Als Kaffeetrinken verboten war
Das Schmuggelwesen mit Kaffeebohnen blühte zwischen Lippe und Preußen. Junge Männer brachten für „Schmugglerkönig“ Krome bei Nacht die Kaffeesäcke über die Schopke
[Bild: Alt-Oerlinghausen: Blick von der Südseite auf die Kirche. Im Vordergrund liegen die Hauser des Steinbült. | © Repro: Horst Biere/Quelle: Freilichtmuseum]
Oerlinghausen. Es waren harte Zeiten für Kaffeeliebhaber damals - als der lippische Graf Simon August regierte. Vor allem für Menschen, die in Dörfern wie Oerlinghausen lebten. Im März 1765 erließ der Landesherr eine Verordnung, die es den Lippern in Landgemeinden verbot, Bohnenkaffee zu trinken. Seine Begründung: die einfachen Leute würden dadurch von ihrer Arbeit abgehalten und es entständen so Kosten und Schäden für das Land. In Städten wie Detmold, Lemgo, Lage oder Salzuflen dagegen war es den Bürgern - außer dem Gesinde -erlaubt, „guten Kaffee“ zu trinken.
Der tiefere Grund für diese ungerechte Behandlungseiner Untertanen lag allerdings in den hohen Landesausgaben für den importierten Kaffee, der zumeist über den Seehafen Bremen und dann mit Weserschiffen ins Land kam. Der Graf meinte, die Landbevölkerung könne sich auch aus gerösteter Gerste seinen „Muckefuck“ brauen.
„Wer zum Beispiel in Oerlinghausen beim Kaffeetrinken erwischt wurde, musste mit einer Geldstrafe von fünf Goldgulden rechnen“, recherchierte Ortshistoriker Werner Höltke. Und wer jemanden „erschnüffelte“, für den gab es sogar eine Prämie von einem Drittel der späteren Strafe. Schon der Besitz einer Kaffeetasse, eines Kessels oder einer Kaffeekanne zog 30 Silbergroschen Strafe nach sich. Beste Zeiten also für Denunzianten.
Die reiche Witwe konnte die Strafe locker begleichen
Bei Frau Düning, der Witwe des wohlhabenden Leinenhändlers an der Tönsbergstraße wurden die Ermittler fündig: Man stellte einen Kupferkessel voll mit warmem Kaffee sicher. Die reiche Witwe Düning konnte die hohe Strafe natürlich locker begleichen. Weniger glimpflich lief es für den Grobschmid Hellkamp ab, den man beim Kaffeetrinken erwischt hatte. Da er nicht zahlen konnte, steckte man ihn kurzerhand für zwei Tage ins Oerlinghauser Gefängnis. Das war ein übelriechender, verriegelter Bau hinter dem heutigen Stadthotel, wo normalerweise Wegelagerer, Schläger oder Betrunkene ihre Strafe verbüßen mussten.
Erst um 1800, als die reformfreudige und beliebte Fürstin Pauline regierte, hob man das Kaffeeverbot auf. Nun war es jedermann gestattet, Kaffee zu trinken, wenn er es sich erlauben konnte. Doch jetzt stellte sich eine andere kuriose Situation ein. Preußen war dem Deutschen Zollverein beigetreten, Lippe jedoch nicht. Also wurden auf alle aus Lippe importierten Waren im Freistaat Preußen zehn Prozent Zoll erhoben. Sofort gründeten sich illegale Banden, die bei Nacht den begehrten Kaffee über die lippisch-preußische Grenze beförderten, um den Zoll zu umgehen. Das Schmuggelwesen blühte.
Kopf einer solchen Schmugglergruppe war der Kaufmann Krome aus der Oerlinghauser Pfarrstraße. In Spitzenzeiten beschäftigte er bis zu sechs junge Männer als Transporteure für sich. „Schmugglerkönig“ wurde Krome bald genannt. Er arbeitete mit dem Kaufmann Schwarz aus Brackwede zusammen, der auf der preußischen Seite für die Weiterverteilung und den Verkauf der preiswerteren Kaffeebohnen sorgte.
Die lippischen Behörden ließen Krome gewähren, denn er bezahlte offenbar pünktlich seine Steuern auf seinen schwunghaften Kaffeehandel. So gut liefen seine Geschäfte mit dem illegalen Kaffee, dass er es nach und nach zu einem hübschen Haus und mehreren Grundstücken brachte. Der Kaufmann besaß sogar mehrere Reitpferde, dazu eine stattliche Kutsche, und er beschäftigte einen eigenen Kutscher.
Schmugglerroute führt durch das Schopketal
Kromes Kaffeelieferungen kamen mit Pferdefuhrwerken aus dem lippischen Weserhafen Erder nach Oerlinghausen. Danach starteten bei Dunkelheit die jungen Lastenträger mit den geschulterten Kaffeesäcken Richtung Bielefeld. Die Hauptschmugglerroute führte entlang des Menkhauser Berges durch das Schopketal. An der Menkhauser Mühle überquerten sie den Bach und standen dort auf preußischem Gebiet. Nun übernahmen die Männer des Schmuggelpartners Schwarz die Ware und bezahlten die Kaffeelieferung in bar. „Auf dem Rückweg nach Brackwede sollen manche der preußischen Schmuggler von der Gendarmerie gefasst worden sein“, fand Werner Höltke heraus.
Auf einen Schlag aber endete das lukrative Geschäft, als auch Lippe im Jahre 1842 dem Deutschen Zollverein beitrat. Nun fand die geschmuggelte Ware wegen des angeglichenen Preises keinen Abnehmer mehr. Schmugglerkönig Krome blieb auf seiner Ware sitzen. Der klassische Abstieg eines Emporkömmlings begann: die Schulden stiegen, nach und nach verlor alle seine Besitztümer. Er fing an zu trinken und wurde zudem sehr krank. Krome musste sein Haus in der Pfarrstraße 1 notgedrungen verkaufen und zog völlig verarmt ins Preußische, zum Rollkrug in Ubbedissen. Auch der Rollkrug galt übrigens wegen seiner Grenzlage zu Lippe als einstiges Schmugglerlokal. Krome starb auf einem armseligen Strohlager in der Kegelbahn des Rollkrugs im Jahre 1876. In Oerlinghausen aber fand man einige Jahre später beim Umbau des ehemaligen Krome-Hauses in der Pfarrstraße noch eine Hinterlassenschaft des früheren Schmugglerkönigs: In einer Zwischendecke des Hauses hatte Krome große Mengen von Kaffeebohnen eingelagert.