Als die Kisten fliegen lernten
Stadtgeschichte: Oerlinghausens erster Flugplatz lag in der „Stadtsenne“. Vor 90 Jahren übergab Bürgermeister Reuter das Fluggelände an der Bleiche, doch es gab alsbald Zoff.
[Bild: Bruno Tiemann, ein Flugpionier, der heute 92-jährig in Lage lebt, durfte mit der SG 38 (Schulgleiter) fliegen. Quelle: Tiemann | © Horst Biere]
Oerlinghausen. Flughafeneröffnungen sind langwierige Angelegenheiten heutzutage. Ganz anders sah es vor 90 Jahren aus, als der erste Oerlinghauser Flugplatz aus der Taufe gehoben wurde. Es dauerte nur eine knappe Woche, bis der Rat der Bergstadt nach der Anfrage den ersten Segelflugplatz genehmigte, die offizielle Einweihung folgte einige Tage später. Am 4. Mai 1930 gab Bürgermeister August Reuter das Gelände in der Senne als „Flugplatz“ frei. Erster Pächter des Oerlinghauser Segelflugplatzes war der Luftfahrt-Verein Bielefeld, die Platzmiete belief sich auf zehn Reichsmark - im Jahr.
„Wir freuen uns, durch dieses Gelände dazu beitragen zu dürfen, den Segelsport zu fördern. Wir wünschen Ihnen, dass Sie auf der Senne immer guten Wind antreffen mögen. Deshalb von Herzen ein frohes, Glück ab“, sagte August Reuter vor vielen Flugbegeisterten zur Eröffnung. Als Gastgeschenk der Stadt übergab er dem Vorsitzenden des Luftfahrt-Vereins eine Spende von 100 Mark für den Bau eines „Schuppens“.
Das erste Bergstädter Segelflugzeug heißt „Tönsberg“
Der erste Oerlinghauser Segelflugplatz lag jedoch nicht auf dem heutigen Gelände an der Straße nach Stukenbrock, sondern in der sogenannten Stadtsenne - einem Gebiet am Ende der Bleiche. Etwa dort, wo heute die Stadtwerke das Holzheizkraftwerk betreiben. Und bei dem Schuppenneubau handelte es sich um eine größere Halle mit Werkstatt, die auf dem Gelände der heutigen Firma Chutsch entstand.
Warum gerade Oerlinghausen einen Segelflugplatz bekam? Schon lange suchten Luftsportfreunde aus der Region in den 1920er Jahren nach günstigen Hügelgebieten, um vom Hang hinunter die Segelflugzeuge in die Luft zu befördern. Mit Gummiseilen katapultierte man damals die fliegenden Kisten in die Landschaft. Auf der Wasserkuppe in der Rhön liefen die Flugstarts schon seit einigen Jahren. Der Teutoburger Wald mit seinen sonnigen Südhängen schien ebenfalls gut geeignet zu sein.
Die ersten Flugpioniere rückten aus Bielefeld an. Es wurde erzählt, dass sie auf Sültemeiers Hof (heute Oerly Musikschule) im Stroh schliefen und dass der Bauer ihre Flugzeuge mit Pferden die Hänge hinaufzog. „Mit sehr gutem Erfolg“, so ist es in einem Brief des Bielefelder Luftfahrt-Vereins an die Stadt zu lesen, habe man von den Oerlinghauser Fliegerkuppen viele Gleitversuche gemacht. Und man bat um einen Pachtvertrag mit der Stadt, weil das Gelände „in hervorragendem Maße für den Segelfluggeeignet ist.“ Die Nachricht vom neuen Oerlinghauser Segelflugplatz machte 1930 schnell die Runde. Auch Detmolder und Herforder Flugsportfreunde kamen nun regelmäßig nach Oerlinghausen. Neben der Bielefelder Halle errichtete man bald weitere Flugzeughallen in der Heidelandschaft. Auch in der Bergstadt bewunderten die Bewohner die Piloten der lautlosen Vögel, die man auf Sonntagsspaziergängen in der Luft über der Senne beobachtete.
Der flugbegeisterte Friseurmeister Fritz Drewes, den alle nur unter seinem Spitznamen „Tempo“ kannten, ergriff in Oerlinghausen als Erster die Initiative. Mit 14 gleichgesinnten und begabten Handwerkern wie dem Karosseriebauer Jakob Risse gründete er den Verein „Sturmvogel“. In einer eigenen Werkstatt in der Gaststätte Wolfseiche und einer neuen Halle am Fluggelände baute man das erste Oerlinghauser Segelflugzeug und nannte es „Tönsberg“. Doch die jungen Flugzeugbauer aus der Arbeiterschaft stießen nicht auf Gegenliebe bei den etablierten Fliegern aus Bielefeld oder Herford. Ständig gab es Streit um die Nutzung des Platzes.
Sie schlichteten mühsam den Streit
An den Ostertagen des Jahres 1932 kam es zu einem großen Krach. Die Sturmvogel-Mitglieder, die auf dem Segelflugplatz ihr neues Gleitflugzeug der Öffentlichkeit vorstellen wollten, wurden von Mitgliedern des Bielefelder Vereins daran gehindert. Der Bielefelder Vorsitzende Paul Schmeißer verbot den Oerlinghausern gar das Betreten des Segelflugplatzes. Ein heftiger Protest der Sturmvogel-Anhänger folgte unmittelbar. Bürgermeister August Reuter und auch Landespräsident Heinrich Drake mussten eingreifen. Sie schlichteten mühsam den Streit, der aber unterschwellig weiterschwelte.
Doch die spektakulären Flugerfolge der Segelflugpioniere in der Stadtsenne überstrahlten Vieles. Hatte schon Robert Kronfeld einige Jahre zuvor einen sensationellen 100-Kilometer-Flug entlang des gesamten Teutoburger Waldes hingelegt, so gab es schon bald ein neues Idol der segelflugfreudigen Jugend, der Flieger Seppi Ruhl. Am 22.Mai 1932 startete Ruhl von den Oerlinghauser Kuppen, fand einen günstigen Aufwind und flog ganze fünfeinhalb Stunden mit seiner „Bad Meinberg“ über dem Tönsberg und dem Barkhauser Berg. Voller Begeisterung lobte Bürgermeister Reuter diese Leistung des Segelfliegers und damit auch seine Vorbildfunktion für die Oerlinghauser Jugend.
1933 übernehmen die Nazis den Flugplatz
Doch der „Sturmvogel“ und damit auch die Streitereien zwischen Vereinen fanden ein jähes Ende. In den Morgenstunden des 12. April 1933 rückten plötzlich SS-Hilfspolizisten am Segelflugplatz an und nahmen die Flughalle des „Sturmvogel“ in Beschlag. Man zog das Vereinsvermögen ein, kurze Zeit darauf verbot man die Vereinigung. Die anderen Vereine aus Bielefeld oder Herford hatten sich dagegen mit den Nazis arrangiert. Bald stand der ganze Oerlinghauser Segelflugplatz unter der Regie des Nationalsozialistischen Fliegerkorps.
Schon in den 1930er Jahren aber begann man auch einen Flugplatz 1,5 Kilometer weiter südlich - auf dem heutigen Gelände - als Windenschleppplatz zu nutzen. Die Luftwaffe übernahm dann das Gebiet als Außenlandemöglichkeit des Detmolder Flugplatzes. Die militärische Verwendung des jetzigen Segelflugplatzes fand ihren Höhepunkt, als von hier 1944 Hunderte von Fallschirmjägern nach Südbelgien geflogen wurden, um die sogenannte Ardennenoffensive der Wehrmacht zu unterstützen - was aber in einem Fiasko endete.