1931 kämpften die Oerlinghauser mit großem Erfolg für die Erhaltung des Amtsgerichtes

Kundgebung mit über 1000 Menschen bei Schnee und Eis

Jetzt rührt sich keine Hand mehr für das Amtsgericht - Zum 1. April 1979 wird es aufgelöst

 

Oerlinghausen (Piet). „Man will uns das Amtsgericht nehmen. Dagegen müssen wir uns wehren.“ Flugblätter mit diesem Text wurden in der Oerlinghauser Innenstadt und den Randbezirken verteilt, allerdings nicht in diesen Tagen, sondern im Februar 1931. Damals, vor nunmehr 47 Jahren, war das Amtsgericht schon einmal in Gefahr. Dank der Initiative der Oerlinghauser Bürger blieb es erhalten. Heute geht niemand mehr auf die Straße, die Proteste vieler Kommunal- und einiger Landespolitiker blieben ungehört: Das Amtsgericht Oerlinghausen wird es ab 1. April 1979 nicht mehr geben. Die vorhandenen Akten wandern nach Detmold, dessen Amtsgericht künftig Oerlinghauser Belange verhandelt, das Personal wird von anderen Justizverwaltungen übernommen. Schon in diesen Tagen herrscht in den Räumen des alten Amtsgerichtes Aufbruchstimmung: die Akten aus Leopoldshöhe, bisher zum Oerlinghauser Amtsgerichtsbezirk gehörend, werden „verlagert“: Leopoldshöhe wird fortan vom Amtsgericht Lemgo mitbetreut.

Erwin Pott, einst stellvertretender Stadtdirektor und heute im Ruhestand als Stadtarchivar tätig, blätterte in Sachen Amtsgericht für die NEUE WESTFÄLISCHE in alten Akten und förderte dabei interessante Dinge zutage. Der legendäre, längst verstorbene Altbürgermeister August Reuter hat die Kernpunkte jener Versammlung, die damals auf dem Oerlinghauser Marktplatz die wundersame Rettung des Amtsgerichtes herbeiführte, festgehalten. Noch niemals habe, so Reuter in seinen Aufzeichnungen - und die Alteingessenen werden sich sicher noch daran erinnern wie der tief verschneite Marktplatz eine solche Kundgebung erlebt. Reuter wörtlich: „Weit über tausend Menschen waren zusammengeströmt, der größte Teil natürlich aus Oerlinghausen selber, aber auch die Umgebung war auffallend stark vertreten, woraus der Bürgermeister folgerte, daß die Bergstadt selbst im Tale viele Freunde habe, denn selbst tiefer Schnee habe sie nicht vom Kommen abgehalten“.

In pathetischen Worten erinnerte August Reuter an die Bedeutung, des Oerlinghauser Amtsgerichtes: „Man will uns unser Amtsgericht nehmen, und man scheint gar nicht einmal zu wissen, was man alles damit zerstört. Man zerstört damit einen Teil unserer Heimat und unser Heimatgefühl“. Und der Bürgermeister fuhr fort: „Wir wollen uns dagegen wehren. Dank Euch, Ihr Männer und Frauen von Oerlinghausen, die ihr durch Euer Erscheinen bewiesen habt, daß Ihr wißt, was diese Stunde der Not und Bedrängnis erfordert. Dank Euch, daß Ihr trotz Eis und Schnee nach Eurem alten Amtssitz gekommen seid, um uns zu sagen: Wir lassen Oerlinghausen nicht im Stich. Wir wollen, daß das Amtsgericht in Oerlinghausen bleibt“.

Was die wenigsten Oerlinghauser wissen werden: Die Anfänge des Amtsgerichtes gehen auf eine über fünfhundertjährige Geschichte zurück. In einer im lippischen Staatsarchiv aufbewahrten Urkunde wird bereits 1474 ein Richter in Oerlinghausen erwähnt. Um 1540 herum war Johann Thofall Vogt und Richter im alten Schloß in Oerlinghausen. Rund 200 Jahre später wurde die Vogtei in das Amt umgewandelt und aus dem Amt ging 1879 das Amtsgericht hervor, das jetzt genau im hundertsten Jahr seiner Geschichte aufgelöst werden soll.

Reuter beklagte in seiner Rede auch, daß der Reichssparkommissar, nach dessen Urteil das Amtsgericht aufgelöst werden sollte, nur ganze drei Stunden in Oerlinghausen gewesen sei. Ob sich die heutigen Verantwortlichen überhaupt in der Bergstadt umgetan haben, oder ob sie ihre Entscheidung vom grünen Tisch fällten, mag einmal dahingestellt bleiben. Immerhin konnte im Jahre 1931 Bürgermeister Reuter mit Stolz darauf hinweisen, daß das Amtsgericht sogar noch Überschüsse an die Staatskasse abgeführt hat.

Auch der damalige Vorsitzende der Lippischen Industrie- und Handelskammer, Richard Müller, warnte 1931 „vor derartigen Experimenten, die Handel und Gewerbe in Oerlinghausen auf das schwerste belasteten“. Und Stadtverordneter Nieder bat, „die gesunde Entwicklung der Stadt, die erst 1926 Stadtrechte bekommen hatte, doch nicht leichtfertigerweise durch solche Pläne zu hemmen“. Auch die Nachbar-Gemeindevorsteher standen wie ein Mann hinter den Oerlinghausern. Apotheker Dr. Wachsmuth-Melm formulierte seinen Unwillen so: „Ein lebenswilliges Volk an der Westgrenze unseres Lipperlandes ist heute aufgestanden wie ein Mann, um sich zu wehren und hinauszurufen ins Lipperland und ins benachbarte Preußen, daß wir es uns nicht bieten lassen, wenn man daran geht, der Entwicklung unserer heißgeliebten Heimatstadt die Pulsader abzudrücken“.

Die Äußerungen der Redner wurden in einer Resolution zusammengefaßt und dann leitete man das ganze „Paket“ an die zuständigen Instanzen weiter. Stadtarchivar Erwin Pott: „Nach dieser eindrucksvollen Kundgebung, über die auch die Tageszeitungen ausführlich berichteten (sogar mit Bildern, was für die damalige Zeit ungewöhnlich war) findet sich nur noch gelegentlich ein Brief in den Akten. Der damalige lippische Landesvater Heinrich Drake - Oerlinghausens Ehrenbürger - versicherte seinen Freunden in der Bergstadt „man werde alle Gesichtspunkte berücksichtigen....“.

Das tat man denn auch wohl, denn nach dem 21. September 1931 ist im Oerlinghauser Archiv von der Auflösung des Amtsgerichtes keine Rede mehr….. bis vor wenigen Jahren die Diskussion erneut entfacht und jetzt leider auch entschieden wurde.