Broschüre mit dem Titel „Charlie of 666“ bereit. Erscheinungsort: Oerlinghausen. „Charlie of 666“ gilt als erste veröffentlichte Geschichte einer US-Einheit im Zweiten Weltkrieg. Im Jahr 2000 legte sie Nate Blumberg - angereichert um zusätzliche Informationen, Erinnerungen und Fotos - erneut auf.

Noch ein weiteres Mal beschäftigte Blumberg die Setzer der Druckerei in Lage. Diesmal für die Herausgabe einer vierseitigen Batterie-Zeitung. Am 30. Mai 1945 erschien die erste von fünf Ausgaben von „The Recoil“ (deutsch: „der Rückstoß“, passend für eine Artillerieeinheit). Zwei Tage später rückte das Bataillon aus Oerlinghausen ab nach Österreich. Den Besatzungsdienst in der Bergstadt übernahmen nun die Royal Engineers der britischen 246. Field Company.

In den Jahren 1994, 1998 und 1999 kam Nathaniel Blumberg nach Europa, besuchte die Orte der Ardennenschlacht in Belgien und traf mit anderen Veteranen in einem Dorf in der Eifel zusammen. In Oerlinghausen aber war er seit dem Frühjahr 1945 nicht wieder.

 

Jürgen Hartmann

Literatur:

Nathaniel Blumberg: Charlie of 666. A Memoir of World War II. Wood Fire Ashes Press, Big Fork. Montana, 2000.

Nathaniel Blumberg ist per e-mail erreichbar unter: blumberg@cyberport.net.

„The Recoil“, Titel der Ende Mai 1945 in Oerlinghausen erschienenen Batterie-Zeitschrift.