Den Sommer über war Vater einfach nicht da

Wie eine Oerlinghauser Zieglerfamilie um die Jahrhundertwende lebte - Fritz Soll berichtet aus Erzählungen seines Vaters von Anno 1900

 

Oerlinghausen (WB). Das Leben einer Zieglerfamilie In Oerlinghausen um die Jahrhundertwende - Fritz Soll hat es aus Erzählungen seines Vaters und Aufzeichnungen seines Onkels noch In bester Erinnerung. Die OERLINGHAUSER ZEITUNG beginnt heute mit dem Abdruck seiner Aufzeichnungen, die Zeugnis davon ablegen, daß auch in der »guten alten Zeit« längst nicht alles eitel Sonnenschein war. Lesen Sie heute, wie die Familie über die lange Abwesenheit des Vaters Im Sommer hinwegkam.

[Bild: Die Hauptstraße kurz nach der Jahrhundertwende: Aus dieser Zeit stammen die Erzählungen und Aufzeichnungen, nach denen Fritz Soll über das Leben einer Oerlinghauser Zieglerfamilie berichtet. Das Bild wurde dem von Eberhard Freitag herausgegebenen Buch »Oerlinghausen auf alten Postkarten« entnommen.]

Seit unserer Kindheit war es bei uns zu Haus nicht anders gewesen, daß unser Vater (der Großvater des Verfassers, Anm. d. Red.) etwa Anfang bis Mitte März nach Ochtrup bei Münster auf die Ziegelei fuhr. Er war dann für uns Kinder im Sommer einfach nicht da. Den ganzen Sommer über hatte Mutter also die gesamte Familiengewalt in ihren Händen. Diese »Gewalt« wußte sie auch auszuüben, um bis Anfang Dezember, wenn Vater wiederkam, einigermaßen und ohne große Schulden über die Runden zu kommen. Vater nahm einen ganzen Schinken und eine halbe Seite Speck mit, aber nicht für sich allein, sondern auch für seinen Ältesten Karl, der mit auf Arbeit ging. Da Tochter Johanne auch schon außer Haus war, mußte sich Mutter nur noch mit drei Jungen und einem Mädchen abplagen.

Aber bald sahen wir Vater wieder, und das war jedes Jahr so. Am Gründonnerstag kam er wieder von Ochtrup zurück und fing mit Mutter am frühen Karfreitagmorgen an zu graben. Sie hatten neben dem Land, das zu ihrer Wohnung gehörte, noch extra vier Scheffelsaat (6.400 qm) gepachtet. Wenn das Wetter gut war, ging ja alles seinen Gang, aber wenn es regnete, dann mußten sie sich zwei- bis dreimal am Tag umziehen, so durchnäßt waren sie. Aber sie hielten durch, denn am Ostermontag mittags fuhr Vater wieder ab, und wir Kinder sahen ihn den ganzen Sommer nicht wieder. Mutter zwar auch nicht, aber sie hätte gekonnt, wenn sie gewollt hätte. Vater lud sie jedes Jahr ein nach Ochtrup zu kommen, wenn dort die Sommerkirmes war, aber Mutter mochte nicht. Den Kindern sagte sie dann immer: »Oh, das ist viel zu teuer!« Aber ob das wirklich der Grund gewesen ist? Wir wissen es nicht, nur eines wissen wir - daß Mutter mit ihren »Reisen« nie über Detmold zum »Hermann« hinausgekommen ist.

Nun, wo Vater weg war, ging auch für uns Kinder die richtige Arbeit los. Jetzt wurden Kartoffeln gepflanzt, das war die Hauptsache. Hacken und Anhäufeln mußten die Jungen machen. Das Mädchen hielt den Haushalt in Ordnung, denn Mutter hatte eine Nebenbeschäftigung. Sie ging zu anderen Leuten, die sich das leisten konnten, für wenig Geld als Wäscherin. Da Mutter bei einem Lebensmittelhändler arbeitete, bekam sie kein Bargeld als Lohn, sondern mußte für den vereinbarten Lohn Lebensmittel zu Ladenpreisen mit nach Hause nehmen (auf diese Art und Weise verdiente der Ladeninhaber an dem vereinbarten Lohn auch noch, d. Verf.). Da zwei Schweine im Stall waren und im Sommer in der Hauptsache Grünfutter bekamen, war auch dieses eine Aufgabe der Jungen, und so konnten sie schon mit zwölf Jahren mit der Sense umgehen und das Gras mähen, was ja viel leichter war als das mühevolle Schneiden mit der Sichel.

So ging für Mutter der Sommer schnell dahin, vorausgesetzt, sie war nicht in Umständen, denn Zieglerkinder kamen von Ende August bis Ende November zur Welt. 1901 etwa wurden im zweiten Halbjahr in Oerlinghausen doppelt soviel Kinder geboren wie im ersten Halbjahr.