Die Synagoge besteht seit 125 Jahren
Historiker Jürgen Hartmann berichtet anschaulich über die einstige jüdische Gemeinde und ihr Gotteshaus an der Tönsbergstraße
[Bild: An historischem Ort: Jürgen Hartmann, Isolde Müller-Borchert, Dirk Becker, Micheline Prüter-Müller und Kirsten Werner von der Stadt (v. 1.) stehen vor der ehemaligen Synagoge, die auf eine so lange und wechselvolle Geschichte zurückblicken kann. | © Karin Prignitz]
Oerlinghausen. „Oerlinghausen hat das seltene Glück, dass hier auf engem Raum mit der Synagoge und dem Friedhof noch jüdisches Erbe vorhanden und sichtbar ist“, sagt Jürgen Hartmann. Ein Stück weit sei das auch dem „schrägen“ Johann Sikka zu verdanken. Um wen es sich dabei handelt, das hat der Historiker am Sonntag in einem eindrucksvollen Vortrag zum 125-jährigen Bestehen der Synagoge Oerlinghausen erläutert.
Jürgen Hartmann hatte übereinen langen Zeitraum recherchiert und führte den Gästen im Bürgerhaus die wechselvolle Geschichte des einst sakralen Raumes anschaulich vor Augen. 2.200 Einwohner lebten vor 125 Jahren im Dorf, „95 Prozent waren Protestanten“. Dazu kamen zwei Dutzend Katholiken und knapp 50 jüdischgläubige Bürger.
"Fromm und gesetzestreu"
Bereits in den 1830er Jahren wuchs die jüdische Gemeinschaft Oerlinghausen beträchtlich, um 1870 erlebte sie ihre Blütezeit. „Sie galt als fromm und gesetzestreu“, das hat Jürgen Hartmann herausgefunden. Der Entschluss zum Bau einer Synagoge - der dritten an der Tönsbergstraße 4 - fiel in eine Zeit, da auch in Lippe antisemitische Bewegungen ihr Unwesen trieben.
Häme und Missachtung waren an der Tagesordnung. Die Existenzen der jüdischen Mitbürger waren bedroht. „Einige wünschten ihnen schlichtweg den Tod“, sagte Hartmann. Am Donnerstag, 26. Juli 1894 wurde die Synagoge (die erste entstand um 1801 oder 1802, die zweite um 1833) dennoch feierlich eingeweiht.
Sicher sei, dass es im Innern eine Frauenempore gab, dass ein Harmonium angeschafft worden sei, „vorherein absolutes Tabu“ und dass die Synagoge 1902 elektrisches Licht bekommen habe. Aus dem gut erhaltenen Baukontoblatt gehe auch hervor, führte Hartmann weiter aus, dass die Kosten für den Bau bei gut 6.400 Mark gelegen haben. „Für jeden der drei Synagogen bauten verschuldete sich die jüdische Gemeinde.“ Dass der Oerlinghauser Leinenfabrikant Carl Weber den Bau mit einer großen Spende unterstützt habe, „dafür gibt es keine verlässlichen Hinweise, es handelt sich also um eine Legende“.
1933 gehörten der Synagogengemeinde nur noch 19 Mitglieder an, darunter die Familien Bornheim, Heimann, Herz, Windmüller, Kulemeyer, Meyer und Paradies. Im Juli lebten nur noch fünf Mitglieder in Oerlinghausen und Antonie Meyer in Kachtenhausen. Mit der Machtübernahme der Nazis endete die Geschichte der jüdischen Gemeinde in der Bergstadt. Die Synagoge sollte verkauft werden.
Ein staatenloser Ausländer kauft die Synagoge
Johann Sikka erstand das Gebäude 1938 für 1.300 Reichsmark. Sikka war im estländischen Dorpat zur Welt gekommen und galt als staatenloser Ausländer. Der Schuhmacher, Klempner und Fahrradbastler nutzte die Synagoge als Wohnung und Werkstatt. Die hölzernen Bänke wurden von Sikka - so sei die Auflage der Behörden gewesen - zu Kleinholz verarbeitet und verfeuert.
Löblicherweise habe die Stadt Oerlinghausen einiges für die Erinnerungsarbeit getan, hob der Historiker hervor. Er führte etwa „die hervorragende Dokumentation des jüdischen Friedhofes“ und die Broschüre über die Synagoge an.
Heute ist der Kunstverein in der Synagoge zuhause. „Er füllt das Haus seit mehr als vier Jahrzehnten mit Leben.“ Die Vorsitzende Isolde Müller-Borchert hatte bereits in ihren Begrüßungsworten darauf hingewiesen, dass in der ehemaligen Synagoge seit dem Jahr 1979 regelmäßig Ausstellungen stattfinden, die ergriffen seien vom Raum mit seinen hohen Fenstern. Micheline Prüter-Müller, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, moderierte die Veranstaltung. Bürgermeister Dirk Becker sagte: „Wer sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt, der sorgt dafür, dass sich Geschichte nicht wiederholt.“
Termin und Veröffentlichung
Am Sonntag, 28. Juli, gibt es in der Zeit von 14 bis 16 Uhr Gelegenheit, sich die Ausstellung in der Synagoge anzuschauen.
Kirsten Werner von der Stadt hat die alten Aufnahmen vergrößern lassen und hat sie eingerahmt.
Das von einer Nachbarin beherbergte und nun wieder zur Verfügung gestellte alte Metallschild mit dem Datum 1894 soll aufgearbeitet werden und einen Platz oberhalb der Innentür der Synagoge bekommen. Eine Außenanbringung ist aus Denkmalschutzgründe nicht möglich.
Jürgen Hartmann plant, seine Ausführungen unter dem Titel „Eine Gemeinde und ihre Synagoge“ zeitnah online oder als Broschüre zu veröffentlichen, (kap).