Die katholische Kirchengemeinde St. Michael

 

Nach der Reformationszeit hat es in Oerlinghausen über 300 Jahre lang keine Katholiken gegeben. Während des ersten Weltkrieges siedelten sich die ersten katholischen Familien wieder an. 1922/23 baute die etwa 40 Personen zählende Gemeinde sich unter großen Opfern die Antoniuskapelle an der Steinbruchstraße. Bis zum zweiten Weltkrieg war die kleine Diasporagemeinde auf 150 Personen angewachsen, und wurde zusammengehalten von Frau Anna Wörner.

Erster Seelsorger in Oerlinghausen war Pater Kilian Kirchhoff (1892-1944). Als Übersetzer der ostkirchlichen Liturgie wurde er zum Wegbereiter der Versöhnung der Kirchen des Ostens und des Westens. Im Zweiten Weltkriege wurde er wegen freimütiger Äußerungen zum Tode verurteilt und am 24. April 1944 enthauptet.

Zu den Sonntagsgottesdiensten kamen anfangs Franziskaner aus Paderborn, später Geistliche aus  Stukenbrock und Lage.

Eine neue Situation entstand, als im zweiten Weltkrieg Hunderte katholischer Evakuierter aus den bombengefährdeten Gebieten des Ruhrgebietes und Rheinlandes nach Oerlinghausen kamen. Das führte zur Errichtung der Pfarrvikarie Oerlinghausen am 22. Mai 1941, zu deren Seelsorgebezirk Oerlinghausen, Lipperreihe, Mackenbruch, Währentrup, Asemissen und Bechterdissen gehörten. Mit Prälat Franz Jansen aus Köln nahm am 1. Dezember 1944-zum ersten Mal seit der Reformation wieder ein katholischer Geistlicher in Oerlinghausen Wohnung.

Nach dem Krieg zogen die meisten Evakuierten in ihre Heimat zurück. Seit 1946 kam stattdessen ein starker Strom katholischer Heimatvertriebener und Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten in die Gemeinde und ließ sie bis 1952 auf 1.100 anwachsen. Mit der Stadt wuchs die katholische Kirchengemeinde in den folgenden 30 Jahren auf das Vierfache an. Sie umfaßt heute auf 70 qkm das Gebiet der Stadt Oerlinghausen und der Gemeinde Leopoldshöhe. Insgesamt gehören ihr 4.500 Gemeindeglieder an von denen 2.700 in Oerlinghausen wohnen.

Wachsendes Gemeindeleben

Die Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg sind gekennzeichnet durch das Bemühen, Gemeinde zu werden.

Die Daten des äußeren Aufbaus markieren diesen inneren Vorgang, an dem viele in der Gemeinde Anteil haben.

Erschwert wurde dieses Bemühen durch das schnelle Wachstum und die starke Fluktuation, durch die unterschiedliche landsmannschaftliche Herkunft aus allen Teilen Deutschlands und Europas, durch die Entwurzelung aus dem bisherigen Lebensbereich und die Diasporasituation einer konfessionellen Minderheit, durch die mit der räumlichen Ausdehnung der Pfarrei verbundenen weiten Wege und anfangs auch große wirtschaftliche Not und Wohnungsnot. Außer der 60 qm großen Antoniuskapelle gab es kein kirchliches Gebäude und keine Institution. Aber es gab die Menschen.

Die positive Seite dieser schwierigen Situation war jedoch die Chance, ohne Bindung an ortsgebundene kirchliche Traditionen und Institutionen und soziale Bindungen zu suchen, nach neuen Möglichkeiten des Gemeindelebens, die gelegentlich vom herkömmlichen abwichen. Dabei hat der schon seit 1956 bestehende Pfarrgemeinderat (11 Jahre vor der allgemeinen Einführung des PGR im Bistum Paderborn) wesentliche Hilfe geleistet.

Äußerer Aufbau

Für die Bewältigung der Aufgaben äußeren Aufbaues, war wichtig die Übertragung der eigenen Vermögensverwaltung am 1.4.1959. Dadurch erhielt die Gemeinde einen eigenen-Kirchenvorstand und war nicht mehr von Lage abhängig.

Am 1. April 1963 wurde die Pfarrvikarie durch Erzbischof Dr. Lorenz Jaeger zur Pfarrei erhoben. Die Gemeinden Bexterhagen, Greste, Leopoldshöhe, Krentrup, Nienhagen und Schuckenbaum kamen hinzu und die Gemeinde erhielt 1963 mit Errichtung der Vikarsstelle auch einen zweiten Seelsorger. Mit den Seelsorgern arbeitet seit 1954 in der Gemeinde eine Gemeindereferentin mit.

Der teilweise Einsturz der ohnehin viel zu kleinen Antoniuskapelle im Oktober 1952 gab das Signal zum Neubau einer Kirche. Nach Überwindung großer Schwierigkeiten konnte die Pfarrkirche St. Michael endlich am 17. September 1955 durch Weihbischof Dr. Franz Hengsbach konsekriert werden. Es war ein Freudentag für die Gemeinde, die mit viel Begeisterung und Opferbereitschaft und Eigenleistung den Kirchbau ermöglicht hatte. Gleichzeitig waren das Jugendheim in der Grüte und das Pfarrhaus an der Marktstraße gebaut worden.

Nach und nach wurde die Kirche voll ausgestattet: 1958 Glocken, 1960 Orgel, 1961 das große Südfenster von Prof. Vincenz Pieper, 1962 Krypta. Durch den Bildhauer Berthold Müller-Oerlinghausen, der 1923 schon die Antoniuskapelle gestaltet hatte, erhielt die Kirche wertvolle Portale, das Tabernakel und die bekannte Figur "Christi Todesangst am Ölberg". Arbeiten weiterer namhafter Künstler gaben der Kirche ein beachtliches künstlerisches Niveau, so das Kreuz von H. G. Bücker, der Osterleuchter von Max Faller und der Ikonenkreuzweg von Katharina Peters (1983).

Im Leopoldshöher Teil der Pfarrei war bereits 1949 die Johanneskirche gebaut, die 1966 renoviert und umgestaltet wurde.

Auch für Asemissen, Bechterdissen und Greste war ein Kirchbau erforderlich. Am 21. Januar 1968 konsekrierte Weihbischof Dr. Nordhues die Auferstehungskirche in Greste, mit der gleichzeitig Gemeinderäume und eine Vikarie gebaut worden sind.

In Helpup führten in den 50er und 60er Jahren die Bemühungen, einen geeigneten Bauplatz für eine Kirche zu finden, zu keinem Erfolg, sodaß dort der katholische Sonntagsgottesdienst von 1947-1980 im evangelischen Gemeindehaus und seitdem in der evangelischen Kirche stattfindet.

Die Pläne eines Kindergartenbaus bei der Pfarrkirche (1962) kamen leider nicht zur Verwirklichung. 10 Jahre später konnte in der Südstadt Oerlinghausen der 4-Gruppen-Kindergarten St. Michael eröffnet werden, der von Hunderten von Familien in der Südstadt dankbar angenommen worden ist. Im Untergeschoß des Kindergartens entstanden die Gemeinderäume des Kilian-Kirchhoff-Hauses, die 1974 ihrer Bestimmung übergeben wurden.

1976/77 erhielt das Gemeindehaus St. Michael bei der Pfarrkirche eine beträchtliche Erweiterung, weil das bisherige Jugendheim seit langem nicht mehr ausreichte.

Die Errichtung, Unterhaltung und Renovierung aller kirchlichen Gebäude hat an die Gebefreude der Gemeinde wieder große Anforderungen gestellt, zumal kommunale Zuschüsse nicht gegeben wurden.

Der innere Aufbau

Der äußere Aufbau war bedingt durch die Entfaltung des Gemeindelebens seit Kriegsende. Das ist von Anfang an in drei Schwerpunktsbereichen geschehen:

1.      Gottesdienst

2.      Dienst am Wort

3.      Dienst am Mitmenschen

Gottesdienst

Den entwurzelten Heimatvertriebenen sind in den ersten Nachkriegsjahren vor allem die Gottesdienste ein Stück Heimat gewesen. Bis heute bemühen sich viele in der Gemeinde zusammen mit den Seelsorgern um glaubwürdige Formen des Gottesdienstes. Das gilt insbesondere für die Familien-, Kinder- und Jugendgottesdienste, aber auch für die besonderen Festgottesdienste mit denen in Oerlinghausen bereits in den 60er Jahren begonnen wurde. Ökumenische Gottesdienste haben seit 1961 einem besseren Miteinander der christlichen Konfessionen in Oerlinghausen große Dienste getan. Neben Liturgieausschuß und einzelnen Gruppen bemühen sich der Oerlinghauser Kirchenchor St. Michael, der aus einem 1952 gegründeten Jugendchor hervorgegangen ist, und der 1974 gegründete Kirchenchor Leopoldshöhe-Greste um die Gestaltung der Gottesdienste.

Die Gottesdienste als Ort von Sammlung und Versammlung der Gemeinde sind bis heute vielen in der Gemeinde die eigentliche Kraftquelle des Gemeindelebens.

Dienst am Wort

Mit viel Phantasie und Schwung - und ohne alle äußeren Voraussetzungen - hat schon 1946 eine lebendige Kinder- und Jugendarbeit in der Michaelsgemeinde angefangen, auf die manche Nachbargemeinde neidvoll blickte. Nach manchen Höhen und Tiefen in den vergangenen Jahrzehnten arbeiten in der Gemeinde heute 21 Kinder- und Jugendgruppen, in denen eine gute Bildungsarbeit geleistet wird, und die Kontakte schafft.

Erwachsenenbildungsarbeit geschieht auf vielfältige Weise, z. B. im 1951 gegründeten St. Hedwigswerk (Verband katholischer Heimatvertriebener) mit der 1954 gegründeten Heimvolkshochschule an der Hermannstraße,  im 1952 gegründeten Seniorenclub, in den seit 1963 entstandenen 7 Familiengruppen, in der 1978 gegründeten Kolpingsfamilie und der 1983 gegründeten katholischen Frauengemeinschaft, in den Veranstaltungen des Dekanatsbildungswerkes, durch die (ohne kommunale Zuschüsse) seit 52 aufgebaute Katholische öffentliche Bücherei, durch Eltern- und Bildungsveranstaltungen und Seminare. Exemplarisch für viele Gemeinden wurde die 1969 in Oerlinghausen begonnene Form der Gemeindekatechese, d. h. der durch Erwachsene und Jugendliche mit erteilte Kommunion- und Firmunterricht sowie die Oerlinghauser Form der Taufpastoral (1965). Pflege des Brauchtums geben dem Gemeindeleben einen zusätzlichen Rhythmus, z. B. die Sternsinger (seit 1953) und der Martinszug (seit 1956), aber auch die Gemeinde- und Kinderfeste.

Den Dienst am Wort in den Missionsländern unterstützten in besonderer Weise die 200 Mitglieder des Werkes MISSIO.

Einen guten Namen über Nordrhein-Westfalen hinaus hat die 1954 gegründete Heimvolkshochschule St. Hedwigswerk an der Hermannstraße.

Dienst am Mitmenschen

Der Not der Nachkriegszeit gehorchend, ist von Anfang an der caritative Dienst am Mitmenschen ein Gemeinde bildendes und - tragendes Element gewesen. Mit wenig Mitteln und großem Engagement wurde vielen geholfen.

Die Caritasmitarbeiterinnen und -mitarbeiter schlossen sich in 5 Caritas-Konferenzen zusammen. Die z. Zt. 75 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben einen vielfältigen Dienst entfaltet und tragen wesentliche Aufgaben mit, (z. B. Besuchsdienst, Erholungsmaßnahmen, Familien- und Hauspflege (im damaligen Kreis Lemgo einzige Familienpflegestation), Beratungsdienst, Kleiderkammer u.ä.).

Die Sorge um den Mitmenschen in Not endet nicht an der Gemeindegrenze. Bei Hilfsaktionen für die Dritte Welt wurden in den letzten 30 Jahren in der Michaelsgemeinde ca. 1 Million DM gesammelt, dazu kamen immer wieder Sonderaktionen, z. B. Für Katastrophenhilfe und Polenhilfe. Zusammen mit dem Deutschen Aussätzigen-Hilfswerk betreut die Gemeinde die Leprastation Arisipalayam in Indien. Der Blick über den Gemeindezaun hinweg relativiert eigene Probleme und hält das Bewußtsein wach, daß schöne Worte zu wenig sind.

Ökumene

Gemeinsame Veranstaltungen und Gottesdienste, ein ökumenischer Arbeitskreis, die gewährte Gastfreundschaft für den Sonntagsgottesdienst in Helpup und -bis 1968- in Bechterdissen und vielfältige Kontakte haben im Lauf der Jahrzehnte das ökumenische Klima erheblich verbessert und lassen hoffen, daß auch in Zukunft getan wird, was eint.

Freunde und Helfer der Pfarrei

Von den Freunden und Helfern, denen die Gemeinde viel verdankt, seien einige genannt:

Pater Kilian Kirchhoff OFM (1892-1944) wird 1922/23 erster Seelsorger in Oerlinghausen. Übersetzer der ostkirchlicher Liturgie und dadurch Wegbereiter der Versöhnung der Kirchen des Ostens und des Westens, wegen freimütiger Äußerungen zum Tod verurteilt und am 24. April 1944 enthauptet.

Berthold Müller-Oerlinghausen (1893-1979)

Bildhauer mit maßgebendem Einfluß auf die Entwicklung kirchlicher Kunst. Gestaltete die Antoniuskapelle und die Michaelskirche und war bis zu seinem Tod besonderer Freund und Förderer der Gemeinde.

Prälat Franz Jansen (1903-1978)

1944 - 46 Erster in Oerlinghausen wohnender katholischer Priester nach der Reformation, danach bis 1978 Leiter des Bonifatiuswerkes der Bistümer Köln, Aachen und Trier.

Prälat Wilhelm Trennert (1910-1972). 1953-1972 Gründer und der Direktor der Heimvolkshoch schule St. Hedwigshaus Oerlinghausen und Gründer des St. Hedwigswerkes in der Bundesrepublik.

Pater Paul Schulte OMI (1895-1974)

1961 - 1970 in dem von ihm gegründeten Haus Mazenod am Oerlinghauser Segelflugplatz, weltbekannter Flugpionier, Gründer der MIVA (weltweite Organisation für Motorisierung der Weltmission) und der Diaspora-MIVA.

Die Erwähnung dieser Namen soll nicht vergessen lassen, daß das Leben der Gemeinde von vielen hundert Frauen, Männern und Jugendlichen getragen wurde und auch in Zukunft getragen wird.

Die Geschichte der katholischen Kirchengemeinde in den letzten 40 Jahren ist zugleich die Geschichte der Integration von einigen tausend Oerlinghauser Neubürgern.