Fürst Leopold schließt die Kirche auf

Stadtgeschichte: Vor 111 Jahren weiht der lippische Regent das neue Helpuper Gotteshaus ein. Doch der Festakt verzögert sich, weil sein Automobil streikt

 

[Bild: Neubau: Die Kirche in Helpup ist fertig und wird im März 1908 eingeweiht. | © Archiv Detmold]

Oerlinghausen. Die neue Helpuper Kirche platzte aus allen Nähten an diesem Freitagmittag im März 1908. Auch der Kirchenvorplatz sowie die breite Chaussee zwischen dem Alten Krug und dem Gotteshaus war schwarz vor Menschen. Die Kinder liefen aufgeregt hin und her, immer wieder blickten die Gäste erwartungsvoll die Straße Richtung Lage hinunter, denn seine Durchlaucht Fürst Leopolds IV. hatte sich angekündigt, um die jüngst gebaute Kirche einzuweihen - am 20. März vor genau 111 Jahren.

Um 11 Uhr sollte die Festkutsche vor dem geschmückten Ehrenbogen eintreffen. Doch kein Gespann war in Sicht auf der Landeschaussee, an deren Rändern die Schulkinder ein Spalier gebildet hatte. „Da traf uns die Kunde, dass Seine Durchlaucht infolge einer Störung am Automobil eine Dreiviertelstunde später eintreffen sollte“, schreibt der spätere Ortspfarrer Pastor Müller in der Chronik der Evangelischen Kirchengemeinde. Offenbar ließ sich Fürst Leopold bis kurz vor die Gemeindegrenze mit seinem Auto chauffieren und stieg dann für die letzten Kilometer in eine Festkutsche um.

[Bild: In vollem Ornat: Fürst Leopold IV. zur Lippe will mit dem Automobil zur Einweihung der Helpuper Kirche kommen. Wegen technischer Schwierigkeiten muss er doch auf die Kutsche umsteigen. | ©Archiv Detmold]

Plötzlich aber kam Bewegung in die Szene, das fürstliche Gespann war in Sicht. Die frisch gegossenen Kirchenglocken begannen allesamt zu läuten. Mit „Hochrufen“ begrüßten die Helpuper den lippischen Regenten, der würdevoll aus seiner offenen Kutsche herabstieg.

Generalsuperintendent Wessel ging auf den Fürsten zu und hieß ihn im Namen der Kirchengemeinde „aufs Untertänigste“ willkommen. Für die Einweihungszeremonie führte der Geistliche seinen Landesherren vor das Hauptportal am Glockenturm. Baumeister Siebold überreichte dort zuerst Ortspastor Menges den Schlüssel, der gab ihn weiter an den Generalsuperintendenten und dieser wiederum an Fürst Leopold. „Verbunden mit der Bitte, das Gotteshaus huldvollst aufschließen zu wollen“, beschreibt die Chronik die Szene.

[Bild: Blechbläser: Der Posaunenchor der neuen Kirchengemeinde Helpup präsentiert sich im Garten hinter der Kirche im Jahre 1913. Repro: Horst Biere/Quelle: Kirchengemeinde | © Archiv Detmold]

Eine feierliche Stille habe im neuen strahlend weißen Kirchenschiff geherrscht, als die Ehrengäste durch das Hauptportal eintraten. Pastor Müller beschreibt die Szene: „Die ganze Festgemeinde erhob sich, als der hohe Gast erschien. Kurz darauf setzte der vom Lehrer Stolte dirigierte Chor mit dem Liede ,Nun jauchzet dem Herrn' ein.“ Der Festgottesdienst nahm seinen Lauf, Generalsuperintendent Wessel aus Detmold hielt eine lange, von pathetischen Worten getragene Festpredigt.

Später führte man Fürst Leopold IV. noch einmal das ganze Bauwerk vor Augen und für eine Viertelstunde kehrte er im Pfarrhaus ein. Doch dann ging’s recht bald wieder zurück zur Kutsche und schließlich zum Automobil - retour zur Detmolder Residenz.

Die Festgemeinde erhob sich, als der hohe Gast erschien

Der Grund für einen Kirchenneubau in Helpup lag in der Größe der ursprünglichen Gemeinde. Die ersten Planungen reichten über Jahrzehnte zurück, denn bis um die Jahrhundertwende gehörten alle Helpuper evangelischen Gläubigen zur Oerlinghauser Kirchengemeinde. „Das bedeutete, dass alte Leute, die zum Beispiel in Gresterlake lebten, zwei Stunden und mehr brauchten, um das Oerlinghauser Gotteshaus am Sonntag zu besuchen“, heißt es in der Chronik. Denn Helpup bestand aus einem losen Verbund vieler Gemeinden und Bauernschaften wie Wellentrup, Kachtenhausen, Greste, Mackenbruch und auch dem Gut Wistinghausen.

Rittergutsbesitzer Busse-Wistinghausen ergriff die Initiative, um eine eigene Kirchengemeinde Helpup zu etablieren. Er bildete eine Verhandlungskommission mit den Landwirten Riekehoff und Haverich, aus Wellentrup, Lehrer Tappe aus Kachtenhausen, Gutsbesitzer Ermgassen aus Greste, Bäckermeister Räker und Landwirt Drawe aus Mackenbruch, Landwirt Stölting, Landwirt Schulze und Maurermeister Hüttemann aus Währentrup, um mit der Oerlinghauser Muttergemeinde über eine Trennung zu verhandeln. Im Februar 1904 fasste man in diesem Gremium offiziell den Beschluss, eine die Helpuper Gemeinde zu gründen.

Auch die Oerlinghauser Kirchengemeinde zeigte Verständnis für die Abspaltung des ganzen Helpuper Gebiets und stellte sogar eine finanzielle Unterstützung für den Kirchenneubau in Aussicht. Etwa 21.500 Reichsmark Abfindung bekam Helpup danach von Oerlinghausen, sozusagen als Mitgift. Bei geplanten Neubaukosten von 75.000 Reichsmark bildete das Kapital allerdings nur den Grundstock für den Kirchenbau.

Doch freiwillig stellten viele Grundstücksbesitzer ihre Böden für das neue Gemeindezentrum zur Verfügung, um dort an der Durchgangsstraße zwischen Lage und Bielefeld gegenüber vom Alten Krug, die Kirche, das Pfarrhaus und einen Friedhof zu errichten. Kolon Upmeier und Kolon Stölting aus Währentrup spendeten zum Beispiel ein Stück Land, ebenso wie der Gastwirt Waldhecker, der der Kirche sogar mehr als 600 Quadratmeter schenkte. Der Start klappte, am 31. August 1906 legte man den Grundstein für das Helpuper Gotteshaus. Die Bauleitung lag in den Händen der Anstalt Bethel, die schon viel Erfahrung im Bau von kirchlichen Einrichtungen besaß.

Fabrikant Kuxmann spendierte das gesamte Uhrwerk

Erst viele weitere Spendengelder und sachliche Unterstützungen trugen aber letztlich dazu bei, dass die Baupläne gestemmt werden konnten. Immer wieder sammelte man in Helpup und in den umliegenden Gemeinden für den Kirchenneubau. Als großzügiger Mäzen trat zum Beispiel der Fabrikant Kuxmann aus Bielefeld auf, der ein gebürtiger Helpuper war. Er spendierte das gesamte Uhrwerk der Kirche. Kommerzienrat Weber, der Inhaber der Oerlinghauser Weberei, stiftete die Anlagen des Kirchplatzes und ließ die schöne Allee zwischen Kirche und Friedhof mit Bäumen bepflanzen. Das neue Gemeindezentrum füllte sich immer mehr mit Leben - und seit über einem Jahrhundert prägt die Kirche gemeinsam mit dem Alten Krug nun die Helpuper Ortsmitte.