Die Tweten prägten das alte Bergdorf

Stadtgeschichte über spezielle Verbindungswege

 

[Bild: Das ehemalige Restaurant Westermann lag an der Hauptstraße, schräg gegenüber vom Jägerhaus. Links vom Haus verläuft die Klempnertwete und führt zur Howe. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv]

Oerlinghausen besitzt sehr viele historische Gassen und Fußwege. Der Grund ist die außergewöhnliche Lage am Tönsberg. Zum Glück wurden sie bei der Stadtkernsanierung restauriert.

Oerlinghausen. Eine Twete? Kaum jemand kann hierzulande etwas mit diesem Begriff anfangen. Es ist ein alter norddeutscher Name für eine schmale Gasse, mancherorts spricht man auch von Twiete. Oerlinghausen ist die Stadt, in der Tweten wohl die größte Verbreitung besitzen -gemessen an der überschaubaren Größe des Ortes. Sogar ein eigenes Buch gibt über die Oerlinghauser Tweten. Werner Höltke hat darin vor einigen Jahren über die Besonderheit der Bergstadt berichtet. Weit über 20 Tweten, sowie Brinke und Stiegen sind dort beschrieben.

Warum gerade durch Oerlinghausen so viele Tweten führen, hängt mit der außergewöhnlichen Lage des früheren Bergdorfes zusammen, das sich hufeisenförmig um den Tönsberg erstreckte. Die schmalen Durchgänge und Wege zwischen den Häusern verliefen aufgrund der Hanglage des Ortes zumeist vom Berg hinunter ins Tal. Hübsche, rustikale Bruchsteinmauern oder Hecken säumten sie und prägten das Ortsbild. Die Oerlinghauser nutzten die kleinen Pfade stets, um schnell auf die Äcker am Rande des Ortes zu gelangen. Manchmal auch, um Ziegen oder Kühe auf die Weide zu bringen. Mit dem zunehmenden Straßenverkehr und den Autos ging die Bedeutung der Tweten als Verbindung zwischen zwei Straßen zurück, denn die Tweten sind reine Fußwege.

Handwerker gaben den Tweten die Namen

[Bild: Blick durch die Küstertwete auf die Alexanderkirche - nach einer Zeichnung von Ernst Meier. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv Höltke]

Die Berufe der Anwohner gaben den Tweten häufig ihren Namen. Die Klempnertwete zum Beispiel, die zwischen der Hauptstraße und der Howe verläuft, deutet auf einen Klempnerbetrieb hin, der früher an dem kleinen Weg lag. Sie beginnt gegenüber vom Jägerhaus. Die Küstertwete ist die Verbindung zwischen der Hauptstraße und dem Kirchplatz. Sie soll an den Wohnsitz der Küster an der Alexanderkirche erinnern. Außerdem lag die frühere Küsterschule dort am Kirchplatz. Die Krämertwete ist die Passage am früheren Kik-Markt. Sie gründet sich auf die Krämerstände auf dem Oerlinghauser Jahrmarkt. Der Jahrmarkt fand seinerzeit noch auf der Hauptstraße und auf dem heutigen Platz am Amtsgarten statt. Die Schmiedetwete erinnert an den bekannten und geachteten Schmiede- und Schlossermeister Friedrich Grote, der im Jahre 1831 nach Oerlinghausen kam. Er eröffnete einen Schmiedebetrieb an der Ecke der Tönsbergstraße und der heutigen Schmiedetwete. Die Webertwete am Weberpark erhielt ihren Namen vom Textilunternehmer Carl-David Weber, der sich etwa um 1850 sich hier niederließ und ein Handelskontor für Oerlinghauser Leinen eröffnete. Die Hausweber lieferten ihm ihre gewebten Stoffe an, und er verkaufte dann die geprüften Textilien in alle Welt.

[Bild: Postkartenansicht der Hauptstraße aus dem Jahre 1910. Links das Stadthotel in dem damals das Rathaus lag, rechts das ehemalige Amtsgericht. Ganz rechts vor dem Amtsgericht beginnt die Gerichtstwete. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv]

Auch wichtige Gebäude gaben den Tweten ihren Namen. Die Gerichtstwete zum Beispiel, die am alten Amtsgericht gegenüber vom Stadthotel hinunter zur Howe führt. Oder aber die recht junge Schultwete zwischen der Howe und der Weerthstraße. Sie wurde erst nach dem Bau der Hauptschule 1957/58 (heute Heinz-Sielmann-Schule) angelegt. Bekannt ist auch die Kirchtwete. Sie bildet das letzte Stück des historischen Kirchweges von der Senne zur Alexanderkirche.

Und noch zwei Wegearten gelten als typisch für Oerlinghausen: Brinke und Stiegen. Auch sie erhielten ihre Bezeichnung von der Berglage des alten Dorfes: Ein Brink ist eine stark abschüssige Gasse oder ein Abhang. Eine Stiege gilt als Hangweg mit Treppenstufen. Der Karrenbrink an der früheren Jugendherberge (heute Tönsberghaus) zum Beispiel verdankt seinen Namen den Karren der Oerlinghauser, die vom Tönsberg Holz oder Heidekraut geholt hatten und das Brennmaterial nun mit der Karre nach Hause transportierten. Der Pipenbrink führt steil vom Piperweg hinunter zum Welschenweg. Die Pipen waren die frühesten Oerlinghauser Wasserleitungen. Sie bestanden aus Holz und leiteten Wasser aus einer Quelle am Tönsberg durch den Piperweg bis zum Brunnen auf dem Simonsplatz. (Pipeline ist die englische Bezeichnung). Der Schneiderbrink führt gegenüber der Kirche hinauf zur Tönsbergstraße. Seinen Namen bekam der ehemalige Schotterweg von Schneider Hilbrink, der dort an der Anhöhe wohnte.

Bier aus der Bergstadt gab es bis 1880

Die Oerlinghauser Stiegen erhielten ihre Namen ebenfalls durch die Lage am Tönsberg. Die Amtsstiege führt von der Hauptstraße an der Volksbank entlang hinauf zur Hermannstraße. Mit der Amtsstiege soll an das ehemalige Amtshaus erinnert werden, das auf dem Grundstück des Stadthotels stand - an der Stelle, wo später das Restaurant lag. Die Braustiege dagegen, die an der rechten Seite des Bürgerhauses emporführt und die Tönsbergstraße mit der Jägerstraße verbindet, verdankt ihren Namen der ehemaligen Brauerei im Bürgerhaus.

Sein Besitzer, der wohlhabende August Becker, betrieb ab 1843 das Brauhaus. Nach seinem Tod führte seine Frau die Brauerei bis etwa 1880. Dann wurde aufgrund der großen Konkurrenz das Bierbrauen in Oerlinghausen eingestellt.