Die Geschichte der Lippischen Landeskirche
Von W. Butterweck, Pastor in Schötmar
37. Oerlinghausen
Der Ort Oerlinchusen wird schon 1036 unter den Vorwerken genannt, womit der Bischof Meinwerk das Don ihm gestiftete Kloster Busdorf bei Paderborn ausstattete. Die Kirche war dem hl. Alexander geweiht. Urkundlich wird sie zuerst um 1203 erwähnt. Am Schlußstein des gothischen Gewölbes vor dem Chor steht die Inschrift: „Jesus, Maria, Sanctus Johannes MCXIV" (1114). Möglicherweise deutet die Zahl auf das Gründungsjahr der Kirche hin. Das heutige Gebäude mit seinem gothischen Baustil gehört jedoch einer späteren Zeit an. Wahrscheinlich stammt sie nach der Inschrift an einem Chorpfeiler erst aus dem Jahre 1511. Dagegen weist das westliche Portal mit romanischen Ecksäulen, aber spitzbogigem Schlusse auf einen sehr frühen, wahrscheinlich in der Übergangszeit der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts fallenden Bau dieses Teils hin. Ohne Zweifel gehört die Kirche zu Oerlinghausen zu den ältesten des Landes. Im Jahre 1878 erhielt sie dank der Bemühungen des Sup. Weerth ihr jetziges geschmackvolles Innere und ihren hohen schlanken Turm. (222 Fuß hoch). Die Leitung des Baues lag in den Händen des Baurats Merckel. Das Kirchspiel war „Dreiherrisch" d. h. lippisch, paderbornisch und ravensbergisch, daher war jede Reparatur der kirchlichen Gebäude mit Schwierigkeiten verbunden. Wiederholt kam es wegen der Vertragspflicht und der Sitzplätze zu ernsten Auseinandersetzungen mit den Bewohnern von Ubbedissen und Lämershagen. Im Jahre 1590 befahl Simon VI. dem Pastor zu Oerlinghausen, dem Sup. von Erter die zur Kirchenreparatur vorgeschossenen 100 Taler zurückzuzahlen.
Die Meier zu Barkhausen verlangten im 17. und 18. Jahrhundert das jus patrovatus mit der Behauptung, die Kirche sei auf Grund und Boden Barkhausens erbaut und von dort dotiert worden. Urkundlich steht fest, daß Cord Barkhausen um 1518 dem „Martyrer Sander, Schutzpatron der Kirche", die obere Grüte mit Ländereien vermacht hat. In der Kirche hatten die Besitzer von Barkhausen ihren eigenen Altar vor der Reformation, St. Georgs-Altar genannt, vor demselben mußten die Priester alle Monate für die Verstorbenen des Meierhofes eine Messe lesen und jeden Sonntag mußten sie den Meier in die Fürbitte einschließen. Die Familie hatte ihren besonderen Stuhl rechts vom Altar und unter der Kanzel ihre Familiengruft. Überbleibsel aus der vorreformatorischen Zeit haben sich in der Kirche lange gehalten.
Um 1668 heißt es: „Der päpstliche Altar und Bildwerk soll geändert werden", 1703 der Taufstein soll in die Sakristei gesetzt werden. „Viele Höfe in Asemissen und Bechterdissen zahlen Contribution nach Preußen, folgen aber Trommel und Glocke ins Lippische." (1780).
Zehntpflichtig an die Kirche waren die Colonen Obermeier und Niedermeier zu Billinghausen, während Gruttmann die Prästationen zu fahren hatte, (s. Lipp. Reg, I, 132, 151 und 206).
Ums Jahr 1203-1219 sollen gewisse Abgaben aus Kachtenhausen jährlich zur Herbstzeit gegeben werden „cum Orlinchusen synodus celebratur in cuius ecclesiae parochia haec bona sita sunt."
Noch nach der Reformation standen 2 Geistliche an der Kirche. Über die Capelle zu Brechmen s. unter Capellen.
Die Kirche hat 1.260 Sitzplätze. Die beiden Kronleuchter im Mittelschiff sind von unbekannten Wohltätern gestiftet, der dritte auf dem Chor ist 1914 von der Gemeinde angeschafft worden.
Seit 1913 besitzt die Kirche eine für 5.000 M angeschaffte Luftzirkulationsheizung. Der neue Totenhof ist 1854 angelegt worden. Aus Ihm steht eine Leichenhalle, die 1910 für 4.000 M neu ausgebaut worden ist.
Das Pfarrhaus ist 1823 erbaut worden, wobei die preussischen, nach Oerlinghausen eingepfarrten Bauerschuften betreffs Beitrags-Pflicht Schwierigkeiten machten. Seit dem 1. April 1926 hat Oerlinghausen Stadtrechte. Erster Bürgermeister Reuter.
Bis 1690 hatte die Gemeinde zwei Pfarrhäuser, das eine wurde dann abgebrochen, der Platz ist 1744 anderweitig bebaut worden; er heißt heute noch „aus der Wehme" (Ulrich).
Von den 3 früheren Bronzeglocken sind die größte und kleinste 1917 für Kriegszwecke abgeliefert worden, die mittlere, 1547 gegossen, ist der Gemeinde erhalten geblieben. Sie hat die Inschrift:
Sanderus (d. h. Alexander) hete ick,
De Levendigen rope ick.
De Doden beschrie ick,
Deme Donder sture ick
Johann Ahus (Albus?) goß mick
Anno Domini 1547.
V. D. M. J. C. (Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit Jes. 40, 8).
Die 3 neuen Stahlglocken aus Bochum sind am 22. 1. 1924 eingeweiht worden. (Töne: h. d. c.).
Die größte, 49 Centner schwer, hat die Inschrift:
Die Bronzeglocken nahm der Krieg
Für Heimat, Ehre und den Sieg.
Die mittlere, 28,10 Centner schwer, hat die Inschrift:
Umsonst war Leid und Opfertod,
Das Volk zerbrach in Hungersnot.
Die kleine, 21,84 Centner schwer, hat die Inschrift:
Bring, Herr, das Volk durch schwere Zeit,
Laß es erstehn in Einigkeit.
Ein Jungfrauenverein, gegründet von der damaligen Lehrerin, setzt Neukirchener Missionsschwester A. Schmiedeskamp aus Asien, besteht seit 1920. Ein Jünglingsverein, aus 24 Mitgliedern bestehend, wurde 1926 ins Leben gerufen. Kindergottesdienst wird seit Januar 1920 abgehalten (Durchschnittsbesuch 60 Kinder). Ein katholischer Bauverein bestellt seit 1919, eine Kapelle ist m. W. 1923 erbaut worden. Die in Aussicht genommene Renovierung der Kirche wird wahrscheinlich 1928/29 ausgeführt werden.
Am 19. Dezember 1927 wurde der erste Friedhof in der Senne (Lipperreihe) eingeweiht. Einen Armenbeutel hatte die Gemeinde schon 1587.
Eine Volksschule gab es 1587 noch nicht in Oerlinghausen, um 1594 heißt es: „es sei keine Schule da, der Küster lehre auch keine Kinder. Man hätte gern einen Schulmeister.“ Im Jahre 1608 wurde die erste Schule dort gegründet und sogleich ein Schulmeister angestellt (Kantor). Um 1624 hieß dieser Jodocus Krücke aus Horn. Das Schulgebäude lag in der Nähe der Kirche, später wurde das Voß'sche Haus dazu angekauft. Die neue Schule ist 1888 erbaut worden. In der Auseinandersetzung zwischen Schul- und Kirchengemeinde ist letzterer das alte Schulhaus (sog. Küster- und Stoltenschule) nebst einem kleinen Streifen von dem zwischen Schule und Küsterwohnung liegenden Garten zugefallen. Noch ist die Schule Mieterin für 5 Jahre.
Die sog. Rektorschule, seit 1877 ein eigenes Haus besitzend, ist 1864 ins Leben gerufen worden (s. Lipp. Schulblatt 1867 Nr. 2).
Weder die Gründung der Gemeinde Senne II. (Schloß Holte), Ubbedissen usw. s. Jahrbuch für Ev. Kirchengeschichte Westfalens 1903 S. 23 ff.