Oerlinghauser Synagoge hat SA-Terror überlebt
Das jüdische Gotteshaus - heute Domizil des Kunstvereins -besteht seit 125 Jahren. Im Baujahr 1894 schrumpfte die Gemeinde bereits. Die Nazis löschten jüdisches Leben ganz aus
[Bild: Gutbürgerlich: Eine Herrenschneiderei lag vor dem Krieg neben der Synagoge, die damals noch ihren Turm besaß. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv]
[Bild: Hetzartikel. Die Lippische Staatszeitung aus Detmold verunglimpfte in der NS-Zeit die jüdischen Mitbürger aufs Übelste. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv - Aufrufbar unter AFS01028]
Oerlinghausen. Es war einer der brutalsten Tage, den Oerlinghausen erlebt hat, der 10. November 1938. Überall in Deutschland brannten die Synagogen - mit radikaler Gewalt gingen die Nazis in der sogenannten Reichskristallnacht am Abend zuvor gegen jüdische Einrichtungen und Geschäfte vor.
In Oerlinghausen lebten zu dieser Zeit recht wenige Bürger jüdischen Glaubens - nur noch die Familien Herz und Kuhlemeyer. Die beiden Familienvorstände, Heinrich Herz und Eduard Kuhlemeyer, wurden in diesen Tagen sogleich von der SA in Schutzhaft genommen. Doch in den Abendstunden des 10. November, so schreibt der Historiker Jürgen Hartmann, sammelte sich eine Gruppe von Parteimitgliedern und der SA unter Führung des SA-Sturmbannführers Kurt Heumann und brach gewaltsam die Ladentür des Textilgeschäfts von Irma Herz an der Adolf-Hitler-Straße 78 auf (heute Hauptstraße).
[Bild: 25-jähriges Bestehen: Der Kunstverein Oerlinghausen übernahm 1979 die Synagoge als Ausstellungsgebäude. Am Sonntag, 21. Juli findet um 11.30 Uhr eine Jubiläumsveranstaltung im Bürgerhaus statt. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv]
Hartmann: „Es wurden Regale umgeworfen, Stoffballen herausgerissen, Schubladen auf dem Boden entleert.“ Mutig stellte sich Irma Herz den Eindringlingen in den Weg und wurde dafür auf übelste Weise bedroht. Zum Schluss zerschlug der Mob der Nazis noch alle Lampen und Glühbirnen.
Doch nun ging es zum neuen Ziel, zur Synagoge an der Tönsbergstraße. Die gewaltbereite SA-Meute wollte das Gebäude gleich niederbrennen, aber NSDAP-Ortsgruppenleiter Paul Reuter war dagegen. Reuter befürchtete juristische Konsequenzen, denn das Bruchsteinhaus gehörte damals schon nicht mehr der jüdischen Gemeinde.
Zerstörung wird verhindert
Im Juni zuvor hatte der staatenlose Schuhmacher Johann Sikka den „Judentempel“ für 1.300 Reichsmark gekauft und weitgehend alle jüdischen Symbole entfernt - bis auf den Turm auf dem Dach mit dem Davidstern. Paul Reuter konnte die Zerstörung der Synagoge verhindern, indem er den SA-Leuten vorschlug, sich bei Bürgermeister Friedrich Möller für die Entfernung des Turms mit dem Davidstern einzusetzen. So entging das Gotteshaus von 1894 dem Niederbrennen.
Die Oerlinghauser Synagoge hat zwei Vorläuferbauten gehabt, ein erstes Gebäude aus Holz aus dem Jahre 1803 und wohl einen größeren Neu- und Umbau aus Jahre 1832, recherchierte der Historiker Alex Moll. Etwa um 1800 entwickelte die kleine jüdische Gemeinde in Oerlinghausen den Plan, eine Synagoge zu errichten. Das Vorhaben gelang, weil die Witwe des jüdischen Bürgers David Meyer der Gemeinde ein Grundstück neben ihrem Haus an der Tönsbergstraße schenkte. Alex Moll schreibt: „In Oerlinghausen lebten damals (im Jahre 1809) sieben jüdische Familien. Als Gewerbe gaben vier Familien den Handel an, zwei den Pferdehandel und eine den Landhandel. Als alter Händlerort hatte Oerlinghausen eine zur Ortsgröße relativ große jüdische Gemeinde.“
Aus dem Jahre 1832 dann stammt eine Akte, in der die Juden der fürstlichen Regierung in Detmold mitteilen, dass die alte hölzerne Synagoge baufällig geworden sei. Man wünsche einen Neubau auf dem Gelände. Spätere Schriftstücke zeigen, dass Material für einen weiteren Holzbau auf einem Steinfundament bestellt wurde. Ob die Arbeiten tatsächlich danach so abliefen und welche Form das neue Gebäude hatte, darüber gibt es keine Belege.
Das 19. Jahrhundert bildete wohl die Blütezeit der jüdischen Gemeinde in Oerlinghausen. Im Jahr 1872 meldet das Amt 74 Gemeindemitglieder an das Fürstentum Lippe. Alle lippischen Gemeinden teilten sich damals einen Rabbiner, auch Oerlinghausen war dabei. Es wurde im Bergdorf auch noch ein weiter jüdischer Lehrer als „Cultusbeamter“ eingestellt.
Als dann die heutige Synagoge im Jahre 1894 gebaut worden war, hatte die Gemeinde bereits viele Mitglieder durch Umzug und Überalterung verloren, die verbliebenen jüdischen Familien waren in das gesellschaftliche Leben des Ortes eingebunden. Die Geschäftsleute Siegfried Bornheim, Carl Paradies oder Joe Meyer zum Beispiel engagierten sich als geachtete Bürger in vielen Vereinen und Verbänden. Doch der Schrumpfungsprozess setzte sich fort.
Nur noch 20 Juden
Historiker Jürgen Hartmann ermittelte die Zahlen zu Beginn der Nazizeit: „Von ca. 3.450 Einwohnern im März 1933 gehörten gerade 20 Personen dem jüdischen Glauben an.“ Seit etwa 1927 hatte man den Gottesdienst in der Synagoge bereits eingestellt, denn zur religiösen Handlung mussten mindestens zehn erwachsene Männer zählen. So fuhren die verbliebenen Oerlinghauser Gläubigen nach Bielefeld zum Gottesdienst.
Mit der Machtergreifung der Nazis Ende Januar 1933 wurde dann das endgültige Ende der Gemeinde eingeläutet. Viele Familien zogen wegen der Hetze und dem Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben weg oder wanderten aus. „Die Juden sind unser Unglück“ stand immer wieder im Schaukasten der NS-Zeitschrift „Stürmer“ an der Hauptstraße zu lesen. Die „Lippische Staatszeitung“ hetzte 1935 in schlimmster Form: „Viehjude nimmt deutschen Jungen als Viehtreiber“ gegen den Tierhändler Julius Kuhlemeyer. Ein Oerlinghauser Redakteur (selbst Nationalsozialist) verlor seine Stellung, weil seine Frau den jüdischen Arzt Dr. Meyer zur Behandlung der erkrankten Tochter gerufen hatte.
Mit der Eskalation der Gewalt in der Pogromnacht im November 1938 löschten die Nazis das jüdische Leben in Oerlinghausen dann völlig aus; Familie Herz verkaufte ihr Haus und verließ die Stadt nach wenigen Wochen. Im November 1941 wurden sie mit ihren zwei Kindern von Hamburg ins Minsker Ghetto deportiert und dort ermordet. Eduard und Else Kuhlemeyer lebten völlig isoliert und hielten sich nur durch heimliche Lebensmittelspenden von Oerlinghauser Freunden bis 1941 am Leben. Jürgen Hartmann schreibt: „Sie wurden dann mit dem Zug von Bielefeld nach Riga in den Tod transportiert.“