Warum der Zeppelin einst Oerlinghausen ignorierte

Stadtgeschichte: Warum das Luftschiff vor 85 Jahren beinahe über Oerlinghausen geflogen wäre, dann aber doch einen anderen Weg gewählt hat. Es war von Vergeltung die Rede

 

[Bild: Landung in Windelsbleiche: Oerlinghausen hat das Luftschiff am 31. August 1930 links liegen gelassen. Stattdessen fährt die Luftfahrt über Detmold und Bad Pyrmont nach Bielefeld. | © Karin Prignitz]

Oerlinghausen. Als im Jahr 1930 die ersten Segelflugzeuge von den Kuppen des Barkhauser Berges starteten und Segelflugbegeisterte aus nah und fern nach Oerlinghausen kamen, sorgte im selben Jahr ein anderes Ereignis für noch mehr Aufmerksamkeit.

Beim Durchsehen seines gut bestückten Archives ist Heimatfreund Werner Höltke genau auf dieses Ereignis gestoßen, bei dem das Luftschiff "Graf Zeppelin" und das neuerrichtete Ehrenmal auf dem Tönsberg eine große Rolle spielten. Bereits am 21. Mai 1930 hatte die Lippische Volkszeitung angekündigt, dass das seinerzeit von Bielefeld kommende Luftschiff Lippe überfliegen werde. Im September sollte es soweit sein, dass das in Friedrichshafen gebauten "Graf Zeppelin" als eines der größten und modernsten Luftschiffe der Welt die Blicke auch hier auf sich ziehen würde.

[Bild: Besonderer Moment: Diese Aufnahme zeigt, dass der Flug doch noch geklappt hat. Im Jahr 1931 gleitet das Luftschiff "Graf Zeppelin" über Oerlinghausen hinweg. Unter dem Zeppelin ist die evangelisch-reformierte Alexanderkirche zu erkennen. | © Karin Prignitz]

Das mit einer Länge von 200 Metern und der Bezeichnung L127 versehene Luftschiff hatte bereits im Jahr zuvor die Welt umfahren und dabei in zwölf Tagen und zwölf Stunden 34.200 Kilometer zurückgelegt. Werner Höltke hat die Vorfreude der Bergstädter aus einem Brief des Vorsitzenden des Bielefelder Luftfahrtvereins, Schmeißer, an den damaligen Oerlinghauser Bürgermeister herauslesen können: "Wir können Ihnen die erfreuliche Mitteilung machen, dass die Herren Delius und Beining in der vorigen Woche Friedrichshafen erreicht haben", stand dort zu lesen und auch, dass Anfang September 1930 eine Landungsfahrt nach Bielefeld unternommen werden sollte.

[Bild: Heimatforscher: Werner Höltke hat ein Ereignis von 1930 recherchiert. | © Karin Prignitz]

"Da Sie und die Stadt Oerlinghausen dem Luftfahrverein Bielefeld bei der Überlassung des Segelflugplatzes sehr entgegengekommen sind", schrieb der Vorsitzende an den Bürgermeister, "legen wir größten Wert darauf, dass der Graf Zeppelin bei seiner Fahrt nach hier auch Oerlinghausen und das Lipperland überfliegt. Wir wollen hoffen, dass dieses große Ereignis wahr wird."

Tradition

In der Folgezeit bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde die Region Lippe noch mehrmals von Luftschiffen überflogen. „Leider“, sagt Werner Höltke, „hat es sich nicht verwirklicht, dass die Firma Cargolifter mit lastentragenden Luftschiffen die Tradition fortsetzt."

Das hofften auch die Bewohner der Bergstadt, doch sie wurden bitter enttäuscht. Obwohl oder gerade weil die regionalen Zeitungen und der "Allgemeine Anzeiger" am 29. August 1930 über das anstehende Großereignis berichteten und auch darüber, dass der dann an Bord weilende Fabrikant Richard Müller zwei Tage darauf einen Kranz über dem Ehrenmal auf dem Tönsberg abwerfen werde, kam es anders.

"Noch am Vormittag war das Ehrenmal für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen des Königsinfanterieregiments 145 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung eingeweiht worden", erzählt Werner Höltke. "Am Nachmittag fanden sich viele tausend Menschen auf dem Tönsberg ein, um das angekündigte Luftschiff aus nächster Nähe sehen zu können."

Zur angegebenen Zeit jedoch flog das Wunder deutscher Technik zum Entsetzen der Schaulustigen einfach am Tönsberg vorbei und war allerhöchstens in weiter Entfernung auszumachen.

Die lokalen Medien witterten den "Einfluss Bielefelder Kreise", den diese bei der Fahrtroute womöglich geltend gemacht hätten. Eine Zeitung titelte sogar: "Zeppelins Rache." Anders sah das seinerzeit einer der Fahrtteilnehmer aus Bielefeld. Die Tatsache, dass Oerlinghausen auf den Zeppelinbesuch verzichten musste, brachte er damit in Verbindung, dass vorschnell darüber berichtet worden sei, das Luftschiff werde über dem Tönsberg erscheinen, "so dass sich die Oerlinghauser den Besuch des Flugplatzes (in Bielefeld) schenken könnten".

Die Luftschiffführung habe darin offensichtlich eine Schädigung ihrer finanziellen Interessen ausgemacht. Wahrscheinlich, so der Teilnehmer, habe sie durch die großzügiger gewählte Fahrtroute in der "Umgebung" Oerlinghausens "Vergeltung" geübt.