Oerlinghausen in der Mitte des vorigen Jahrhunderts
Artikel von Julie Weerth
Zur Stadtwerdung im Jahre 1926, schrieb Julie Weerth in der Festausgabe der Lippischen Landeszeitung vom 12. Juni 1926, unter der Überschrift: "Oerlinghausen in der Mitte des vorigen Jahrhunderts" folgenden Artikel:
Es sah viel ländlicher aus, das alte Bergnest, als jetzt. Morgens wurde man in aller Frühe geweckt durch das Tuten der Kuhhirten, zu dem aus vielen Häusern die Kühe herbeikamen, um auf die Weide in die Senne zu ziehen. Wer keine Kuh hatte, hielt Ziegen, und vor manchen Häusern waren die Mistpfule unbedeckt wie auf dem Lande. Straßenbeleuchtung gab es natürlich nicht, man ging abends mit seiner Laterne, aber meistens war keine Veranlassung zum Ausgehen. Das Pflaster ließ viel zu wünschen übrig, und besonders nach längeren Wanderungen schmerzten bei der Rückkehr ins Dorf die Füße empfindlich. Man zog deshalb vielfach den Weg "über den Berg" vor, der von der Kirche her, Treppen hinauf und bei der Apotheke wieder auf die Straße führte. In einem Flügel der Apotheke war die Post untergebracht - Briefkästen gab es nicht - und man konnte sagen hören: Ich muß noch einen Brief nach der Apotheke bringen. Backwerk war kaum zu kaufen, den Festkuchen mengte jede Hausfrau selbst an und schickte die Plate zum Bäcker. Weißbrot wurde ein paarmal in der Woche gebacken und es war eine große Errungenschaft, als man morgens frische Brötchen haben konnte. Im Übrigen war alles, besonders Fleisch, in guter Qualität zu kaufen.
Um die Kirche herum wurde, wie früher üblich, seit Jahrhunderten begraben. Hohe Hügel türmten sich, zwischen denen sich schmale Pfade hinschlängelten. Der älteste Teil der Kirche, der Turm, noch zur Zeit der romanischen Baukunst errichtet, reichte bis zur Höhe des Kirchendaches und schloß mit einem schrägen, hölzernen Dach ab. An seiner Seite lagerte eine hohe Erdanhäufung, der Teufelsbrink , von dem aus vielleicht ein Eingang in die obere Hälfte des Turmes führte. Eine vertiefte Stelle im Gemäuer könnte eine zugemauerte Tür sein; im Volksmund wurde sie als die Stelle bezeichnet, an der der Teufel versucht hatte, den Turm einzurennen. Das Schiff der Kirche war früher zum Teil abgebrannt und wieder aufgebaut. Die Fenster in Folge davon verschieden hoch, wurden jetzt gleichmäßig gemacht. Der Fußboden war so uneben, daß ein kurzsichtiger Pastor stolperte und hinfiel; er bedurfte der Erneuerung. Die Sitzplätze waren meist kleine, verschließbare Räume; nur wer seinen ererbten oder gekauften "Kirchenstand" hatte und den Schlüssel dazu, konnte Anspruch auf einen Sitzplatz machen.
Die Schulen befanden sich in der Nähe der Kirche und dem alten Kantorhause gegenüber dem Jägerhof. Kantor, Küster, Nebenlehrer, Rektor waren die Leiter. Gewebt wurde im Dorfe nur noch wenig; aber die Leinenhändler kauften die Stücke Leinen auf, die vom Lande hereinkamen, auf der Legge gemessen und in der Mangel geplättet wurden. Ging man "über den Berg", so sah man Männer mit Maßstab in die Legge gehen, von der Straße aus hörte man das Pferd traben, das die treibende Kraft für die Mangel war. Am Straßengiebel trug das Gebäude die Inschrift: Soli Deo gloria, was den Kindern ganz unverständlich war. Erwachsene deuteten es wohl: Solide Glorie! An einen Seitenflügel war außerdem zu lesen: Katte diu most weten: Ungönet Braud wert auk eten. Aber nicht alles Leinen kam nach Oerlinghausen. Oft sah man Mädchen, besonders aus Augustdorf, mit dem Holster auf den Rücken durchs Dorf kommen, die ihre Ware nach Bielefeld brachten. Sie gingen zur Schopke hinunter neben dem Pfarrhaus, das schon in seiner jetzigen Gestalt stand. Das frühere ein Fachwerkhaus war abgebrochen und als erstes Haus auf dem Steinbült wieder aufgebaut. Dort wo es gestanden hat, grünt jetzt eine Linde, und zwei Brunnen waren nahebei. Die unterhalb liegende Wiese war Berg und Tal und wurde bald eingeebnet. Gegenüber hatten die größten Landbesitzer, Familie Becker, eine mächtige Scheune mit einer ganz kleinen Familienwohnung, in der Obermeiers Mömme regierte. Das nächste Haus an der Straße war Gastwirtschaft und Bäckerei, das Nebengebäude, mit Zugang über eine stattliche Miste, hatte bis vor kurzen als Wohnung des Arztes gedient. Ein anderer Arzt, Dr. Pape, war Inhaber des Hauses gewesen, in dem jetzt noch Fritz Blanke Drell webt. Nach ihm wurde die kleine Straße, die an der Pfarrkötterei entlangführt, die Papenstraße genannt. Das letzte große Haus in der Reihe hatte sich früher Pastor v. Cölln für sich persönlich gebaut; jetzt bewohnte es Krome, ein intelligenter Kaufmann und origineller Mensch, von dem viele Schwänke erzählt werden, die man zum Teil in Oesterhaus "Iuse Platt" wiederfindet. Ein anderes Original war der alte Lübbertsmeier, der im "alten Vogt" Bäckerei und Gastwirtschaft betrieb. Das Haus, ebenso originell, hat nach der Straße zu, mehrere Stockwerke; von den Treppen, die auf den Berg führen, geht man ins erste Stockwerk, und vom Fahrweg an der Hinterseite ist kaum noch ein Fenster zu sehen. Später hatte Heinemann Paradies dort seine Zigarrenfabrik. Eine dorfsbekannte Persönlichkeit war auch der "Putzer" Reuter, der höher am Berg wohnte; Barbier würde man heute sagen. Und dann der Uhrmacher Reuter! Als er seine alte Frau zu Tode gepflegt hatte, da sagte er, nun wolle er etwas für seine Bildung tun, und ging auf Reisen. Zuerst besuchte er Berlin und die großen Städte Deutschlands, dann fuhr der alte Mann noch nach Palästina und sprach nach seiner Rückkehr seine Verwunderung aus, daß all die berühmten, in der Bibel genannten Orte so nahe beieinander liegen. Er war übrigens unterwegs sehr krank geworden und hatte lange im Krankenhaus gelegen.
Zur Erheiterung seiner Mitbürger trug der Mann bei, der an einen Kirmestag die Straße entlang ging, singend: Freut euch des Lebens, un wers nich versteut, der lot'r de Nesen van dänne!
Die Hauptstraße hatte schon damals eine stattliche Länge. Von Strohdeichs Haus, nahe den jetzigen Müllerschen Besitzungen, in Hufeisenform um den Berg herum, führte sie nahe der Kirche vorbei und dem Brachtschen Schloß noch etwas die Säuern Straße entlang (Süden findet sich noch in dem englischen Southern). Das Schloß war ein altes mächtiges Gebäude, indem 18 Familien hausten. Große Fenster hatte man fast ganz zugemauert, viel Schmuck war nicht mehr dran zu sehen, aber es lag sonnig und geschützt an der Südseite des Berges. Daneben der "Alte Krug" in dem längst keine Wirtschaft mehr war. Hier sah man die Stukenbrocker mit ihren dunklen Augen, ihrer drallen Aussprache, in blauen Leinenkitteln ihrer Heimat zueilen. Hier schleppten auch die armen Frauen aus der Senne ihre schweren Säcke mit Fichtenäpfeln herein, die billig zum Feueranmachen verkauft wurden. Das brauchen sie jetzt nicht mehr zu tun; es ist vieles besser geworden in den letzten 75 Jahren.
Einen Verschönerungsverein gab es damals noch nicht, aber ein paar Herren hatten den Philosophenweg am Tönsberge ausbauen lassen, der sich nicht nur zum Philosophieren eignete, sondern auch zum Schwärmen mit Körners Leyer und Schwert oder mit Schillers Balladen. In Webers "Berg" gab es einen Tisch mit Bank, wo der Kaffee auf freier, lichter Höhe mit Blick ins weite Land, viel besser schmeckte als zu Haus.
Ging man von der Kirche her die "Götter"-Straße (englisch bedeutet gutter, sprich Götter, eine Gasse) nach dem Steinbült, so führte ein hübscher Weg durch die Lander, auch von einem freundlichen Herrn mit einer Bank versehen, nach dem poetischen Schopketal, wo alte knorrige Buchen zum Sitzen einluden. Im Quellental gab es noch keine Badeanstalt, die Jungen gingen zum Baden nach der Seifenmühle. Kinder vergnügten sich damit, die sandigen Bänke heraufzuklettern und im Galopp herunterzulaufen und den Bach zu überspringen, was nicht so gefährlich war, als wenn im Winter Jungen auf ihren niedrigen Preckelschlitten die Twete neben der Apotheke unter Plaatz!!!-Rufen heruntersausten und womöglich unter einem langsam des Weges kommenden Frachtwagen drunterdurch. Man hat nie gehört das ein Unglück dabei passiert wäre.
Wir, die wir im Dorfe Oerlinghausen jung und froh gewesen sind, wir grüßen dich, Stadt Oerlinghausen.
(Februar 1984 - Fritz Soll)
Erläuterungen zum vorstehenden Artikel
Tuten = auf dem Horn blasen
Mistpfule = Misthaufen
Teufelsbrink = s. Reuter-Chronik
altes Kantorhaus = Nieder - Hauptstraße 36
Jägerhof = Jägerhaus
Legge = jetzt Langewort
Holster = Rucksackähnlich
Mömme = Oma
Miste = Misthaufen
Pfarrstraße = früher Papenstraße
Krome = s. Reuter Chronik
Lübbertsmeier - "Alter Vogt" = heute Huwendiek, aber umgebaut
"Putzer" - Reuter = wohnte gegenüber Hofbüker - Tönsbergstraße
Strohdeich = noch nicht festgestellt
Brachtsche "Schloß" = heute Niggemann - Rohnke
Seifenmühle = Oelmühle - unterhalb der Menkhausermühle
Preckelschlitten = ?
Julie Weerth war eine Tochter des Pfarrers Wilhelm Weerth. 1852 nach Oerlinghausen berufen, (später Superintendent) bis zu seinem Tode 1884. Der Sohn Otto Weerth wurde 1928 Ehrenbürger der Stadt Oerlinghausen.