Senioren gingen noch einmal in die Schule
Neue Ausgabe des Müllerburg-„Kuriers“
Oerlinghausen (tom). Orts- und Heimatgeschichtliches, Gelegenheitsdichtung, Erlebnisberichte von Fahrten und Ausflügen. Eindrücke von einem Besuch im Oerlinghauser Gymnasium, „Spinnen und Weben" in Oerlinghausen und Umgebung vom 16. Jahrhundert bis heute, Tips zur Körper- und Gesundheitspflege sowie ein Rückblick auf herausragende Ereignisse des vergangenen Jahres sind die bestimmenden Themen der neuesten, mittlerweile 6. Ausgabe des „Burgkuriers“, dem vom Arbeitskreis „Zeitung“ des AW-Altenwohnheims Müllerburg am Kalderberg herausgegebenen Mitteilungsblatt.
Die Redaktion des „Burgkuriers“ setzt sich im Vorwort mit der Kritik an der im letzten Heft veröffentlichten Sammlung von sogenannten Flüsterwitzen aus der Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Bei der Auswahl der Witze, rechtfertigt sich die Redaktion. sei sorgfältig darauf geachtet worden, daß die Gefühle von Menschen, die unter dem NS-Regime gelitten haben, nicht verletzt würden.
Anerkennenswert ist die Feststellung, die am Schluß der Vorworts gemacht wird: „Eine Zeitung lebt auch ganz besonders davon, daß sie Widerspruch auslöst und damit zur Reflexion und zum Dialog beiträgt. Wir. . . begrüßen es wenn der Leser mit unserem ‚Machwerk' kritisch umgeht.“ Eine Einsicht, die für Zeitungsmacher aller Generationen, von Schüler, Tages- oder Seniorenzeitungen, selbstverständlich sein sollte, aber leider nicht immer ist.
Bewährte Faktenfülle, Liebe zum historischen Detail und kaum zu zügelnde Erzählfreudigkeit zeichnen den Beitrag von Fritz Soll sen. über den Windmühlenstumpf auf dem Tönsberg aus, dem Wahrzeichen der Bergstadt. „Ohne den Windmühlenstumpf können wir uns Oerlinghausen überhaupt nicht vorstellen", schreibt Soll, NW-Lesern von zahlreichen heimatgeschichtlichen Artikeln her gut bekannt.
„Die Wette“ ist ein Gelegenheitsgedicht überschrieben, in dem August Klarholz an eine denkwürdige Geburtstagsfeier auf der Müllerburg erinnert, während der Heimleiter Kramer offenbar unter Beweis stellen wollte, daß er noch nicht zum alten Eisen gehört: Per Fahrrad, so die gereimte Legende, bezwang er gleich zweimal den Kalderberg - und sicherte sich damit als Gewinn einen Kasten Bier.
Elisabeth Grube und Margot Werner berichten von „Fahrten und Ausflügen in und um Siegen", Dr. Peter Biresch blickt zurück auf die Geschichte des „Spinnens und Webens“ in Lippe. Diplompädagoge Wolfgang Stief gibt Vollwertkost-Ernährungstips und Hildegard Schülke. Grete Steinkühler. Margot Werner und Elisabeth Grube lassen die Leser an einem für alte Menschen eher ungewöhnlichen Erlebnis teilhaben: Sie gingen noch einmal zur Schule. Dabei handelte es sich um einen Gegenbesuch im Oerlinghauser Gymnasium, nachdem eine Gruppe Schüler der 10. Klassen des Gymnasiums zuvor die Müllerburg besichtigt hatte. „Besonders gut gefallen hat mir die ansprechende Kleidung des Direktors, weil unser Direx früher nur im schwarzen Cut zu sehen war", schreibt beispielsweise Hildegard Schülke.
Die geschilderten Eindrücke sind durchweg lesenswert und hätten ruhig etwas umfangreicher ausfallen können, weil sie Einblick in die (Gedanken-)Welt der Altenheimbewohner gestatten und diese Welt Außenstehenden etwas näherbringen können. Was nehmen die Heimbewohner vom kulturellen, kommunalpolitischen, gesellschaftlichen Geschehen in ihrer Stadt wahr, was halten sie davon, wie sah es im Vergleich dazu früher aus, gefällt ihnen das Heimleben, was könnte verbessert werden, möchten sie mehr in das Stadtleben integriert sein? Themen, deren Behandlung die „Burgkurier“-Redaktion guten Gewissens etwas mehr Platz einräumen darf.