Ihr lieben Angehörigen unserer Gefallenen
Pfarrer Friedr. Schwarz
Oerlinghausen bei Bielefeld
Oerlinghausen, den 5. September 1945.
Ihr lieben Angehörigen unserer Gefallenen!
Wie Ihnen bereits früher mitgeteilt wurde, ist Ihr lieber XXXXXXXXXXXXX
in den Ostertagen (1.—3. April) 1945 in den Kämpfen um unsere Stadt gefallen und am 9. April unter großer Beteiligung der Bevölkerung auf unserem evgl. Friedhof beigesetzt worden.
Heute will ich Ihnen nun den versprochenen kurzen Bericht über den Verlauf des hiesigen Kampfes, den ich selbst miterlebt habe, geben und Ihnen gleichzeitig als eine kleine Hilke zum Trost in Ihrem schweren Leid meine Predigt am Grabe der 70 gefallenen Soldaten überreichen.
I. Kurzer Bericht über den Verlauf des Kampfes.
Das der unglückselige Krieg mit Riesenschritten seinem ebenso unglückseligen Ende entgegengehen würde, war wohl jedem einsichtigen allmählich klar geworden. Wer es noch nicht durch die zahllosen schweren Luftangriffe und ihr Chaos wahr haben wollte, mußte es schließlich in der zweiten Hälfte des Monats März an den Elendszügen eines zurückflutenden geschlagenen Heeres wohl oder übel sehen, wie sie bei Tag und bei Nacht unaufhörlich durch unser Städtchen strömten. Wer den Rückzug unserer Truppen 1918 miterlebt hat, der mußte sagen, daß dieser Rückzug ein Parademarsch gegenüber dem war, was wir im März 1945 zu sehen bekamen. Das arme verführte deutsche Volk und das bedauernswerte verführte und verratene deutsche Heer, das sich auf den Schlachtfeldern Europas so tapfer geschlagen hatte, das Not und Entbehrung der Rückzugskämpfe auf sich nahm in der Hoffnung auf die ach so leeren Versprechungen einer verantwortungslosen, glaubenslosen Führung! Verhungert und zerlumpt, müde und ohne Hoffnung zogen sie daher, und hinterdrein und über sie her ein Gegner im Vollbewußtsein seiner Kraft und Überlegenheit, von dem unsere „Führung", als er nach dem Kampf hier wochenlang bei Tag und bei Nacht mit seinen Panzern und seinem Troß durch unsere Straßen brauste, noch zu sagen sich erlaubte, er leide unter Nachschubschwierigkeiten. Als am Ostersamstagabend die Luftschutzsirenen zum letzten Male über uns ertönten, war es der minutenlang tönende Warnruf: „Feindalarm!“. Von Paderborn herkommend, wo er Karfreitag und Karsamstag sich durchgekämpft hatte, zog nun der Gegner in breiter Front auf den Teutoburger Wald zu, durch dessen Engpässe er sich mit aller ihm zu Gebote stehenden Macht durchzukämpfen bereit war. Noch flutete das geschlagene deutsche Heer in wilden Haufen zurück, irgendwo hinter der Weser vielleicht noch einmal zu einem letzten Halt zu kommen. Mittlerweile waren durch andere Truppen die Bergketten und unsere Stadt besetzt worden, drohend drang zu uns herüber der Donner der Kanonen. Noch unter dem sehr nahe gekommenen Beschuß hielt ich am 1. Ostertag anstelle des Festgottesdienstes eine kurze Andacht vor einer kleinen, aber mutigen Gemeinde. Im Laufe des Ostersonntagnachmittags waren nun die amerikanischen Panzer mit ihrer Infanterie bis unmittelbar an das Gebirge und die Stadtgrenze herangekommen. Die Panzersperren waren geschlossen und besetzt, die Truppen hatten ihre Stellungen bezogen, der Feind hatte sich mit seiner Hauptmacht in einer Entkernung von 2 - 4 km vom Gebirge und unserer Stadt aufgestellt, die Rohre seiner Kanonen auf uns gerichtet. Um 18 Uhr setzte die Beschießung ein, die zunächst auf die äußere Bergkette und […..] getan, kein Winkel wurde vergessen und auf dem Friedhof hob eine Kolonne drei große Gräber aus, in die nach sorgfältiger Untersuchung auf Ausweispapiere, Nachlaßsachen und tödliche Verwundungsart die Toten geborgen wurden.
Am Montagmorgen, dem 9. April, sammelte sich eine große vielhundertköpfige Menschenmenge auf unterem Friedhof. Um 10 Uhr habe ich zunächst die Kriegsopfer aus der Bevölkerung der Stadt beigesetzt, und um 11 Uhr war dann die große Trauerfeier und Beerdigung unserer Soldaten, außer mir wirkte hierbei auch mein katholischer Amtsbruder, der die hier wohnenden evakuierten Katholiken betreute, mit. Herr Pfarrer Jansen sprach über das Wort Ev. Joh. 11, 25: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Meine Predigt hielt ich über das Wort Offenbarung Joh. 2, 10: Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Es war eine ergreifende Feierstunde auf unserem Friedhof. Nicht weit von uns brausten die amerikanischen Panzer und Lastwagen vorbei und über unsere Köpfe hinweg eilten die Flugzeuge ostwärts, zum letzten vernichtenden Schlage gegen die Verblendung und den selbstzerstörerischen Trotz auszuholen. — Gottes gewaltige Hand hat uns, die wir nach seiner Ehre trachteten, in den Staub geschlagen. — Auf dem Grab Eurer Toten wird das Kreuz von Golgatha sich als das Zeichen unserer Erlösung und Hoffnung erheben!
II. Meine Predigt am Grabe unserer gefallenen Soldaten.
Text: Offenbarung Johannis Kapitel 2, Vers 10: Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.
Was war das kür ein Ostern in diesem Jahre in unserer Stadt! Wie selten um diese Jahreszeit war schon die Natur geschmückt. Wie leuchtend stieg die Sonne herauf. Es war, als ob gerade für die Feier der Auferstehung des Heilandes uns Gott besonders eine solch begnadete Zeit geschenkt habe! — Aber Menschen in ihrem gottlosen Wahnwitz haben uns das heilige Osterfest 1945 zu Tagen des Schreckens und der Blutströme gemacht. In die Osternächte hinein loderten die Brandfackeln zahlreicher Häuser, die grünende Erde trank das Blut der Opfer, dahin geschlachtet in einem Kampf, nach dessen Sinn wir nur noch vergeblich fragten. Ich habe sie fallen sehen, schreien und stöhnen hören um die Pfarre herum, und das Herz wollte mir brechen über dem Leid und Weh, das Menschen sich gegenseitig antun. — Nun liegen sie in den Gräbern, in geweihter Erde auf unserem Friedhof: Männer, Familienväter, Jünglinge, z. T. noch halbe Kinder. Und fern in ihrer Heimat werden Frauen, Väter, Mütter und Kinder sich die Augen ausweinen, und ihre Herzen werden in bitterem Weh zerbrechen, wenn sie die all ihre Hoffnungen zerstörende Nachricht erhalten werden.
In Demut und Dankbarkeit stehen wir nun hier an den großen Gräbern. Sie, die darin ruhen, haben ihre Pflicht getan bis zum Letzten, wie haben sie sich in den Boden gekrallt, ihre Stellung zu halten, auch wo sie sahen, daß da nichts mehr zu hoffen war. Durch das Grauen eines ungleichen Kampfes sind sie hindurchgegangen, Not und Entbehrung auf sich nehmend, getreu bis an den Tod. — Sie sind die Opfer satanischer Mächte geworden, die unterem Volk viel Trübsal und Leid gebracht haben. „Getreu bis an den Tod!", das galt einst von den Märtyrern der christlichen Kirche; die ihres Bekenntnisses zu Christus wegen alles auf sich nahmen und wagten. In übertragenem Sinne dürfen wir es auch von denen sagen, die ihr Leben für uns dahingaben.
Es waren die Ostertage, an denen solches geschah. Nicht Zufall, sondern für uns alle ein göttliches Zeichen. Über den Gräbern unterer Toten steht der auferstandene Christus. Darum sehen wir nicht in die Sinnlosigkeit eines grausamen Schicksals hinein. Niemals! Christus, der auferstandene, hat dem Leben einen neuen, himmlischen Sinn gegeben. Das irdische Leben zerbricht irgendwo und irgendwann am Tode nach dem Willen unseres Gottes. Aber aus dem Todesnichts heraus hat der ewige Gott das neue, ewige Leben geschaffen. Darum singen wir mit Recht in dem Lied vom guten Kameraden: „Bleib du im ewgen Leben, mein guter Kamerad." Das ewige Leben ist die Krone des Lebens, die der Auferstandene denen bereit hält, die mit IHM vom Tode zum Leben hindurchdringen, wir werden um sie zwar weinen, aber sie sind nicht zu beklagen, denn sie sind eingegangen in Gottes ewige Herrlichkeit, da nicht mehr sein wird Schmerz, Leid, Geschrei, Streit oder was es sonst sein mag, was uns diese Erde zum Jammertal werden läßt. Wen Gott so ruft, der ist vollendet, um dessen Zukunft und Karriere brauchen wir uns keine Gedanken und Sorgen zu machen. Das Siegeszeichen von Golgatha, was sich dereinst einmal über diese Gräber erheben wird, weißt uns allen den Weg: denen, die hier ruhen, daß ihre Seelen sich finden in den ewigen Kammern; uns, die wir hier noch leben und zu Kämpfen haben, zum Trost und neuen Lebenssinn! — Daß auch wir hindurchdringen zur Krone des Lebens: durch Kampf, Trübsal, Leid und Not, was auf uns allen lastet, tapfer uns hindurchkämpfen; daß wir laufen in dem Kampf, der uns verordnet ist und den Sieg gewinnen am Ende aller Zeit, wenn die Ewigkeit hereinbricht, die Krone des Lebens, die über dem Kreuz und den Kreuzen dieser Welt steht vom Anfang zum Ende und vom Ende rum Anfang! — Laßt uns die Seelen der Toten, ihrer Angehörigen und unsere Seelen betend dem Auferstandenem befehlen für Zeit und Ewigkeit
Amen !