Oerlinghausen in der Erinnerung eines 80-jährigen

Von Geheim-Rat Caspary-Kassel

 

Meine Wiege hat zwar nicht in Oerlinghausen gestanden, aber schon als ich drei Jahre alt war, 1848, wurde mein Vater dahin versetzt, so daß meine Erinnerung an Meinen Geburtsort Blomberg nicht zurückreicht. Bis zu der Versetzung meines Vaters nach Schötmar, 1857, wohnten wir in Oerlinghausen und die Erinnerungen an die dort verlebten neun Jahre zählen zu den schönsten meines Lebens. In diesem Alter ist ja das Kindergemüt für äußere Eindrücke am empfänglichsten, und es ist daher leicht erklärlich, daß gerade die in Oerlinghausen verlebten Jahre für meine körperliche und geistige Entwicklung von großer Bedeutung gewesen sind. Die köstliche Luft, die wir Kinder In reichstem Maße genossen und die einfache, aber kräftige Ernährung haben mich mit einer Gesundheit ausgestaltet, die mich befähigt, auch jetzt noch an meinen Körper weitgehende Zumutungen zu stellen.

Zunächst weckte In Mit die Liebe zur freien Natur die köstliche Lage Oerlinghausen; das Zusammenwirken von Wald und Heide verleiht ihr einen ganz besonderen Reiz und vielfach habe ich bis in die neueste Zeit, wenn die letztere in Blüte stand, mich zu längerem oder kürzerem Aufenthalt in die mir so lieb gewordene Heimat zurückbegeben. Es gereichte mir zur ganz besonderen Freude, daß Im vergangenen Herbst, als ich meinen achtzigsten Geburtstag mit meiner ganzen engeren Familie in Oerlinghausen feierte, meine Kinder meine Vorliebe für diesen Ort und seine Umgebung als durchaus berechtigt anerkannten und sich mit mir an den Glanzpunkten Oerlinghausens, Tönsberg mit der Windmühlenruine und Hünenkapelle, Schopketal und die angrenzende Senne mit Bartholdskrug, lebhaft erfreuten.

Einen großen Raum in meinen Erinnerungen nehmen auch meine damaligen Oerlinghauser Zeitgenossen ein. Oerlinghausen war damals so ziemlich von der Außenwelt abgeschlossen, abgesehen von den Ziegelgängern und den Webern, die ihre Erzeugnisse in weitere Fernen trugen, kamen nur wenige über das Weichbild Oerlinghausens hinaus und so entwickelte sich ein jeder nach seiner Art, und mindestens der zehnte Mann war ein ausgesprochenes Original. Ich könnte davon eine große Anzahl anführen, aber es würde den mir zur Verfügung stehenden Raum weit überschreiten, wenn ich jeden einzelnen in seiner Eigenart schildern wollte.

Eine hervorragende Eigenschaft der Oerlinghauser war ihr nie versiegender Humor und treffender Witz. Sie hatten eine hervorragende Begabung, Menschen und Dingen die komische Seite abzugewinnen und ihnen entsprechende Beinamen zu verleihen. Hiervon einige Beispiele: Ein Mann namens H. hatte ein stark nach innen geknicktes linkes Bein, das man mit einiger Fantasie als eine Drei ansprechen konnte, während das rechte gerade war. Beiname: H. Einunddreißig. Sein Bruder, dessen Tatendrang mit seinem Durste nicht Schritt hielt und der demgemäß seinen Verwandten zur Last fiel, hieß: H.'s Garnix. Ein aus der Residenz kommender Auditor, der dem Amte zur praktischen Ausbildung überwiesen war, hielt sich für berufen, den staunenden Oerlinghausern zu zeigen, wie ein feiner Mann gehen müsse; er schlenkerte seine Arme und Beine in so besorgniserregender Weise, daß man befürchten mußte, sie würden sich von seinem Rumpfe ablösen. Schon nach kurzer Zeit hatte er sich den ehrenvollen Titel erworben: „Gelenksherm". Auf den Rosinenhof komme ich noch zurück.

Zum Humor gehört bekanntlich eine angemessene Beigabe von Feuchtigkeit. An deren Zufuhr ließen es die Oerlinghauser im allgemeinen nicht fehlen. Vom Wein war natürlich keine Rede. Bier wurde nur wenig getrunken und so behielt der „lütke Kaurn" noch lange die führende Stelle. Auch manche weibliche Dorfsgenossen waren dieser Gottesgabe nicht abhold, namentlich, wenn die Gatten auswärts sich dem Tiggelwerk widmeten oder mit Leuten unterwegs waren. Einzelne, die in der Trockenlegung ihrer Kinder große Gewissenhaftigkeit an den Tag legten, wurden die Zumutung ihrer eigenen Trockenlegung im Sinne der Vereinigten Staaten von Nordamerika mit ungeheuchelter Entrüstung zurückgewiesen haben, und diese zu wecken, war ein sehr gewagtes Unternehmen, denn die Oerlinghauserinnen waren im allgemeinen vortrefflich zu Fuße unter der Nase, und man konnte leicht von ihnen etwas zu hören bekommen, woran man keine ungetrübte Freude hätte. Namentlich bei den Waschanstalten im Schopketal und der Hellkuhle konnte man sich derartige Entladungen weiblichen Zornes ohne besondere Anstrengungen leicht verschaffen.

Im wesentlichen lebten die Oerlinghauser, abgesehen von den fest Angestellten, von Handel, Landwirtschaft, Handwerk, Tagelohn usw. Besitzer größerer bebauter Flächen gab es nur wenige. Die meisten Oerlinghauser hatten kleinere Feldgrundstücke oder Gärten, in denen sie ihren Bedarf an Gemüse und Kartoffeln zogen, welchen letztere mit dem einen wesentlichen Teil der Hausgenossenschaft bildenden Schweine redlich geteilt wurden. Der Viehbestand wurde dargestellt von Pferden (nur wenigen), Kühen, Ziegen und Federvieh. Am zahlreichsten waren die Ziegen vertreten. Sie wurden alltäglich, zu einer Herde vereinigt, von einem Hirten auf die Weide getrieben. Der Sammelplatz war der Platz vor dem damals letzten Hause von Oerlinghausen-Süd. Die zuerst eintreffenden mußten meistens eine Zeitlang warten, bis die Herde vollzählig beieinander war. Die Zeit des Wartens vertrieben sie sich damit, mit den ihnen zu Gebote stehenden bescheidenen Mitteln (ein Schelm gibt mehr, als er hat), den Platz zu verschönern, daher der Name „Rosinenhof".

Handel und Wandel hielten sich in bescheidenen Grenzen. Es gab nur zwei oder drei Geschäfte, in denen außer Kolonialwaren und kleineren Gebrauchsgegenständen Kleidungsstoffe zu haben waren. Die Kundschaft bestand zum großen Teil aus den Bewohnern der benachbarten Bauerndörfer, die Sonntags nach erledigtem Gottesdienste die Läden bevölkerten.

Das Handwerk wurde im großen und ganzen in ziemlich primitiver Weise betrieben. Doch waren unter den Handwerkern einzelne von anerkennungswerter Geschicklichkeit. Ich besitze noch jetzt die am Ende der fünfziger Jahre von einem Oerlinghauser Tischlermeister angefertigten zwei Sessel, die an gefälliger Form und Bequemlichkeit jedem gefallen, der sich ihrer bedient. Handel und Wandel standen fast ausnahmsweise im Zeichen von Treu und Glauben, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit. Die Handels- und Gewerbetreibenden waren fast durchweg fleißig und zuverlässig und brachten es meistens zu einem, wenn auch bescheidenem, Wohlstande, der sich langsam aber sicher bei großer Sparsamkeit und möglichster Vermeidung von Ausgaben für Vergnügungen entwickelte.

Für die Verbindung mit der Außenwelt sorgte der Thurn- und Taxissche Postwagen, der auf der Fahrt von Bielefeld nach Detmold in Oerlinghausen hielt. Für uns Kinder war das stets ein Vorgang von großer Wichtigkeit. Die Reisenden erregten unsere gespannte Aufmerksamkeit, wurden eingehend gemustert. Ein besonderes Ereignis war es, wenn ihrer so viele waren, daß Posthalter Gröppel einen Beiwagen stellen mußte. Den Güterverkehr besorgten zwei Frachtfuhrleute.

Was man heutzutage unter Vergnügungen versteht, bewegte sich in den allerbescheidensten Grenzen. Tanzlustbarkeiten hatten auch nicht annähernd die Bedeutung wie heute. Meiner Erinnerung nach gab es damals nur ein öffentliches Tanzlokal, die sogenannte Knuttenbühne. Während der Kirmes wurde der Platz vor dem Jägerhause (wie der Wirt hieß, ist mir niemals bekannt gewesen, er hieß allgemein „Der Jägerpappe") mit Dielen belegt und mit einem Zeltdache versehen. Schon am frühen Nachmittag wurde mit dem Tanz begonnen, das Gedränge und Gestampfe war geradezu nervenerschütternd und mit Staub und Schweiß wurde eine unerhörte Verschwendung getrieben.

Die feinere Tanzkunst wurde der Jugend durch einen Tanzlehrer beigebracht, der von Zeit zu Zeit In Oerlinghausen erschien, was stets als eine besonders wichtige Begebenheit betrachtet wurde. Die erste Tanzstunde, an der ich teilnahm, fand in dem jetzt in zwei Zimmer geteilten Saale des Amthauses statt. Ich war noch so jung, daß die Unterscheidung von rechts und links bei mir noch nicht genügend eingewurzelt war und ich dadurch mancherlei Unordnung anrichtete. Meine Mutter, die stets für alles Rat wußte, half diesem Übelstande dadurch ab, daß sie meine linke Hosentasche zunähte, so daß jede Ungewißheit ausgeschlossen war. Der Unterricht schloß mit einem feierlichen Ball, der den Eltern der Schüler Gelegenheit gab, von der mehr oder weniger gelungenen Abrichtung ihrer Sprößlinge sich zu überzeugen. Ich habe später noch viel getanzt und des Herrn Moldt dabei vielfach in dankbarer Verehrung gedacht.

Zu den regelmäßigen, die Gleichförmigkeit des Lebens unterbrechenden, in das Gebiet der Vergnügungen fallenden Veranstaltungen gehörten in erster Linie die Schützenfeste, bei denen wohl die Erhöhung der Schußfertigkeit nicht gerade die Hauptrolle spielte. Auch die Jugend veranstaltete ab und zu dann in Zwischenräumen von mehreren Jahren Schützenfeste. Das war dann immer eine Sache von fast welterschütternder Bedeutung und endete mit einem feierlichen Tanzen und war lange Gegenstand des Gespräches.

Ein Hauptereignis, bei dem die Hauptrolle der Jugend zufiel, war das am Abend eines jeden Ostersonntages auf dem Tönsberge abgebrannte Osterfeuer. Das Material dazu beschaffte die Jugend durch eine nachdrücklich vorgenommene Hauskollekte, bei der Teertonnen der gesuchteste Artikel waren. Zur Beförderung der Früchte unseres Sammelfleißes zur Brandstätte diente Beckers Esel, wohl das damals volkstümlichste Haustier in Oerlinghausen. Er war dort der einzige vierbeinige Esel und wurde uns von dem Eigentümer, Brauereibesitzer Becker, stets bereitwilligst zur Verfügung gestellt. Es hatte sich nach und nach eine Art von Recht daraus gebildet und eine Verweigerung würde eine allgemeine gewaltige Erbitterung erregt haben. Es ging auch die Sage, er habe einmal versucht, der Jugend den Esel zu verweigern, eine Wiederholung des Versuches aber wohlweislich unterlassen. Infolge des reichlich gespendeten Materials war unser Osterfeuer eines der glänzendsten der Gegend. Die Umgegend ließ sich aber auch nicht lumpen und der Blick auf die zahlreichen Feuer war geradezu feenhaft. Um unser Feuer war stets eine zahlreiche Menschenmenge versammelt, die unreife Jugend drängte sich nahe daran, um den Anblick der Flammen möglichst gründlich zu genießen, während die reifere es vielfach vorzog, meistens paarweise, von dem nahegelegenen Gebüsch aus den Anfang, den Gipfelpunkt und das Erlöschen der Glut zu beobachten. Selbstverständlich gab es hinterher allerlei Klatschereien und Sticheleien.

Ein weiterer Glanzpunkt des Jahres, namentlich für die Jugend, waren die Oerlinghauser und die Stukenbrocker Kirmes. Für sie wurde das ganze Jahr hindurch gespart, aber stets mit dem bedauerlichen Ergebnis, daß die Ersparnisse früher ihr Ende erreichte als die Kirmes. Die vielen Honigkuchenbuden, die Vorführung von gezähmten wilden Tieren, meistens Bären und Affen, besonders auch das Karussell, blutrünstige Bilder von unerhörten Greueltaten, Kasperltheater usw. waren für uns Gegenstände lebhafter Teilnahme. Eine wichtige Persönlichkeit war auch der Mann mit dem Honigbier, dem er die romantische Bezeichnung „Meth" verlieh und der längst dem türkischen Honigmann Platz gemacht hat. Diese Flüssigkeit wird wohl mit Bienenhonig und Bier wenig zu tun gehabt haben, aber sie schmeckte uns dennoch gut. Eine große Anziehungskraft übte sie auch auf die Wespen aus, die sich gierig darauf stürzten und ihre Gier vielfach mit dem Tode des Ertrinkens büßen mußten, aber dadurch lieh sich niemand abhalten, dem „Meth" tüchtig zuzusprechen. In welcher Weise die Tanzlust während der Kirmes zu ihrem Rechte kam, habe ich bereits oben beschrieben.

Ab und zu erschien auch wohl eine wandernde Schauspieleitruppe, die auf höchst primitiver Bühne und mit äußerst bescheidener Ausstattung durch ihre Darbietungen vorwiegend auf die Tränendrüsen des Publikums wirkten. Über den Kunstwert konnte man verschiedener Ansicht sein. Jedenfalls opferte man, um sie zu genießen, gern die höchst bescheidenen Eintrittspreise, an deren Stelle auch vielfach Lebensmittel traten. Wir Kinder betrachteten die Mitglieder einer solchen Truppe zunächst mit einer scheuen Verehrung, beinahe, als wenn sie eine Art höherer Wesen wären. Wenn aber die dazu gehörigen Kinder mit uns in näheren Verkehr kamen und uns vertrauliche Mitteilungen über ihr Familienleben machten, z. B. erzählten, daß der Vater die Mutter ebenso prügelte wie gewöhnlich Sterbliche, kamen wir ihnen bald menschlich näher.

Wenig erfreulich war damals in Oerlinghausen die Wasserfrage. An eine Wasserleitung dachte damals noch niemand. Man war im wesentlichen angewiesen auf die Brunnen, die sich teils auf der Straße, teils in verschiedenen Häusern befanden. In besonders trockenen Sommern versiegten manche und dann war die Wasserversorgung für viele sehr schwierig. Ich entsinne mich noch eines Sommers, in dem die im Amthause befindliche Pumpe stark in Anspruch genommen wurde und gegen Abend auf dem Hofe hinter dem Hause ein fast beängstigendes Gedränge herrschte.

Den Wassermangel in Oerlinghausen und Umgegend empfanden wir Jungen, besonders peinlich in der heißen Sommerszeit, in der das Verlangen nach einem kühlenden Bade besonders stark war. Wir mußten oft weite Wege machen, um einen geeigneten Teich zu erreichen. Der beliebteste war der Stöhnebrinksteich, der uns aber von unseren Eltern verboten war, da das Baden in ihm nicht ungefährlich war. Der Lage des weiter entfernten Katzenteiches entsinne ich mich nicht mehr. Er wird auch wohl nicht mehr vorhanden sein. Ab und zu stellten wir auch ein Wasserbecken durch abdämmen des Schopkebaches her. Die Freude daran dauerte aber gewöhnlich nicht lange, da ein von uns sehr gefürchteter Hofmeister in Menkhausen die Anlage bald wieder zerstörte.

Zum Schluß noch einige Worte über die Versorgung der Jugend mit Wissen und Bildung. Die Grundlage wurde in der Küsterschule gelegt, wo Mädchen und Knaben unterrichtet wurden; das betreffende Haus ist jetzt noch vorhanden. Die Knaben traten später in die Kantorschule über, die neben dem Amthause lag. Wer lateinisch lernen wollte oder sollte, war auf den guten Willen des Pastors oder seines jeweiligen Kandidaten angewiesen. Im Sommer 1857 taten sich deswegen einige Familien zusammen zur Gründung einer Schule, in der auch lateinisch und französisch gelehrt wurde, zunächst von einem aus Hessen verschriebenen Kandidaten. Das Schulzimmer befand, sich im Hause des Bäckermeisters Nagel.

Ich hoffe, daß es mir gelungen ist, ein einigermaßen zutreffendes Bild von dem Oerlinghausen meiner Jugend zu geben. Ich kann natürlich keine Gewähr dafür übernehmen, daß es in allen Stücken der objektiven Wirklichkeit entspricht, auf streng historische Treue kann es also keinen Anspruch machen. Um rein objektiv beobachten zu können, war ich damals noch zu jung. Ich habe daher Oerlinghausen nur schildern können, wie es in meiner Erinnerung lebt, und diese Erinnerung gehört, wie ich schon eingangs hervorgehoben habe, zu den schönsten meines Lebens. Dadurch, daß ich sie zu Papier gebracht habe, ist sie wieder besonders lebhaft geworden und der Stätte meiner Jugend kann ich nur ein ferneres Wachsen, Blühen und Gedeihen wünschen. Und so schließe ich denn mit den Worten:

Hie gut Oerlinghausen alleweg!