Vergeblicher Traum von "Bad Oerlinghausen"
(Bild: Hier liegt das Kurzentrum des Dr. Caspari am Ende der Hermannstraße. Ab 1891 hieß es Gasthaus „Zum wilden Jäger", heute ist es die Heimvolkshochschule St. Hedwigshaus. (© Repro Horst Biere)]
Oerlinghausen. Deutschland im Badefieber: Mitte des 19. Jahrhunderts zogen die großen Kurorte wie Baden Baden, Bad Nauheim oder Bad Pyrmont die Adeligen und Wohlhabenden aus ganz Europa zu Sprudelbad, Wandelhalle und Kurkonzert. Auch Oerlinghausen wollte mithalten.
Bei Probebohrungen am Nordhang des Tönsbergs in den 1820er Jahren stieß man bei der Suche nach Kohle auf die Quelle des Haferbachs. Hoffnungen und Spekulationen auf eine gesundheitsfördernde Wirkung schossen ins Kraut. Die Entdeckung der Quelle führte 1860 zur Bildung einer Aktiengesellschaft. Das Unternehmen, das auf diese Weise Kapital für einen Kurbetrieb von seinen Anteilseignern sammelte, wollte sich die heilende Kraft des Wassers zunutze machen.
Es war der Oerlinghauser Arzt Dr. Caspari, der sich zum großen Vorkämpfer des „Kurbads am Tönsberg" entwickelte. Sein „Kurhaus" lag am Ende der Hermannsstraße, dort wo heute das Gebäude der Heimvolkshochschule St. Hedwigshaus steht. Mit dem Tönsberg-Quellwasser rief er einen Badebetrieb zur Heilung von Gesundheitsproblemen aller Art ins Leben. Er verschrieb Wannenbäder, kalte Güsse, Fichtennadel-, Dampf- und sogar Solebäder.
Dr. Caspari lobte die heilende Kraft des Oerlinghauser Wassers und der guten Luft über alle Maßen. In seinen Erinnerungen schreibt er später über die „gesunde Atmosphäre" der Bergstadt: „Die köstliche Luft, die wir Kinder in reichstem Maße genossen und die einfache aber kräftige Ernährung haben mich mit einer Gesundheit ausgestattet, die mich befähigt, auch jetzt noch (als 80-Jähriger) an meinen Körper weitgehende Zumutungen zu stellen."
Doch wirtschaftlich muss sich der Oerlinghauser Kurbetrieb nicht gerechnet haben, denn mit Casparis Kurhaus war es 1891 vorbei. Der Traum von einem offiziellen „Bad Oerlinghausen" floss im wahrsten Sinne des Wortes den Bach runter. Der Landwirt Eduard Bollhöfer übernahm das Badehaus, wandelte das Gebäude in eine Schankwirtschaft um und nannte es „Zum wilden Jäger".
Doch die Oerlinghauser waren vom Virus des Tourismus infiziert. Überall im Ort entstanden Angebote für den deutschen Urlauber. „Oerlinghausen -Sommerfrische und Luftkurort im Teutoburger Wald" lautete der Titel der ersten Urlaubsbroschüre, die der damalige „Verschönerungsverein Oerlinghausen" um 1900 auf den Markt brachte.
Die Pensionen und Hotels lockten die Touristen zu Kaisers Zeiten mit modernsten Angeboten in ihre Häuser. H. Kiffe, der Besitzer des Hotels „Stadt Bremen" (heute „Stadthotel"), offerierte: „Elektrisches Licht, ein separates Schreibzimmer, warme und kalte Bäder, und einen eigenen Hotel-Omnibus zu jedem Zug (nach Asemissen)." Der Scherenkrug, verkehrsgünstig an der Kreuzung der alten Reichsstraße mit der Chaussee Schötmar-Oerlinghausen gelegen, gehörte Adolf Gronemeyer. Er pries außer den „Logiszimmern" seinen Festsaal, seine Kegelbahn und als Besonderheit eine „öffentliche Fernsprechzelle" an.
Die Oerlinghauser Tourismus-Broschüre fasste in blumiger Sprache zusammen: „Im Ort selbst ist ein ziemlich bedeutender Verkehr, hervorgerufen durch fleißige gewerbliche Tätigkeit, die aber nirgends lärmend hervortritt."