Kräfte aufgebraucht
Als Kinder haben wir das Ganze vielleicht nicht so schlimm empfunden wie meine Mutter, die das, was bisher unser Lebensrahmen war, auf so eine fürchterliche Art verlor. Ich höre sie noch heute sagen, daß sie es lieber gesehen hätte, wenn eine Bombe das Haus getroffen hätte, als so mit anzusehen, wie unser Eigentum sinnlos zerstört wurde. Sie fühlte sich ja auch meinem Vater gegenüber verantwortlich, aber was sollte sie in dieser misslichen Lage tun? Als wir dann nach etwa zwei Monaten wieder in das Haus einziehen konnten, gab es nichts mehr, was zu gebrauchen war.
Möbel gab es keine mehr, die Räume des Hauses waren in einem unbeschreiblichen Zustand. Alle unseren Sachen, die noch übrriggeblieben waren, lagen zerrissen und kaputt im Garten verstreut herum. Man watete förmlich in den zerlumpten Dingen herum und suchte nach etwas, was noch zu gebrauchen war, und wenn es nur ein Löffel oder ähnliches war. Es gab aber nicht viel zu retten. Wir konnten bei Null wieder anfangen!
Als dann die Männer nach Hause kamen, wurde der Platz in der Polstererwerkstatt zu eng, neun Personen waren einfach zuviel. Mein Vater hat dann eine Möglichkeit gesucht, eine Wohnung zu finden. Und eines Tages eröffnete er uns dann, daß wir ein Behelfsheim mieten könnten, und zwar an der Detmolder Straße 486. Diese Behelfsheime waren für Flaksoldaten vorgesehen gewesen oder für Arbeitsdienstleute, waren aber erst halb fertig, so daß wir nicht gleich einziehen konnten. Da begann wieder eine schwere Zeit für uns, denn auch wir Kinder mußten feste mit anpacken. Aber wir haben das Behelfsheim fertig gebaut und nach und nach sogar einige Räume angebaut, so daß wir nach einiger Zeit wieder Platz für uns alle hatten und wieder menschlich wohnen konnten. Unsere Kräfte wurden dabei ziemlich aufgebraucht. Nach einigen Jahren haben wir dann in der Senne Land kaufen können und uns mit eigener Kraft ein Haus gebaut, in dem mein Vater heute noch lebt. Meine Mutter ist inzwischen leider verstorben. Ihr gebührt unser Dank. Sie hat alles Menschenmögliche getan, um uns durch die schlimme Kriegszeit und die Zeit danach zu bringen, ohne an sich zu denken.