Ein Wunder wie dies - Das Leben ging doch weiter

Von Ernst Heinicke

 

„Wie hast du den 8. Mai 1945 erlebt?“ Das ist so eine Frage, vierzig Jahre danach. Wie, wenn man einen Vierzigjährigen nach Erinnerungen an die Stunde seiner Geburt fragen würde. Oder fast so.

Da warst du mit 18 Jahren ausgezogen. fast von der Schulbank weg. fest entschlossen, dein junges Leben für Führer, Volk und Vaterland in die Schanze zu schlagen. Auslandsreisen, von denen du als Junge geträumt hattest, wurden plötzlich Pflicht, wenn sie dich auch nicht an die Gestade deiner Träume führten. Aber immerhin, auf Napoleons Spuren bis vor die Tore Moskaus und später dann an den Unterlauf des Dons. Heimatschüsse kamen zweimal gerade zurecht, um beim Schlimmsten nicht dabeizusein. Den Glauben an den Endsieg konnte das beim Jüngling jener Jahre kaum erschüttern Da war doch das unausrottbare, immer wieder mit neuer Nahrung versorgte Gerücht von der Wunderwaffe, von der niemand wußte, wie sie aussehen könnte, an deren entscheidendem Eingreifen aber kaum einer zweifeln durfte

Der Osterspaziergang 1945? Schon keine reine Freude mehr. Das „Vorwärts Kameraden, wir müssen zurück“ spielte sich bereits hart an der alten deutschen Ostgrenze ab. und dann ging es immer schneller nach Westen, kämpfend, fliehend, wieder kämpfend. Absetzbewegung oder Frontbegradigung nannte das der Wehrmachtsbericht

Aber das ereignete sich noch im leidlich geordneten Verband Mußte auch sein. Denn in fast jedem böhmischen Dorf hingen zu dieser Zeit an irgendeinem passenden Baum jene im Rückzug versprengten deutschen Landser, die Greiftrupps des Durchhalte-Generalfeld-marschalls Ferdinand Schörner ohne weiteres aufgeknüpft hatten Zuletzt schreckte das auch nicht mehr. Die Disziplin, einst Gütezeichen der Armee, hielt nicht mehr Mannschaften meuterten gegen ihre Offiziere, von denen sie sich verraten fühlten. Die heillose Flucht in Richtung Moldau begann. Getrieben von der Hoffnung, sich den Amerikanern ergeben zu können und nicht von den Russen, wie das die allgemeine Sprachregelung war, erschossen oder zur Zwangsarbeit nach Sibirien verschickt zu werden Irgendwann in diesen ersten Maitagen hörte einer aus dem Radio über einen ausländischen Sender etwas von Kapitulation Alles vorbei. Aber noch 50 Kilometer bis zum Fluß, der angeblichen Demarkationslinie zwischen West und Ost sein sollte Noch einmal ging es ums nackte Leben. Viele von uns waren in Gedanken schon zu Hause, da kamen sie von vorn. In Panjewagen, gezogen von flinken, zottigen Pferden, ohrenbetäubend der Siegesschrei: „Wojna kaputt, skoro damoi“, was soviel heißen sollte wie: „Der Krieg ist aus und ihr seid bald zu Haus.“ Die Sowjetarmee hatte uns nicht eingeholt, sondern den Weg abgeschnitten.

Noch ein Fluchtversuch, seitwärts in die Büsche, ein Griff zur Pistole. Letzter Ausweg? Da fuchtelt dir einer mit der Maschinenpistole vor der Nase herum. Jetzt war der Krieg wirklich aus. Mit dem „Bald nach Haus“ wurde es allerdings lange noch nichts. Die Wunderwaffe? Sie war ausgeblieben. Daß nach diesem 8. Mai das Leben - wie auch immer - weiterging, das erschien vielen dieser gerade mal 20-jährigen als das größte Wunder ihres jungen Lebens.